Wer die Justizministerin Brigitte Zypries am Wochenende bei der Tagung des Weißen Rings über Gewaltprävention in der Schule sah, wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass sie unter Beschuss steht. Angegriffen wirkt sie nicht. Es ist ein Heimspiel, sie selbst ist Mitglied. Ein routiniertes Grußwort, eine kurze Warnung vor Fernsehkameras auf dem Schulhof, das war es. Jeder Politiker hätte die Gelegenheit genutzt, im aktuellen Streit seine Position zu erklären. Denn ihre „Humboldt-Rede“ hatte nicht nur einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Spekulationen florierten. Was hat sie getrieben – oder wer? Verletzende Unterstellungen, die zwar Sympathie bekundeten, aber eine eigene Substanz rundweg absprachen.

Für Maria Böhmer, Vizechefin der CDU-Fraktion, ist die Zypries-Rede „sehr gezielt und kühl kalkuliert“. Schröder habe ja schon vor der Fraunhofer-Gesellschaft angekündigt, das Stammzell-Gesetz sei revisionsbedürftig. Er brauche ein Öffnungssymbol für die Innovationsdebatte und Zypries habe es geliefert. Wenn sie auch die Präimplantationsdiagnostik (PID) und das therapeutische Klonen ablehne, so „täusche sie“, weil sie das stärkste Schutzargument, den Artikel1 des Grundgesetzes, nicht für einschlägig halte. Das sei „ein Rückfall“. Die Verabschiedung des Stammzell-Gesetzes sei immerhin „eine Sternstunde des Parlaments“ gewesen und habe auch „Rechtssicherheit für die Forschung gebracht“. Auch ihr Parteifreund René Röspel, der jetzige Vorsitzende der Ethik-Enquetekommission des Bundestags, ist „enttäuscht“, dass ausgerechnet „die Hüterin der Verfassung“ nicht die Mehrheitsposition des Parlaments vertritt. Die grüne Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt findet, dass sie „die Menschenwürde selbst zur Disposition gestellt hat“. Reinhard Loske, Vizefraktionschef der Grünen, beklagt den „schroffen Kurswechsel“ und rätselt über eine hidden agenda. Denn bei der Stammzell-Forschung gebe es augenblicklich keinen Handlungsbedarf.

Solche Unterstellungen passen nicht recht zum Auftreten der Ministerin. Beim Mittagessen in Mainz sitzen die Vorständler des Weißen Rings zusammen und machen Komplimente, aber Brigitte Zypries teilt das Essen aus; nicht als mütterliche Geste, sondern weil sie die Dinge gern in die Hand nimmt, flott, resolut, kräfteökonomisch. Sie hört zu. Was sie zu sagen hat, wird klar und direkt ausgedrückt. Ihr gegenüber sitzt ihr ehemaliger Vorgesetzter, der damalige niedersächsische Sozialminister Wolf Weber. Er schwärmt noch heute von ihrer Konfliktfreude.

Der Verdacht, sie agiere nach einer hidden agenda, irritiert Brigitte Zypries eher. Erst in zweiter Linie fühlt sie sich gekränkt, Opfer eines männlichen Vorurteils. Für die Rede kann sie nur eine einfache Erklärung anbieten. Als die Berliner Humboldt-Universität sie vor einem halben Jahr einlud, sah sie die Pflicht, sich auch rechtspolitisch grundsätzlich von ihrer Vorgängerin Herta Däubler-Gmelin abzugrenzen. Also griff sie genau das Thema auf, mit dem sich jene am schärfsten gegenüber dem Kanzler profilierte: die Biopolitik. Beraten hat sie sich lediglich mit ihrem Haus und mit dem Nationalen Ethikrat. Überrascht hört man nun, dass sie von der Schärfe und Breite der Reaktionen „überrascht“ sei. „Ich hatte nicht erwartet, dass meine Rede gleich auf die Seite eins kommt.“ Denn sie wollte nur die Debatte, aber keine Gesetzesänderung. Und debattieren müsse man, schon wegen des Prüfauftrags im Stammzell-Gesetz. Das klingt allzu blauäugig. Margot von Renesse, die zusammen mit Maria Böhmer und Andrea Fischer zu den Müttern des Stammzell-Gesetzes gehörte, reagiert da fassungslos: „Man greift kein Gesetz an, wenn man es nicht ändern will.“ Aber andererseits: Direkte Gründe für den Zweifel, Zypries meine nicht das, was sie sage, ergeben sich weder aus ihrer Geschichte noch ihrem Charakter.

Sie war Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht, als Schröder sie 1971 als Referatsleiterin in die Staatskanzlei nach Hannover holte. 1997 stieg sie zur Staatssekretärin im Sozialministerium auf, und 1998 holte sie der Kanzler nach Berlin, als Staatssekretärin im Innenministerium. Als Otto Schily bei seinem berüchtigten „Rundgang“ am Freitagnachmittag im Ministerium verwaiste Beamtenschreibtische entdeckte und sich mit dem Haus anlegte, war es Zypries, die dafür sorgte, dass der Minister künftig Termine hat. Geräuschlose Erledigung, das ist ihr Markenzeichen.

