musikindustrie Prinzip Sternschnuppe
Bertelsmann und Sony wollen ihre Musik-Labels fusionieren. Ihr großes Problem bleibt: Stars zu erschaffen ist teurer und riskanter denn je
Wonderwall hat alles, was eine Band mitbringen muss. Fans und Erfolg und noch mal Erfolg. Kati, eLa und Jule kennen sich aus der Schule, die drei sind Wonderwall. Oder waren es bis vergangenen Freitag, als Jule ausstieg. Nun sind sie nur noch zwei bei Wonderwall.
"I'm sittin' here and don't know what to do."
So beginnt ihre aktuelle Single, und sie beschreibt recht gut die Wochen vor der Trennung. Aber in der Geschichte der Band und in den Zeilen dieses Liedes steckt viel mehr: Kati, eLa und Jule singen das Lied einer ganzen Branche, das Lied der globalen Musikindustrie.
„Ich sitze hier und weiß nicht, was ich tun soll.“
Nach der Schule bekam Wonderwall den ersten Plattenvertrag bei Warner Music, einem der fünf größten Musikkonzerne der Welt. Die Single Just More verkaufte sich mehr als 250000-mal, das Album Witchcraft mehr als 150000-mal. Die Band wurde mit zwei Goldenen Schallplatten belohnt und zum „Newcomer des Jahres 2002“ gewählt, was ein schöner Erfolg ist. Doch sie hätte viel mehr erreichen können, wenn es das Internet nicht gäbe. Warner hat genau registriert, dass die Lieder von Wonderwall zu den beliebten Tauschobjekten im Netz gehören. Auf vier verkaufte CDs kommen sechs illegal getauschte.
Für die drei Sängerinnen aus Köln ist das nicht so dramatisch. Warner Music verdient mit ihnen trotzdem Geld. Aber die alte Regel, dass die Stars von heute die von morgen durch ihre Gewinne mitfinanzieren, sie gilt nicht mehr, weshalb so viele Musikkonzerne existenzbedrohende Verluste melden.
„Wir sitzen ratlos vor den Daten“, sagt Gunter Thielen, der Vorstandschef des Medienkonzerns Bertelsmann, über die Entwicklung. Ratlos, weil das Geschäftsmodell, das die Plattenfirmen groß gemacht hat, sie nun zu ruinieren droht. Rolf Schmidt-Holtz, der Chef der Bertelsmann Music Group (BMG), pflichtet bei: „Es ist ein kollabierender Markt.“ Ende der vergangenen Woche haben die deutsche BMG und die japanisch-amerikanische Sony Music angekündigt, ihre Platten-Label zu fusionieren. „Kaufleute, Juristen und die allgemeine Verwaltung“ zusammenzulegen soll rund 300 Millionen Euro einsparen. Gleichzeitig verhandeln auch die amerikanische Warner Music und die britische EMI miteinander. Sollten die Wettbewerbsbehörden beide Zusammenschlüsse genehmigen, wären die neu formierten Unternehmen so groß wie der bisherige Marktführer Universal Music. Jeder würde ein Viertel des Marktes beherrschen, der immer noch fast 30 Milliarden Dollar umfasst.
Lieder für Revolutionen
Noch vor wenigen Jahren konnten die Konzerne Milliarden Dollar damit verdienen, Melodien für friedliche Revolutionen und soziale Proteste zu liefern, Glück zu verbreiten und Erinnerungen zu schaffen. Vorbei. Heute stockt die ewige Erneuerung. Die Suche nach Sängern, die Suche nach dem kreativen Rohstoff und seine spätere Vermarktung sind für die Weltkonzerne zu einem fast untragbaren Risiko geworden.
