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Mit vier Jahren in die Schule
Experten fordern weniger Ferien und mehr Unterricht für alle. Ein Gespräch mit dem Berliner Bildungsforscher Dieter Lenzen
die zeit: Herr Professor Lenzen, geht es nach Ihnen und der bayerischen Wirtschaft, werden Samstage bundesweit wieder Schultage, werden Ferien zur Lernzeit. Sind unsere Schüler unterbeschäftigt?
Dieter Lenzen: Zum Teil, glaube ich, schon. Wir wissen, dass viele Kinder und Jugendliche sich im Unterricht langweilen. Doch darum geht es nicht in erster Linie.
die zeit: Sondern?
Lenzen: Unsere Studie kommt zum Schluss, dass wir in Deutschland alle Bildungsreserven nutzen müssen, wenn wir unser derzeitiges Wohlstandsniveau in Zukunft halten wollen. Dazu gehört als ein Punkt unter vielen auch der Unterricht am Samstag. Zudem sollten wir Teile der Schulferien nutzen, Schüler individuell zu fördern. Ich denke da an Nachholkurse für schwache oder Spezialangebote für besonders gute Schüler. Älteren Schülern sollten wir zudem die Ferien auf den Umfang verkürzen, der auch Auszubildenden in der Lehre zusteht, nämlich acht Wochen im Jahr.
die zeit: Was führt Sie zu so drastischen Maßnahmen?
Lenzen: Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Bislang diskutieren wir nur, was der demografische Wandel für die Rente und das Gesundheitswesen mit sich bringt. Genauso wichtig ist die Frage, wie die Bildungsinstitutionen darauf reagieren müssen, dass immer weniger junge Leute immer mehr ältere ernähren müssen. In den kommenden 40 Jahren werden die Arbeitskräfte von 40 auf 25 Millionen zurückgehen.
die zeit: Das ist ja noch ein paar Jahre hin.
Lenzen: Die Weichen sind bereits gestellt. Unsere Berechnungen ergeben, dass durch die demografische Entwicklung die Zahl der Hochqualifizierten massiv zurückgehen wird. Sie sind jedoch Deutschlands wichtigste wirtschaftliche Ressource. Nehmen wir den Anteil der 30- bis 39-Jährigen, die innovativste Altersgruppe in jeder Bevölkerung. Ihr Anteil an den Arbeitskräften liegt heute noch bei 30 Prozent. Im Jahr 2020 wird er nur bei 23 Prozent liegen. Deutschland steuert auf einen dramatischen Arbeitskräftemangel zu.
die zeit: Aber es gibt doch viele Arbeitslose.
Lenzen: Die werden wir auch behalten. Das ist das Paradoxe: Wir haben in Zukunft zu viele und zu wenige Arbeitskräfte, zu viele schlecht ausgebildete und zu wenige hoch qualifizierte.
die zeit: Wie lautet Ihre Gegenstrategie?
Lenzen: Die Greencard-Option, also hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, ist gescheitert. Das Interesse an Deutschland ist lange nicht so groß, wie Politiker und Bewohner hierzulande glauben. Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig, als die eigene Bevölkerung auf ein höheres Bildungsniveau zu heben. Dafür brauchen wir eine massive Qualifizierungsoffensive für alle Altersschichten, insbesondere eine Erhöhung der Abiturquote. In Bayern etwa schließen nur 25 Prozent eines Altersjahrgangs die Schule mit dem Abitur ab.
die zeit: Wie viele Abiturienten brauchen wir?
Lenzen: Wir gehen davon aus, dass bis 2020 die Hälfte aller Schulabgänger einen Hochschulabschluss haben muss, um den heutigen Status quo an qualifizierten Arbeitskräften zu halten. Das hieße, wir benötigten eine Abiturientenquote um die 70 Prozent. Das mag sich viel anhören, doch viele Industrieländer haben dieses Ziel bereits heute erreicht. Ebenso jedoch müssen wir unsere Schüler ohne Abitur besser ausbilden, um die Zahl der Facharbeiter konstant zu halten. Auch hier hat Deutschland ein riesiges Problem. Jeder fünfte Schulabgänger das hat Pisa gezeigt ist den Anforderungen von Lehre und Berufsschule nicht gewachsen. Das heißt, wir müssen nicht nur die Zahl der Hochqualifizierten vermehren, sondern ebenso die Zahl der Lernschwachen verringern.
die zeit: Wie müssen sich die Bildungseinrichtungen verändern, um dieses Ziel zu erreichen?
Lenzen: Je nach Alter brauchen wir unterschiedliche Strategien. Die wichtigste Gruppe sind die heute bis 20-Jährigen, da sie die Leistungsträger von morgen sein werden. Wir fordern für sie eine Einschulung möglichst bereits mit vier Jahren sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Kindergarten und der Grundschule. Ebenso früh müssen wir das Lernpotenzial des einzelnen Schülers in den Blick nehmen, also die Lernschwachen wie die besonders Begabten erkennen und sie entsprechend fördern und fordern.
die zeit: Warum ist der Faktor Zeit so wichtig?
Lenzen: Zum einen, weil wir tatsächlich keine Zeit verlieren dürfen, um dem drohenden Arbeitskräftemangel zu begegnen. Zum anderen verschwendet das deutsche Bildungssystem Lernzeit in einer unverantwortlichen Weise. Wir schulen die Kinder nicht nur sehr spät ein. Wir halten sie auch viel zu lange in der Schule. Zwischendurch lassen wir einen großen Teil der Schüler auch noch eine Klasse wiederholen. Später, im Studium, wiederholt sich das Muster: Kaum irgendwo sind die Studienzeiten so lang wie in Deutschland.
die zeit: Sie wollen die Schüler mehr lernen lassen, aber in kürzerer zeit. Wie soll das gehen?
Lenzen: Wir müssen die Unterrichtszeit verdichten. Bei der Ganztagsschule sind wir auf dem richtigen Weg. Das deutsche Unikum der Halbtagsschule ist passé, weil wir davon ausgehen, dass fast jede Mutter in Zukunft arbeiten wird. Aber auch die erwähnte Lernzeit am Samstag und in den Ferien ist eine sinnvolle Verdichtung.
die zeit: Nur einen Teil der Bevölkerung erreichen sie noch über Schule und Hochschule. Was geschieht mit denen, die bereits arbeiten?
Lenzen: Denen müssen wir Nachschulungen sowie eine bessere Weiterbildung anbieten. Das betrifft besonders die heute 35- bis 50-Jährigen, schließlich werden sie noch weit ins siebte Lebensjahrzehnt hinein arbeiten müssen. Bislang kürzen viele Unternehmen in Zeiten der Krise gerade bei der Weiterbildung. Das ist kontraproduktiv, wie wir schon heute bei den Ingenieuren sehen. Einerseits klagen die Unternehmen über einen Ingenieurmangel, andererseits gibt es arbeitslose Ingenieure, die jedoch nicht mehr auf dem neuesten Stand ihres Faches sind. Diese Verschwendung von Arbeitskraft können wir uns nicht mehr leisten.
Das Gespräch führte Martin Spiewak
Dieter Lenzen ist Erziehungswissenschaftler, Präsident der FU Berlin sowie Mitautor der Studie Bildung neu denken für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Diese wollte wissen: Wie können wir in Zukunft dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften begegnen?
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- Datum 22.4.2008 - 10:23 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT
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