Die großen Unbekannten Der Koloss vom Kap

Pilsner Urquell, Miller und Birra Peroni: Die südafrikanische Brauerei SAB schluckt Konkurrenten in aller Welt

Unser heiliges Bier wird verscherbelt, das allerbeste, das wir brauen! Ein Skandal! Die Zecher an tschechischen Stammtischen schrien Zeter und Mordio. Was die Sache noch schlimmer machte, war der Käufer: irgendein Multi aus Afrika. Pilsner Urquell, die nationale Bier-Ikone, demnächst in der Hand von Schwarzen – einfach unvorstellbar! Aber die Übernahme lief, und nicht einmal die staatliche Monopolkommission in Prag konnte sie verhindern.

Das war 1999. Im selben Jahr wurde im Buzz9, einer Kneipe im Johannesburger Stadtteil Melville, zum ersten Mal frisch gezapftes Urquell getrunken – eine Offenbarung für die in puncto Gerstensaft wenig verwöhnten Südafrikaner.

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Man darf annehmen, dass sich ein paar Autominuten von Melville entfernt ein Mann die Hände rieb, der diese Premiere möglich gemacht hatte: Jacobus Meyer Kahn, Denker und Lenker der South African Breweries (SAB). Seine Kommandozentrale liegt auf einem Bergrücken hoch über der Stadt. An der Wand seines Büros hängt die erste Bilanz des Unternehmens aus dem Jahre 1895. Den Schreibtisch ziert ein fetter, grüner Specksteinadler, auf dem Fenstersims steht ein Bierkrug, LouisIII., 300 Jahre alt, massiv Silber.

„Die Tschechen“, erinnert sich Kahn mit einem feinen Lächeln, „waren damals ziemlich sauer. Ihr Urquell hatte zwar einen gewaltigen Ruf, aber die Brauerei machte keine Gewinne mehr.“ Die neuen Bosse änderten das schnell. Heute sind die Exporte aus Pilsen doppelt, die Profite dreimal so hoch. Und, Gambrinus sei Dank, das Bier der Biere wird weiterhin nach alter Sitte gebraut.

Die Traditionsmarke Pilsner Urquell befindet sich in starken Händen. Sie gehört zu einem neuen Weltkonzern. Aus Südafrika. Aus einem Schwellenland.

So manchen polnischen, ungarischen, rumänischen oder russischen Braumeistern erging es in den vergangenen zehn Jahren wie ihren tschechischen Kollegen: Sie waren zunächst erzürnt und schon bald recht froh. Darüber, dass frisches Kapital kam. Dass ihre verrotteten Anlagen modernisiert wurden. Dass der Absatz stieg. In Osteuropa, in Lateinamerika, in Afrika und Asien – überall klopfte der Koloss vom Kap an.

Die South African Breweries befinden sich in einem regelrechten Kaufrausch. Möglich wurde das durch den Untergang der Apartheid im Jahre 1994. Seither dürfen südafrikanische Unternehmen wieder auf den globalen Märkten operieren, von denen sie durch Sanktionen ausgeschlossen worden waren. SAB marschierte voraus, erwarb Objekte in Indien und El Salvador, auf den Kanaren und in der Slowakei. Allein in China besitzt der Konzern 26 Brauereien. In seinen 81 Hotels und Spielkasinos wird sein Bier genauso getrunken wie in der Serengeti oder am Ganges.

Dann, im Mai 2002, der unglaubliche Coup: SAB schluckt den US-Bierkonzern Miller, per Aktientausch, für 5,6 Milliarden Dollar. Ein südafrikanisch-britisch-amerikanischer Riese war geboren, SABMiller, nach Anheuser-Busch die Nummer zwei auf dem Weltmarkt: 42000 Mitarbeiter in 40 Ländern, 122 Millionen Hektoliter Jahresproduktion, 8,3 Milliarden Dollar Umsatz. Zum Vergleich: SABMiller braut per annum mehr Bier als alle 1279 deutschen Brauereien zusammen.

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