Schon im Jahr 2002, als der Umsatz der deutschen Musikindustrie um elf Prozent auf 1,97 Milliarden Euro schrumpfte, sank die Zahl der Neuerscheinungen um 20 Prozent. In diesem Jahr fallen die Umsatzeinbußen doppelt so hoch aus, und niemand wagt, die Folgen für die Kreativen genau abzuschätzen. Aber schon jetzt sei abzusehen, „dass die Zahl der f ront releases , der neu erarbeiteten Alben, abnimmt“, sagt Tom Bohne, Chef des Labels Polydor -Island. Dazu passt, was Manfred Gillig-Degrave, Chefredakteur der Zeitschrift Musikwoche, erlebt: „Es sind auffällig viele Kontrakte gelöst worden.“
Also probieren es die Konzernmanager mit einer Fusion. Bertelsmann brächte sie eine Atempause, weil BMG und Sony mit ihren Stars Britney Spears, Carlos Santana, Peter Maffay, Jennifer Lopez, Patricia Kaas und Sarah Connor noch Geld verdienen und es auch noch einige Jahren können. Manch ein Manager lässt sich deshalb die Namen auf der Zunge zergehen wie ein Rauschmittel – oder wie eine Beruhigungstablette. Denn eigentlich fürchten sie die Zukunft und die Raubkopierer im Internet. Nicht einen einzelnen. Aber alle zusammen.
Der deutsche Sänger Xavier Naidoo hat gesagt, seine Stücke seien manchmal schon im Internet zu haben, bevor er selbst das Masterband, die letzte Version vor der Veröffentlichung, zu hören bekomme. So etwas kann nur geschehen, wenn selbst Mitarbeiter in den Plattenfirmen jede Hemmung verlieren und die Musik im Internet verbreiten. Dort füllen raubkopierende Schüler und Erwachsene ihre Computer. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 160 Millionen bespielte Musik-CDs und 260 Millionen unbespielte CD-Rohlinge verkauft, die nicht lange unberührt blieben, weil mehr als 22 Millionen Menschen darauf Musik gespeichert haben.
Und doch sind Rohlinge und Raubkopien nur ein Grund für die Krise der Musikkonzerne. Mindestens ebenso sehr belasten sie die enorm gestiegenen Marketing-Kosten. Jeder Sänger, der bekannt werden will, braucht ein Video. „Einen Clip zu drehen kostet zwischen 20000 und einer Million Euro“, sagt Dieter Gorny, Gründer des Musikkanals Viva und Chef der VivaMedia AG, dazu kommt die übliche Werbung. Um etwa das erste Album der Gruppe Wonderwall bekannt zu machen, investierte der Musikkonzern Warner rund 300000 Euro. Ein hohes Risiko, weil von dem durchschnittlichen CD-Preis von 18 Euro nur etwa drei Euro an das Label fließen. Da muss die Band schon einen Hit landen, um die Kosten einzuspielen.
Die sinkenden Verkaufszahlen und die steigenden Marketing-Kosten haben die Plattenfirmen zum Handeln gezwungen. Heute versuchen sie alternative Strategien im Internet, und sie gehen neue Wege, um große Gefühlswellen zu erzeugen, damit die Fans für die Musik zahlen wollen.
Gefühl steigert Absatz, und weil das Fernsehen ein so emotionales Medium ist, tauchen Sänger immer häufiger jenseits der Musikkanäle Viva und MTV auf. Und das nicht nur in der Show Deutschland sucht den Superstar. Sternchen wie Jeanette Biedermann und Yvonne Catterfeld aus der täglichen Soap Gute Zeiten, Schlechte Zeiten haben sich scheinbar plötzlich in Schlagerwunder verwandelt. Es war natürlich längst von Label und TV-Produzent so geplant. Ein cleverer Einfall, wenn auch kein neuer. Schon in den sechziger Jahren startete die amerikanische Kunstband The Monkees mit einer Fernsehserie in ihre kurze Musikkarriere.
Martin Pauen, der Manager von Wonderwall, erzählt, wie das Fernsehen auch seinen Sängerinnen geholfen hat. Als die ersten zwei Singles Who am I? und Witchcraft nicht den erhofften Erfolg brachten, trat Warner an die Produzenten der ARD-Vorabendserie Marienhof heran, um über eine Kooperation zu reden. „Da wurde vereinbart, die dritte Single Just More als Hintergrundmusik zu einer Liebesgeschichte innerhalb der Serie einzuspielen. Erst nur ein bisschen. Dann immer stärker, und weil das Lied gut war, stieg es nach einigen Wochen in den Hitlisten.“ Auf der Single prangte gleichzeitig ein dicker Aufkleber „Der Hit aus dem Marienhof“, und am Ende schaffte es Just More auf Platz zehn unter allen Singles des Jahres 2002.
