Antisemitismus Trotzki und „Tätervolk“Seite 2/2
Sündenbock mit Davidstern
Dies ist nicht nur ein deutsches Problem, manifestiert es sich doch bei jedem Anti-Globalisierungs-Aufmarsch, bei jeder Demo gegen die USA. Zum Beispiel auf T-Shirts in Porto Alegre 2003, die einen zum Hakenkreuz umgebogenen Davidstern zeigten. Oder auf der Anti-Rassismus-Konferenz in Durban, wo Israel in einer Resolution des „Völkermordes“ bezichtigt wurde. In seinen Reden phantasierte der malaysische Premiers Mahathir, von der jüdischen Verschwörung gegen die Dritte Welt. Schließlich kennt man die Namen. Früher hießen sie Rothschild, jetzt heißen sie Greenspan (US-Zentralbank), Rubin (US-Finanzminister), Wolfensohn (Weltbank). Ganz rechts wird die New World Order zur Jew World Order ; so schließt sich der Kreis. Es ist eine alte Botschaft im neuen Gewand. Was Markt und Modernisierung anrichten, heischt einen Sündenbock, und auf dessen Fell ist der Davidstern eingebrannt.
Im Vergleich zum weltweiten Neo-Antisemitismus, der mal seine traditionelle, meistens aber eine anti-israelische Fratze zeigt, ist Hohmann/ Günzel nur eine Fußnote. Wichtiger aber als der Rausschmiss des Politikers aus Fraktion und Partei ist eine andere Botschaft: Dieses Land hat derlei Fußnoten nicht nötig. Denn es muss sich nicht seines moralischen Wertes versichern, indem es den Makel der Vorfahren auf Juden, Israelis, Amerikaner überträgt, ob verquast oder offen.
Sechs Jahrzehnte n. H. bleibt Deutschland zwar in der Verantwortung, aber nicht mehr in der Bewährung. Dies ist die liberalste Demokratie in Europa und eine der stabilsten obendrein. Extreme Parteien haben hier trotz Massenarbeitslosigkeit keine Chance, und unsere Demagogen heißen Schill oder Lafontaine, Musterknaben im Vergleich zu den Figuren, die auf der Weimarer Bühne herumtrampelten.
Wenn die Herren Hohmann und Günzel nach Nationalstolz und Selbstwert lechzen, dann mögen sie sich an der glücklichen Geschichte dieser Republik laben. Die gibt mehr her als das Gefasel über Trotzki und „Tätervolk“.
- Datum 13.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.11.2003 Nr.47
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