Nairobi

Wer in Kenia einen Büroleiter sprechen will, muss sich mindestens drei Stunden gedulden. Ein Ministerialbeamter lässt Bittsteller mindestens einen Tag lang schmoren, ein Minister mehrere Wochen. Das sind die landesüblichen Wartezeiten in den Vorzimmern der Big Men, der großen starken Männer. John Githongo hat sie einmal ausgerechnet, damals, als er noch Journalist war. Heute bekleidet er ein hohes Regierungsamt und ist selbst ein Big Man. Wie lange würde es wohl dauern, bis man bei ihm einen Termin bekommt?

Die Antwort auf unsere Anfrage per E-Mail kam postwendend: nächste Woche Freitag, zehn Uhr, im Schatzamt zu Nairobi, zehnte Etage.

"Er erwartet Sie schon", säuselt die Sekretärin.

Im Büro 1006 erhebt sich ein junger, ausgeschlafener Hüne, den man für einen Boxchampion halten könnte. Er trägt ein regierungsblaues Hemd mit aufgestickten Initialen: JG, oberster Korruptionsbekämpfer im Staate Kenia. Der 38-Jährige zupft an seinem Schlips. "An den musste ich mich erst gewöhnen", sagt er. Gewöhnungsbedürftig war gewiss auch der strenge Blick des Präsidenten Mwai Kibaki, der ihm von einem Wandbild aus über die Schultern schaut. Githongo ist dem Staatschef direkt unterstellt.

"Es war ein regelrechter Schock, als ich von meiner Berufung erfuhr. Da schrieb ich jahrelang gegen die korrupte Regierung an. Plötzlich sollte ich ihr selber angehören und aufräumen." Der Auserwählte wusste besser als jeder andere Kandidat, was da auf ihn zukam – der Job eines Drachentöters, der ohne Waffen in die Höhle eines tausendköpfigen Ungeheuers geschickt wird.

Githongo hatte von seinem kleinen Cottage aus die kenianische Filiale von Transparency International aufgebaut, jener Organisation, die weltweit gegen die Korruption kämpft. Er stellte die Dossiers zusammen, die seinem Land alljährlich eine herausragende Position in der Weltrangliste der Bestechlichkeit garantierten.

"Die amtliche Korruption ist eines der größten Entwicklungshemmnisse. Sie kostet Kenia pro Jahr weit über eine Milliarde Euro", schätzt Githongo. Das Unwesen hat solche Auswüchse angenommen, dass die internationale Gebergemeinde Ende 2000 alle Kredite und Zuschüsse einfror. Die Gelder sind nach wie vor blockiert, und das wird sich nicht ändern, solange die neue Regierung keine durchschlagenden Erfolge vorweisen kann. Sie ist bald ein Jahr im Amt, aber in den Straßen von Nairobi beginnen die wanan chi, die kleinen Leute, schon wieder zu schimpfen. Die Herren Abgeordneten tun nichts! Sie verwandeln sich allmählich selber in fette Katzen!