mythos Nichts als ein RäuberSeite 4/4
„Bückler war tot, doch nicht der Schinderhannes“, so lässt Gerd Fuchs seinen Roman Schinderhannes von 1986 (gerade neu aufgelegt in der Hamburger Edition Nautilus) enden. Tatsächlich lebte Schinderhannes nach seiner Hinrichtung fort, und zwar nicht als der, der er gewesen war, sondern wie man sich ihn imaginierte: als ein Robin Hood des Hunsrück, der den Reichen genommen hatte, um den Armen zu geben. So beschrieb ihn bereits der anonyme Autor der Kriminalgeschichte voller Abenteuer und Wunder und doch streng der Wahrheit getreu , die 1802 erschien. Vergeblich versuchte Johann Nicolaus Becker, der bei der Verhaftung der Schinderhannes-Bande mitgewirkt hatte, in seiner Aktenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beiden Ufern des Rheins von 1804, der Legendenbildung entgegenzutreten: „Wenn man das Ganze kalt übersieht, so bleibt am Ende nichts als ein armseliger Poltron [= Maulheld] von Straßenräuber übrig.“ Doch je weiter der Tod Bücklers zurücklag, desto üppiger schoss der Schinderhannes-Mythos ins Kraut. In Liedern und Balladen, in Dramen und Puppenspielen, in Romanen und Biografien wurde das Hohelied auf den edlen Räuber gesungen, der das Geraubte verschenkt und mutig gegen die französische Besatzungsmacht gekämpft habe.
Das setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort, von Carl Zuckmayers volkstümlichem Schauspiel Schinderhannes (1927) bis zu Helmut Käutners erfolgreichem Kinofilm von 1958 (mit Curd Jürgens und Maria Schell in den Hauptrollen), der den vorläufigen Höhepunkt in der Romantisierung und Verkitschung des historischen Stoffes markiert. Obwohl seit den siebziger Jahren einige seriöse Darstellungen erschienen sind, scheint der Mythos ungebrochen. Mit der realen Figur des Johannes Bückler, diesem gewöhnlichen Räuber und Mörder, hat er freilich nichts zu tun.
Literaturhinweis:
Peter Bayerlein: Schinderhannes-Ortslexikon Verlag Ernst Probst, Mainz; August 2003, 288 S., 29,– EuroSchinderhannes-OrtslexikonSpezialPeter BayerleinBuchVerlag Ernst Probst2003, AugustMainz29288Gerd Fuchs: Schinderhannes Edition Nautilus, Hamburg, August 2003 (Neuauflage), 286 S., 14,90 EuroSchinderhannesSachbuch(Neuauflage)Gerd FuchsBuchEdition Nautilus2003Hamburg14,90286- Datum 13.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.11.2003 Nr.47
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