Eine wüste, sinnlose, von Gott verlassene Welt auszubuchstabieren ist eine von amerikanischen Romanautoren mit besonderer Virtuosität beherrschte Kunst. Die Söhne und Töchter der Pilgerväter, die in "Gottes eigenes Land" geflüchtet waren, mögen sich heute an Glaubenseifer von niemandem übertreffen lassen, sie mögen inbrünstig singen und ihre Arme recken, sogar ihre Politik mit Gott bestreiten: Im Grunde begleitet sie seit mehr als zweihundert Jahren ein zählebiges Misstrauen, das irdische Jammertal könne wirklich und wahrhaftig heillos sein, alle Umtriebe hienieden vergeblich und die Gnadenwahl eine Lüge. Die Literatur hat dieses unter dem offiziellen amerikanischen Optimismus nagende Missbehagen ausgelotet. Sie entwickelte sich, um gleich die Besten unter den Weißen Männern der Literatur zu erwähnen, bei Thomas Pynchon, William Gaddis oder John Updike zu einer Romankunst der äußersten Beschreibungskälte. Auf dem leeren Feld des Daseins jagten sich die Furien der Einbildungskraft und des sprachlichen Irrwitzes.

Es ist offenkundig, dass Jonathan Franzen, der im vergangenen Jahr mit seinem Familienepos Korrekturen einen großen Erfolg hatte und dessen Erstling Die 27ste Stadt (1988) jetzt auf Deutsch erschienen ist, an diese Tradition anknüpfen will. Es ist aber ein weich gespülter literarischer Puritanismus, den Franzen pflegt, einer, der sich nach Kräften am Selbstbild der Vereinigten Staaten abarbeitet, einen mutigen Blick in alle Höllen des Zerfalls wirft, um am Ende aber doch die epische Form zu retten. Er rettet damit das Leben und das Lesen und seine amerikanischen Landsleute.

Ein klitzekleines, die Seele beruhigendes Gnadenangebot wird am Schluss seiner Bücher unterbreitet. Das atmet den Flair der Clinton-Ära, in ihrer Mischung aus Permissivität und Wertkonservatismus, aus Selbstkritik und Selbstbewusstsein, und es wirkt in der Welt von Rumsfeld und Bush seltsam flau. Aber gerade dieser Zug ist vermutlich ein Grund, warum Franzen in Deutschland so eifrig gelesen wird.

Wohlhabende Sippschaften ziehen die Strippen

In seinem Roman Die 27ste Stadt hat Franzen sich ein gewaltiges Thema vorgenommen: die Wiederauferstehung, die Selbstrettung von St. Louis, einst viertgrößte Stadt der USA, während der Achtziger im Ranking nur noch Nummer 27. Es ist ein Kommentar zum plötzlichen Muskelwachstum der Vereinigten Staaten unter dem Einfluss des Steroids Reagan, einer Kraft, die unter Staunen und Jubel und proportional ansteigendem schlechten Gewissen unaufhaltsam anschwoll. Hoch setzt dieses Buch ein, gleichsam als Mythen beschwörende Filmerzählung, als Korruptionskrimi und Versuchungsparabel. In jeder Zeile ist der Wille zur great American novel spürbar. Es ist ein angestrengtes und anstrengendes Buch, viele, viele Erzählfäden werden aufgenommen und miteinander verknüpft, am Ende geht keiner verloren und der gordische Knoten ist durchschlagen. Aber ist das schon ein guter Roman, wenn die epische Gleichung aufgeht?

An einer Stelle heißt es, St. Louis sei die letzte Stadt, die noch regiert werde wie im 19. Jahrhundert: Wohlhabende Familien, in denen noch ein Rest des Gründergeistes lebendig ist, ziehen im Hintergrund die Strippen. Sie sind untereinander versippt und geschäftlich aufeinander angewiesen, sie verfolgen ihr Eigeninteresse, ohne dasjenige der Stadt aus den Augen zu verlieren. Und sie sind weder imstande noch gewillt, die alten, ewigen Konflikte auszugleichen, was in diesem Fall heißt, den Interessengegensatz zwischen der verfallenden Stadt und der prosperierenden Peripherie.

