Labels Mit gespitzten Ohren in die Nische
Kleine CD-Labels erobern den kriselnden Musikmarkt mit klaren künstlerischen Konzepten und viel Idealismus
Während Jogger durch den Jardin du Luxembourg keuchen und Kinder ihre Boote im Bassin fahren lassen, steigt in der nahen Rue Crébillon ein Mann die Kellertreppe hinab. Unten, im weiß getünchten Gewölbe, hat er sein Hauptquartier. Von hier aus lenkt Jean-Paul Combet die Geschicke einer Firma, die zu den Wundern im einbrechenden Tonträgermarkt zählt. Das unabhängige kleine Label alpha, vom gelernten Organisten Combet, dem früheren Marketingchef einer Softwarefirma, vor fünf Jahren „zum Spaß“ gegründet, zählt zu den gefragtesten Adressen für Alte Musik in Frankreich. Sammler warten auf jede der edlen Schatullen mit Klängen von Mittelalter bis Barock und gelegentlichen Ausflügen in die Romantik, eine CD mit Vokalmusik aus der Renaissance hat sich 25000-mal verkauft.
Die großen Konzerne mögen über solche Verkaufszahlen lächeln, auf dem Markt der Unabhängigen sind sie so außergewöhnlich wie Combets Taktik. Scheinbar hat er keine. „Ich wollte die Musik aufnehmen, die mich interessiert, und ich mochte die hässlichen CD-Verpackungen nicht.“ Was ihn zuerst reizte, waren die Lieder, die Bellerofonte Castaldi hinterlassen hat, ein Freund von Monteverdi. Combet lud ein befreundetes Spezialensemble zur Aufnahme ein und konzipierte eine Verpackung, die einem Klappaltar glich: draußen das vergrößerte Detail eines passenden Gemäldes, von keiner Schrift gestört, drinnen noch mehr Kunst, ein Booklet, in dem es neben Texten zur Musik auch solche zum Bild gibt und gute Musikerfotografien. Und, natürlich, die CD, schön schwarz. Das publizierte er als „alpha 001“.
51 Produktionen später hat er jetzt, schräg gegenüber vom kleinen Hauptquartier, einen Verkaufsladen eröffnet, beschäftigt mehrere Mitarbeiter und macht sich nur Sorgen, dass beim Expandieren die Sponsoren zu einflussreich werden könnten. Die hat er, „weil Geld zum Erfolg geht“, früh gefunden. „Die erste Hilfe waren Musikzeitschriften, die haben unser Konzept als belebend wahrgenommen.“ Es gefiel ihnen, wie da eine familiäre Gruppe von Raritätensuchern ihr Forum fand. Dazu zählen zum Beispiel Le Poème Harmonique um den Lautenisten Vincent Dumestre und L’arpeggiata mit der Harfenistin Christina Pluhar, aber auch die exzellente Barockgeigerin Hélène Schmitt und der niederländische Cembalopapst Gustav Leonhardt, der für alpha schon drei Aufnahmen gemacht hat.
Die Leute sind der Quantität müde
Neben Leonhardts strenger Kunst gibt es auch Launiges – Event-Renaissance und Unterhaltungsbarock. Tarantella nach alten Quellen wird sogar in Krakauer Nachtclubs gespielt. Original oder schwarz gebrannt? Das ist dem Labelchef egal: „Wer zwei Kopien hat, möchte ein Original von uns. Die Leute sind der Quantität müde, wie nach zu viel Trinken oder Essen.“ Tatsächlich scheint die Zukunft der kleinen Labels in ihrer Intimität und Kompetenz zu liegen. Inmitten der Allverfügbarkeit von Klängen, dem Marketinggetöse der Konzerne, der Entgrenzung des Repertoires werden diese musikalischen Weinhändler immer wichtiger, die ihre Winzer persönlich kennen und selbst gern trinken, was sie anbieten. Aber nicht alle renommierten Labels haben es so leicht wie alpha.
Peter Oswald in Wien ist schon am Rekordpegel, wenn eine Produktion die 4000 erreicht. Allerdings geht es bei seiner Firma Kairos ausschließlich um Neue Musik. Dass da ein Werk wie Helmut Lachenmanns Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern überhaupt zum internen Bestseller werden kann, spricht fürs Konzept der Firma. Oswald, einst Journalist, Musikmanager und jetzt Intendant beim steirischen herbst, hat Kairos vor vier Jahren gegründet, weil ihm die vorhandenen Aufnahmen mit Zeitgenössischem in Interpretation, Klang und Aufmachung „hundsmiserabel“ vorkamen. Bei ihm gibt es noble Kartonkassetten – alle vom selben Künstler mit nie mehr als zwei Farben gestaltet –, in denen sich Musik von exemplarischer Qualität verbirgt.
Salvatore Sciarrinos genial filigrane Gesualdo-Oper Luci miei traditrici wird vom Klangforum Wien mit geradezu krimineller Spannung verwirklicht, Peter Eötvös leitet eine anspringende Aufnahme seiner eigenen Chinese Opera, stark vertreten sind neben Rihm und Lachenmann auch jüngere Komponistinnen wie Olga Neuwirth und Rebecca Saunders. Solche Aufnahmen vermitteln zusammen mit dem Konzept eine Botschaft, die bei Publikum und Kritik ankommt: Neue Musik hat Besseres verdient als Alibi-Auftritte von Major-Stars oder verschwiemelte Uraufführungsmitschnitte mit Ghetto-Aura, die allenfalls als Partiturlesehilfe taugen. Weil Kairos nicht für Insider mit Geheimwissen gedacht ist, gibt es da auch eine Einführung in die Neue Musik auf CD.
Aber so optimistisch, wie Oswald das Projekt einmal anging, ist er jetzt keineswegs. „Ein Problem ist, dass manche Verlage unvernünftig hohe Leihgebühren für die Noten verlangen. Bei 40 Euro pro Spielminute müssen wir 700 CDs verkaufen, um allein das zu bezahlen.“ Außerdem müssen die Musiker bezahlt werden („Die sind ja so gut, weil sie autonom sind!“), aber die österreichischen Stiftungen helfen dabei nicht: „Ich selbst verdiene mit dem Label einen Euro im Jahr, werde aber als profitorientierter Kleinunternehmer betrachtet. Konzerte werden unterstützt, aber nicht, wenn sie mit einer Aufnahme verbunden sind. Das bringt mich zur Weißglut. Die werden erst umgedacht haben, wenn wir alle hin sind.“ Und dann gebe es da die Hörer, „die mir freudestrahlend erzählen, sie hätten sich übers Netz unsere CDs runtergeladen – die wissen nicht, was sie anrichten.“
- Datum 13.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.11.2003 Nr.47
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