Eine noch wirksamere Methode, mithilfe des Fernsehens nicht nur die Fans an eine Gruppe zu binden, sondern auch die CD-Verkäufe zu steigern, hat die Produktionsfirma Tresor TV entwickelt. Sie besitzt die Rechte an der Sendung Popstars, einer Castingshow, aus der Bands wie No Angels und Bro’Sis hervorgegangen sind. Vor einer Woche endete die dritte Staffel im Sender ProSieben.
Für die aktuelle Ausscheidung hatte sich Holger Roost-Macias, der Chef von Tresor TV, eine Zusammenarbeit mit der Fast-Food-Kette McDonald’s ausgedacht: Während die Boyband Overground und die Girlband Preluders wochenlang um die Gunst der Zuschauer sangen, standen ihre CDs für 1,99 Euro bei McDonald’s auf dem Tresen. Jede verkaufte CD zählte in der letzten Sendung als Stimmkarte für die eine oder andere Band. „Wir wollten eine Zielgruppe erreichen, die sonst keine CDs kauft. Kids, die meistens raubkopieren“, sagt Roost-Macias, dessen Firma die Grenze zwischen Fernseh- und Plattenproduktion längst überwunden hat.
Die Idee war ein Erfolg, denn innerhalb von vier Wochen verkaufte Tresor TV mehr als 1,2 Millionen CDs. Den möglichen Vorwurf, aus der Nähe zu Fast Food sei zu schließen, hier handele es sich um Fast Music, kontert Roost-Macias: Die Bands hätten einen langfristigen Plattenvertrag mit Polydor Island bekommen. Außerdem sei wohl unstrittig, dass sich die No Angels mit ihren Nummer-eins-Hits in den vergangenen drei Jahren als Musikerinnen mit viel Potenzial bewiesen hätten.
Trotzdem verfestigt sich der Eindruck. Fast Food. Fast Music und McLieder – wenn auch nicht unbedingt bei Tresor TV. Viva-Chef Dieter Gorny sagt zwar: „Wenn eine Band etwas zu sagen hat, wenn sie selbstbewusst ihre Musik macht und die Fans emotional erreicht, dann ist Musik heute noch genauso wertvoll für den Fan wie vor zwanzig Jahren.“ Aber wie steht es ums Gefühl? Als Ereignis in der Musik gilt es schon, wenn sich zwei Sängerinnen auf offener Bühne küssen. Zumindest in Deutschland, sagt Polydor-Island-Chef Bohne, „wurde es in den neunziger Jahren nicht geschafft, genügend Idole aufzubauen“. Bohne ist nicht der Einzige, der diese Lücke sieht. Vor gerade einmal zwei Wochen hat der oberste deutsche Talentsucher und BMG-Manager Thomas Stein zu einem Kreativtreffen nach München geladen. Vor 150 Branchenvertretern sagte er, dass in Deutschland „Künstler und Songwriter“ fehlen. Doch sie zu entdecken braucht Zeit und Geld. Und es muss sich lohnen.
Deshalb schaut die Branche nach Amerika, ob dort legale Internet-Angebote und eine Klagewelle der Industrie gegen private Raubkopierer die Erlöseinbrüche stoppen und den nötigen Spielraum bringen. Hoffnungsvolle Nachrichten liefert der Computerhersteller Apple. Im April hat er seinen iTunes Music Store vorgestellt, bisher rund 17 Millionen Lieder im Internet verkauft und den Marktforschern von Nielsen zufolge rund 80 Prozent des kleinen Online-Musikmarktes erobert.