Es kommt gewaltige Bewegung ins kränkelnde Idyll, als die Stadt eine neue Polizeichefin beruft, eine Inderin, deren Ruf schillert, weil sie einst in Bombay hart durchgriff, dabei jedoch zweifelhafte Methoden angewandt hatte. Diese S. Jammu, zäh, zart und von herber Schönheit, löst nicht nur eine indische Immigrationswelle aus. Plötzlich heiratet der Besitzer der Hammaker-Brauerei, des größten Unternehmens vor Ort, eine indische Prinzessin. Das Schlimmste: Jammus heimliche Entourage besteht aus skrupellosen, leicht irren Geheimagenten, die ihrer Chefin blind ergeben sind und sich ohne Umschweife ins moralische Gedärm der Stadt hineinschlängeln wie Würmer.

Nun hebt eine komplizierte, gegenläufige Spiralbewegung an: Der Aufstieg der Stadt ist zugleich ihr ethischer Verfall. Zwei Giganten bereiten sich zum Kampf. Hier die Inderin, die bald zum Star wird, weil sie die Innere Sicherheit rettet und das kommunalpolitische Ziel verfolgt, Stadt und Land zu vereinigen, daneben aber ein böser Mensch ist, weil sie Mord und Totschlag befiehlt, Bomben legen lässt und sich bereichert; auf der anderen Seite der All-Amerikanische Held Martin Probst, der einzige Bauunternehmer der Welt mit lupenreiner Weste, Erbauer des Wahrzeichens von St. Louis, des "Arch", treuer Ehemann und Vater, rechtschaffen bis zur Unerträglichkeit, ein Mann in den mittleren Jahren, der natürlich schwer gefährdet ist, weil die Langeweile in sein Leben Einzug hielt.

Der Aufschwung von St. Louis wird mit rassistischer, gegen die Armen gerichteter Politik erkauft. Er besteht im Wesentlichen in einer gigantischen Immobilienspekulation. Als Verzögerer macht S. Jammu sofort Martin Probst aus. Probsts Leben wird daraufhin "destabilisiert", seine 18-jährige Tochter gelangt, weiterer Unschuldsverlust, dank Jammus schwulem Gehilfen Singh mit Sex und Drogen in Berührung, geschäftliche Rückschläge ereignen sich, Probst sieht sich unvermutet in der Stadtgesellschaft isoliert. Schließlich zerbricht auch noch seine Ehe.

An diesem Punkt hat es Probst aus der Bahn geschleudert. Er mutiert zum unwillentlichen Helfershelfer des indischen Komplotts. Am Schluss unterhält er mit seiner Feindin ein von Misstrauen geprägtes Liebesverhältnis, während seine Frau Barbara (die ihn wegen eines Mr Nissin verlassen hatte, hinter dem niemand anderes als Singh steckt, der Barbara wiederum in Wahrheit entführt hat) durch einen dummen Zufall beim Entkommen aus dem Verlies von der Polizei erschossen wird.

Noch alles klar? Ungezählte Nebenfiguren treiben diesen Wirbel zusätzlich an. Alles steuert auf eine erzählerische Klimax zu, auf ein großes, von Kampagnen begleitetes Referendum, in dem die Bürger von St. Louis über die Zusammenlegung von Stadt und "County" abstimmen sollen. Aber das Volk geht nicht zur Wahl, und so fällt die letzte sardonische Aufgipfelung der Verschwörung, die die Inder mit fantastischem Reichtum belohnt hätte, in sich zusammen. Aber da sind alle Abhöranlagen bereits abgebaut, die Akten vernichtet, die Agenten wieder in Bombay.

Politische Science-Fiction im Gewand des Familienromans

Selbstverständlich bleibt unerklärt, was die Inder trieb. Jammu ist die Hinterlassenschaft einer unglücklichen Ehe ihrer Mutter mit einem Amerikaner, da nagt noch ein wenig postkoloniale Wut. Sie ist eine Kusine Indira Gandhis – also geschult an den Korruptionstechniken der damaligen Kongresspartei und am System der familiären Bereicherung. Die bösen Inder sind allesamt frustrierte, zum Turbokapitalismus konvertierte Marxisten, mit kindlicher Lust an Diversion und Subversion. Aber das ist als psychologische oder gar ideologische Motivation natürlich unzureichend.

