Marie und ihr Liebhaber sind Geschöpfe aus der Kinowelt. Sie ist exquisit, ein beneidenswertes Kunstgeschöpf, sichtbar zerbrechlich und auf unerklärliche Weise robust. Ausgeschlossen, einer solchen Nymphe im Gang einer überfüllten S-Bahn gegenüberzustehen. Mit der seidenen Schlafbrille von Japan Airlines ähnelt sie der Figur der Synagoge am Südportal des Straßburger Münsters. Er will anonym bleiben. Der Ich-Erzähler vermeidet Wörter, die seinen Körper, seine Stimme, seinen Geruch oder seinen Eigensinn beschreiben. Einmal kann er der Versuchung doch nicht widerstehen und entdeckt im Badezimmerspiegel eines Tokyoter Luxushotels absurderweise seine Ähnlichkeit mit Robert Mapplethorpes Selbstporträt.

Sehnsucht und Selbsttäuschung sind die großen Themen, die der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint in seinen Büchern seit vielen Jahren mit eleganter Schwermut hin und her wendet, ohne sich allzu große Varianten zuzumuten. Diese Schwermut hat ihm den Ruf eines Philosophen eingebracht. Eines Philosophen, der sich an den Sätzen Blaise Pascals entzündet und sie für unsere Welt säkularisiert. Die Wirklichkeit hält er für eine Attrappe und die Liebe für etwas Vorübergehendes. Verliebt in den Schmerz von Trennung und Verlust, spannt der sechsundvierzigjährige belgische Autor seine Stoffe um den gleichen Kern. Seit 1985 der Roman Das Badezimmer erschien, ist er geradezu besessen von der Sogwirkung sanftmütiger, grausamer und verführerischer Gefühle und dem Rhythmus von Suchen, Finden und Verlieren. Jean-Philippe Toussaint beherrscht die perfide Kunst der Verführung und wird von ihr beherrscht. Seine schmalen Romane stehen wie Fremdkörper im deutschen literarischen Gelände, aber alle Gebrauchsanweisungen unseres durchrationalisierten Lebens sind in Kraft. Flugzeuge starten und landen, Lifttüren schließen und öffnen sich, und die Menschen sind von den Symptomen des Verfalls und der elegischen Ermattung gezeichnet.

Und was hat der Leser davon? Eine gereizte Neugier, einen durchaus mobilisierenden und irritierenden Zustand, der in der zeitgenössisch abgebrühten Gefühlswelt zischend auf den kalten Stein trifft. Jean-Philippe Toussaint ist der wiedergeborene Choderlos de Laclos. Die Salons und der die Dinge und ihre reale Existenz zum Verschwimmen bringende Kerzenschimmer von damals sind von Hotelzimmern und dämmerigem Licht, zerschnitten von zitternden Bremslichtern und Leuchtreklamen, abgelöst. Toussaints Menschen sind nicht mehr Vicomte und Marquise, Marie ist erfolgreiche Modedesignerin, der Erzähler gehört zur neuen Generation von Männern, die genug damit zu tun haben, Geliebter zu sein. Aber kein singender, springender Träumer im Sinne Eichendorffs, sondern ein heimlicher Mörder, verloren, weil es die ideale ewige Liebe und die Erlösung nicht gibt. Marie ist die unabhängige Abhängige, sie wirft ihm den schwarzen Ledermantel über die Schulter. "Da, nimm den, du frierst ja, Weichling", sagte sie. Sie ist gnadenlos, zart, arglos und provokant. Marie ist so, wie der Mann sich die neue Frau denkt. Geschäftlich hat sie alle Fäden in der Hand, sie ist in Tokyo, weil das Contemporary Art Space ihre Entwürfe mit einer Ausstellung ehrt. Sie ist die Chefin, aber im Bett ist Marie abhängig, und weil sie sich dieser schwachen Stelle bewusst ist, weint sie viel.

Tränen fließen unter der Augenbinde und unter den dunklen Gläsern der Sonnenbrille, ein an- und abschwellender Bewusstseinsstrom. Sie will, dass der Mann diesem Fluss Einhalt gebietet, aber der Mann kann nicht, er versteht die Ambivalenz nicht, er flieht. Selbstbestimmt hat sich Simone de Beauvoir die Frau vorgestellt, dass die Sexualität ihr im Weg steht, hat sie nicht genau genug bedacht. Jean-Philippe Toussaint hat sein männliches Lehrstück nachgereicht.

Traurigkeit als erotischer Zustand

"Glauben Sie mir", lässt Laclos die Marquise sagen, "man erwirbt selten die Eigenschaften, die man entbehren kann." Sich lieben ist ein trauriges Märchen, Traurigkeit zelebriert als erotischer Zustand, den der Autor wie eine ansteckende Krankheit in den Text einfließen lässt. Daraus entsteht eine sehr französische Art "gefährlicher Liebschaft", dreiste Zumutung, Wollust, ein weinerlicher Kampf, der nie in den Sumpf abrutscht und bei aller vorgetragenen Härte eine vergessene Form ist. Kein deutscher oder amerikanischer Autor würde eine Geschichte vom Ende einer Liebe, die sieben Jahre zuvor mit Tränen in einem Pariser Taxi begonnen hatte und in einem Winter in Tokyo enden wird, so erzählen.

Liebe, das hat Jean-Philippe Toussaint schon in dem Roman Der Photoapparat beschrieben, ist das immateriellste aller Gefühle. Sie ist eine Folge hoch gespannter, unterlaufener Erwartungen und abrupter Brüche. Bei dem Versuch, die körperlichen Berührungen, den Kuss, die Liebesvereinigungen zu erleben und im selben Augenblick von außen zu sehen, Akteur und Beobachter in einer Person zu sein, bemächtigt sich Toussaint der Kunst des Filmregisseurs. Eine Liebesnacht ist für ihn ein Gemälde, das zerwühlte Laken die Leinwand, über die Körper lässt er flüchtige Fäden roten Neonlichts oder anderer künstlicher Lichtquellen ziehen. Toussaint ist ein brutaler Lehrmeister. Sein observierender Blick, den Choderlos de Laclos sehr genau verstanden hätte, hat genauso viel mit Etikette wie mit Aufklärung zu tun.