ErzählungenGruppenbild mit Ahnen

Der postume Band "Campo Santo" zeigt den wunderbaren Erzähler und Essayisten W.G. Sebald auf der Höhe seines Könnens von Andreas Isenschmid

Man nimmt diesen Sammelband mit Wehmut zur Hand, denn es ist der letzte, schon postume des geliebten W. G. Sebald, der vor bald schon zwei Jahren in seinem freiwilligen englischen Exil bei einem Autounfall im Alter von 57 Jahren zu Tode kam. Aber man beginnt die Lektüre auch mit einiger Skepsis, denn derlei Mixta composita, wie der vornehme Ausdruck für Kraut und Rüben lautet, haben doch auch ihre Bedenklichkeit.

Campo Santo versammelt die fertig gestellten, aber noch nicht in Buchform veröffentlichten literarischen und essayistischen Texte aus Sebalds Nachlass, naturgemäß Stücke aus unterschiedlichem Anlass und von unterschiedlicher Qualität. Das früheste stammt vom 30-jährigen Sebald, gilt Handkes Stück Kaspar und ist eine noch recht unfreie, sich an Foucault- und Nietzsche-Zitaten entlanghangelnde Wissenschaftsprosa. Das späteste Stück – die Rede zur Eröffnung des Stuttgarter Literaturhauses, die Sebald in seinem Todesjahr gehalten hat – zeigt in der weich fließenden Mischung von Essay und Erzählung den Weg, den dieser Autor zurückgelegt hat. Einem größeren Zusammenhang entstammen die vier Teile eines Korsika-Projekts, über das Sebald 1996 in einem Privatbrief schrieb, er "reche allerhand Zeug zusammen zur Natur- und Menschenkunde der Insel", das er aber noch im gleichen Jahr "in eine Schachtel gestopft" hat, "je mehr ich daran herumbastelte, desto minder kam es mir vor".

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Wer die Lektüre mit diesen Korsika-Stücken beginnt, die der Herausgeber Sven Meyer mit klugem Griff an den Anfang gestellt hat, dem vergehen im Flug alle Bedenken, die einem beim Schnuppern in einigen der Essays doch gekommen waren. Und dass sie einem im Flug vergehen, darf man fast wörtlich nehmen. Seit seinem ersten Prosabuch Schwindel.Gefühle verdanken sich die schönsten Szenerien des Luftkriegsspezialisten Sebald einem von weit oben, oft aus einem Flugzeug kommenden, oft ins Dunkle gehenden Blick. Er teilte ihn im Erstling mit dem Lyriker Ernst Herbeck beim Blick "vom Altan des Aussichtslokals" auf die Donauauen im Abendschatten, er wiederholte ihn in Die Ausgewanderten im wunderbaren nächtlichen Anflug auf die glosenden, "von Millionen von toten und lebendigen Seelen bewohnte Stadt" Manchester. Und er schaut im letzten Buch auf Korsika nun wieder "von einem Plateau über dem Pass" in ein "hunderte von Metern Rang für Rang zu einer unsichtbaren Bühne absteigendes Naturtheater", er geht auf der Höhe von Piana "gleich einem, der die Kunst der Levitation beherrscht, sozusagen schwerelos dahin", und er schaut zum Schluss, fast möchte man sagen am Ende dieses Schriftstellerlebens, aus der Höhe seines Hotelfensters nieder aufs Meer und auf die "dreihundert Meter aus der Tiefe emporragenden monströsen Felsformationen", die in der Abendsonne leuchten "in feurigem Kupferrot, als stünde das Gestein selber in Flammen und glühe aus seinem Inneren heraus". In diesem Augenblick taucht im Zwielicht ein weißes Schiff auf mit fünf Masten, es fährt "knapp an der Grenze zum Stillstand, sozusagen entlang der Linie, die das, was wir wahrnehmen können, trennt von dem, was noch keiner gesehen hat", es liegt eine Stunde, ohne ein Zeichen des Lebens, "still leuchtend in der Finsternis", "dann, als die Sterne schon über den Bergen hervortraten, drehte es ab und fuhr so langsam, wie es gekommen war, wieder davon".

Das Totenschiff in diesem dunkelschönen, von oben gesehenen Bild ist natürlich ein Schwesterschiff der "Barke mit unverständlich hohen Masten und finsteren faltigen Segeln", die seinerzeit, vor 13 Jahren, in Sebalds Prosaerstling über den Gardasee glitt und bei der es "drei ganze Jahre" dauerte, "bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebt". Aus ihr trug man damals auf einer Bahre den "Jäger Gracchus" an Land, eine tote und doch noch lebende Gestalt aus Kafkas gleichnamiger Erzählung, eine Gestalt, die in einer Person das symbolisierte, worum es Sebald von Anfang bis Ende immer ging, sei es ihm selbst und seiner Melancholie, dem Holocaust oder dem Luftkrieg gewidmet: das Zusammenleben der Lebenden mit den Toten.

Auch dieses Hauptthema kehrt, gleich mehrfach, wieder in diesem letzten Band, in dem sich alle Kreise schließen. Der Friedhof ist der Titel des Buches und das Ziel seines wichtigsten Textes. Und von der detaillierten Schilderung des Friedhofs blendet Sebald hinüber zu den Totenritualen der Korsen, die bis ins 18. Jahrhundert ihre Toten nicht abgetrennt auf Gottesäckern zu bestatten pflegten, sondern sie, fast sebaldisch, bei sich behielten, "auf ihrem angestammten Besitz": "An solchen Plätzen waren die Verstorbenen sozusagen ständig bei sich, waren nicht verbannt ins Exil." Und fast noch etwas sebaldischer waren, wie es scheint, "die korsischen Trauerrituale", die Sebald selber "überaus elaborat" nennt und in denen die Fotografie eine ähnliche und ähnlich begründete Rolle zu spielen scheint wie in Sebalds reich illustrierten Büchern: In den Räumen, in denen man die Toten aufzubahren pflegte, "hingen an den Wänden seit der Einführung der Photographie, die ja im Grunde nichts anderes ist als die Materialisierung gespenstischer Erscheinungen vermittels einer sehr fragwürdigen Zauberkunst, die Bilder der Eltern und Großeltern und näherer und fernerer Verwandter, die, obwohl oder weil sie sich nicht mehr am Leben befanden, als die wahren Häupter des Stammes galten".

Man beginnt an solchen Stellen zu ahnen, was Sebald an Korsika angezogen haben mag. Und man kann sich das ihm so eigene Grinsen vorstellen, mit dem er die längere Passage verfasst hat, die vom fragwürdig Erkünstelten der korsischen "Klageweiber" und ihren "tranceartigen Zuständen", indirekt aber durchaus auch von seiner eigenen fragwürdigen literarischen Zauberkunst handelt. Sie, die Klageweiber, seien bisweilen durchaus "in Ohnmacht" gefallen, dies aber bei "auffälliger Gefühllosigkeit oder Starre", "eisiger Selbstkontrolle", ja einer "bisweilen allerdings bis auf den Punkt des Todes gehenden Schauspielerei". Nicht anders, fügt Sebald bei, als die "Somnambulen, die auf den Bühnen der bürgerlichen Opernhäuser seit gut zweihundert Jahren Abend für Abend verfallen in genauestens einstudierte Paroxysmen der Hysterie".

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