Franzen hätte das pynchoneske Wohlgefühl der Paranoia durch eine manichäische Konstruktion auch empfindlich gestört. "Wenn man Zusammenhänge suchte, fand man auch welche. Suchte man nicht, gab es auch keine. Probst war schließlich nicht von gestern. Er wusste, dass es keinen Gott gab, keine Verschwörung, keinen verborgenen Sinn; nichts dergleichen gab es." Eben. Bloß hat die Realität mit dem 11. September 2001 das literarische stop making sense eingeholt. Ein bärbeißiger alter General allein, eine republikanische Karikatur, sieht finstere Kräfte am Werk und organisiert den Widerstand. Heute wäre er ein Held der nationalen Sicherheit – oder die Bestätigung dafür, dass Amerikaner immer unter Verfolgungswahn leiden und sich deswegen die Welt untertan machen.

Die 27ste Stadt ist ein Stück politischer Science-Fiction mit vielen Elementen eines Thrillers. Es ist ebenso ein Familienroman mit gesellschaftskritischen Ansprüchen. Vielleicht liegt es nicht nur an seinen Verworrenheiten und Pedanterien, sondern auch an der Rückkehr der Mythologie von Gut und Böse in die Wirklichkeit, dass man der künstlich leeren Dramatik von Franzens Roman nur mühsam folgt. Am Schluss, wenn die Stadt sich als Wiedergeborene feiert und Probsts Leben in Trümmern liegt, wenn der Roman seine Geschichte erzählt und die Prüfungen dieses amerikanischen Hiob zu einem Ende gebracht hat, stellt sich der Eindurck ein, einer Tragödie beigewohnt zu haben.

Der morgenländische Albtraum löst sich auf. Was bleibt, ist ein Verlust: Es gab einmal einen Organismus der Stadtgesellschaft, ungerecht zwar, aber funktionierend. Es gab einmal eine Familie, zänkisch, aber sie war der letzte Ort der Liebe. Das ist alles dahin. Wir klagen. Das realistische Erzählen verhilft immer zu einer Art moralischer Einsicht – und sei sie weit hinausgeschleudert worden an die Ränder des weltlichen Trosts. Franzen treibt die Sinnentleerung des Daseins literarisch nicht an den Punkt, an dem das trostlose weiße Rauschen der Kunst beginnt, das Vexierspiel der archaischen oder artifiziellen Mythologien, mit anderen Worten: die echte Beunruhigung.

Man kann dem Autor nicht vorwerfen, dass sich seine 27ste Stadt heute konformistischer liest als beabsichtigt. Ein jeder Erzählrealismus knüpft aber nun einmal sein Schicksal an eine Lektüre, die ihre Prinzipien des Verstehens und Bewertens im Erzählten wiederzufinden beansprucht. Insofern liefert er sich also der Wirklichkeit, ihren Verschiebungen und Verwerfungen aus. Mehr als in anderen literarischen Genres entscheidet der lesende Zeitgenosse darüber, was "real" ist im Realismus. Umso stärker, wenn sich der Roman, wie hier, inhaltlich und formal von der misstrauischen puritanischen Fetischisierung des säkularen Lebens beeinflussen lässt.

Es mag in diesem Buch um Gott und die Werte gehen, ästhetisch gesehen, ist es ein Zeugnis der Transzendenzlosigkeit. Franzen versucht dieser Bodenhaftung, dieser Gravitationskraft seiner Stoffe durch eine verwickelte, "hyperrealistische" Handlungsführung und durch einen besessenen Detaillismus der Beschreibung zu entkommen.

Die 27ste Stadt , das raue, teils verspielte Frühwerk, erklärt ein gewisses Unbehagen, das viele nach der Lektüre der Korrekturen befiel. Große amerikanische Epik, aber auch viel Stillleben.

π Jonathan Franzen:

Die 27ste Stadt

Roman; aus dem Englischen von Heinz Müller; Rowohlt Verlag, Reinbek 2003; 670 S., 24,90 ¤