Trotzdem gibt es Nachahmer aus der Internet-Branche. RealNetworks, das mehr als eine Million Abonnenten für bezahlte Internet-Mediendienste hat, kopierte das Geschäftsmodell und verkauft ebenfalls Lieder für 99 Cent an seine Kunden. Ende Oktober ist auch der Nachfolger der Tauschbörse Napster, der nur noch den Namen und das Katzenlogo mit dem Ursprungsprogramm gemein hat, mit einem Angebot von 500000 Musikstücken in den Wettbewerb eingestiegen. Entweder im Abo-Paket für 9,95 Dollar oder zum Einzelpreis von 99Cent. Schon überlegen die Manager des Internet-Portals Yahoo, die Napster-Version zu übernehmen.
Hoffnung auf neue Subkulturen
Sie alle glauben an das Online-Musikgeschäft, weil gleichzeitig die Klagen des Musikverbandes RIAA gegen private Raubkopierer erste Wirkung zeigen. Tauschbörsen wie KaZaa haben inzwischen 40 Prozent weniger Nutzer als zu Hoch-Zeiten, wie die Marktforscher von Nielsen erhoben haben. Eine weitere Studie von Peter Hart Research besagt, dass sich im Oktober schon 75 Prozent der Befragten „bewusst“ waren, das Raubkopien illegal sind. Im Vorjahr lag dieser Wert gerade mal bei 37 Prozent, was beweise, dass die Klagen und eine Medienkampagne (Education and enforcement campaign) wirken, heißt es beim US-Musikverband. Ob das die Umsätze merklich steigen lässt? „Wir gehen davon aus“, sagt RIAA-Sprecher Jonathan Lamy. „Aber für genaue Zahlen ist es zu früh.“
Es bleiben erste Anzeichen für eine Besserung. Aber sie gelten eben nur für das Online-Geschäft in den USA, weshalb Musikmanager für die Zukunft des europäischen und speziell des deutschen Geschäfts nüchterne Schlüsse ziehen. BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz sagt: „Durch die Fusion mit Sony gewinnen wir finanziellen Spielraum für unsere Kreativen. Wir sichern Vielfalt, weil lokale Sänger die Chance auf einen internationalen Erfolg bekommen. Bei den derzeitigen Verkaufszahlen ist das eine Chance für das lokale Repertoire.“ Anders gesagt, funktioniert das traditionelle Geschäftsmodell der Konzerne in kleinen Märkten künftig für eine immer kleinere Zahl von Künstlern.
Abseits der globalen Konzerne muss sich ein Teil des Musikmarktes neu organisieren. Viva-Chef Dieter Gorny hofft auf „neue Subkulturen“. In England hat sich schon die Firma Sanctuary Records zu einem Auffangbecken für Musiker entwickelt. Das Unternehmen hat auch eine Dependance in Deutschland, arbeitet mit niedrigen Marketing-Budgets und kann deshalb mit geringeren Stückzahlen einen Gewinn erwirtschaften. Auf diese Weise hat etwa die britische Sängerin Alison Moyet ihr neues Album erfolgreich veröffentlicht, auch Joan Baez und Gary Moore sind dort unter Vertrag, nachdem sie früher für große Firmen sangen. In Ostdeutschland versucht eine Initiative namens Jump Arena junge Sänger ins Geschäft zu bringen, indem sie regionale Konzerte organisiert.
Doch die Chancen auf das große Geschäft schwinden. Maren Kumpe von Sanctuary Records sagt dazu: „Es werden weniger Musiker allein von ihrer Musik leben können. Unser Unternehmen hat zuletzt eine Merchandising-Firma übernommen, um neue Geldquellen zu erschließen.“ Das T-Shirt, den Becher und die Puppe zur Band? Das ist im Kleinen, was Beyoncè Knowles (früher bei der Band Destiny’s Child) im großen Stil vormacht. Sie verdient nicht nur an ihrer Solokarriere, sondern wirbt auch für Pepsi-Cola und hatte unlängst eine Rolle als Foxxy Cleopatra in der Hollywood-Agenten-Komödie Austin Powers in Goldständer.
Zu diesem Thema wird mancher Musiker, der sich nach den „guten“ alten Zeiten sehnt, ein passendes Lied auf dem neuen Album von Wonderwall finden, das seit dem vergangenen Montag im Handel ist. Es heißt Silent Tears. Stille Tränen.
Mitarbeit Jochen A. Siegle
- Datum 13.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.11.2003 Nr.47
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