So hat sie die Netzumstellung des mit alarmierenden Adjektiven versehenen „Jahrtausendwechsels“ 1999/2000 problemlos organisiert. Als „Schröders Deichgräfin“ hat sie nach der Flutkatastrophe 2002 die Verteilung der Milliarden-Bundeshilfe trotz aller Instanzen ohne alles öffentliche Aufsehen bewältigt, wobei nicht einmal auffiel, dass sie sich selbst gar nicht in Szene setzte. Wenn man ihr Stil zubilligt, dann den einer entspannten Exekutive. Sie konnte zugeben, dass sie „eigentliche keine Politikerin ist“. Auch noch nach der Amtsübernahme des Justizressorts bekannte sie, wie gern sie Staatssekretärin war. Das Haus, gequält von der rechthaberischen Ungeduld Däubler-Gmelins, atmete förmlich auf. Tenor: „Ein Wunder, dass man jetzt einen Gedanken zu Ende führen kann.“ Sie verspricht wenig, und vor allem dealt sie nicht mit den Grünen, wie es ihre Vorgängerin beispielsweise mit dem Antidiskriminierungsgesetz tat.

Wenn sie sich jetzt auf das verminte Gelände der Bioethik und in den Bereich normativer Hochspannung gewagt hat, mag das als Widerspruch zu ihrer exekutiven Pragmatik erscheinen. Aber pragmatisch sah sie auch die Pflicht. Die lebensgeschichtliche Nähe zu Schröder heißt nicht, dass sie für ihn den Minenhund spielt. Mit dem Kanzler verbindet sie Loyalität und eine Gemeinsamkeit der Aversionen und Grundhaltungen. Doch Konsens widerspricht eben nicht der eigenen Meinung. Sie hat als einzige Ministerin unmittelbaren Zugang zum Kanzler. Aber bemerkt wird auch, dass sie bei grundsätzlich politischen Themen oft ihre Beamten vorschickt. „Moralischen Fundamentalismus lehne ich ab“, sagt sie. Schröder könnte das auch sagen. Wie er, wittert sie schnell den ideologischen Ernst der Deutschen. Sie will nicht im Namen eines ethischen Rigorismus eine Sonderrolle in Europa spielen. So sieht sie im Gegensatz zu den Grünen „keinen Spielraum“ bei der Übernahme der EU-Norm zum Biopatentschutz und sucht ihn auch nicht. Auf die bioethische Problematik wollte sie sich Reinhard Loske zufolge nicht einlassen – „eine unpolitische Mentalität, wie eine Beamtin“, ein „unangenehmer“ Verhandlungsstil.

Auch ihre Humboldt-Rede spiegelt die pragmatische Grundhaltung wider. Sie hat einen rechtspositivistischen Bekenntnischarakter. Dass in der Biomedizin rechtliche, naturwissenschaftliche und religiöse Fragen verwoben sind, sieht sie eher als Problem und nicht als Herausforderung. Grundsätzlich „skeptisch“ ist sie, wenn aus der Verfassung „unbedingte Antworten“ abgeleitet werden. Genau dies rückt sie in die Nähe zur biomedizinischen Forschung. Ein spezieller lobbyistischer Druck muss da nicht konstruiert werden. Aber es wundert auch nicht, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die den Einspruch der Theologie in der Biologie unerträglich findet, in ihr endlich eine Vertreterin der Forschungsfreiheit sieht und große Sympathie zeigt. Pragmatisch ist letztlich auch die Entblößung des Embryos in vitro vom Artikel 1. Brigitte Zypries sieht den absoluten Schutz durch die Menschenwürde in Gefahr, weil ihr zufolge Abwägungstatbestände drohen. Der Staat könne keine austragungsbereite Frau garantieren. Außerdem: Wieso kommt deutschen embryonalen Stammzellen Würde zu und israelischen nicht? Sie sieht bei der Verteidigung der Menschenwürde für den Zellhaufen in der Petrischale eine zugespitzte Nano-Ethik ohne alle intuitive Anschaulichkeit am Werk. Der Lebensschutz nach Artikel 2 ist elastischer, wegen des Gesetzesvorbehalts. Er biete „den gesetzgeberischen Spielraum“, sei mithin demokratischer. Um PID und therapeutisches Klonen abzulehnen reichen ihr gesellschaftspolitische Gründe. Sie versteht nicht, dass der Bundestag so „ängstlich ist“ und gleich seine restriktiven Gesetze in Gefahr sieht. Dass der „weltanschaulich neutrale Staat“ Habermas zufolge „in einer ,ethisch‘ umstrittenen Inanspruchnahme von GG Artikel1 und 2 nicht Partei ergreifen“ darf, glaubt sie nicht. „Der Staat muss entscheiden.“