In einem Jazz-Ensemble, das diesen Namen verdient, ist der Bass die Hauptschlagader. Ihr Puls prägt das gesamte Geschehen. Deshalb auch der Eindruck von Anämie bei "basslosen" Combos. Davon kann beim Quintett des tschechischen Bassisten Miroslav Vitous – einst Gründungsmitglied des Jazzrock-Phänomens Weather Report – keine Rede sein. Er sorgt für einen wunderbaren Groove, der seine Gruppe anspornt und vom Boden abheben lässt. Das ist buchstäblich jener "Rhythmus, bei dem jeder mitmuss". Das Quintett ist mit erlesenen Solisten besetzt. Piano: Chick Corea. Saxofon: Jan Garbarek. Gitarre: John McLaughlin. Schlagzeug: Jack DeJohnette. Auf drei der neun Titel musizieren zusätzlich: Wayne Bergeron und Valerie Ponomarev (Trompete) sowie Isaac Smith (Posaune).

Ich habe die Stirn, zu behaupten, dass in diesem Ensemble ein genialisches Feuer leuchtet: Jazz aus Elysium. Und der fast überirdische Sound? Ruhm gebührt Manfred Eicher, dem großen Musik-Flüsterer, unter dessen geistigem Patronat man spielte. "Wir arbeiten ohne Tricks. Und hier gibt es keine Routine", sagt der Klang-Bildner. Seine Produktionen erkennt man sofort an einem subtilen Hall-Anteil und an der Tiefe des Klangbildes. Man gewinnt den Eindruck, als würde man eine wunderschöne Landschaft aus der Ferne betrachten. Das ist klassische Eicher-Ästhetik. Edel und gut. Der Produzent fordert: "Meine Aufnahmen müssen federnd sein." Von diesem Credo zeugen Eichers Werke mit Jan Garbarek, Eberhard Weber, Ralph Towner, Thomas Stanko, Terje Rypdal, John Surman und vielen anderen. Von Keith Jarrett ganz zu schweigen.

"Es hat keinen Sinn, irgendwo zu bleiben." Das sagt Lolita im gleichnamigen Roman von Vladimir Nabokov. Könnte gut sein, dass dieser Satz die Maxime der Vitous-CD ist. Alle neun Titel der CD sind reinstes Ohren-Manna. Sie sind aus der inspirierten Feder des Bassisten. Aber zwei ragen heraus. Tramp Blues, zu Deutsch: "Penner-Blues", ist so packend, dass man unwillkürlich nach Münzen sucht, um sie dem Gescheiterten in den Hut zu werfen. Und bei Beethoven wird der Hund in der Pfanne verrückt. Es beginnt harmlos. Zwiegespräch im schläfrigen Tempo zwischen Sopran-Sax und Bass. Schlagzeug hält das Tempo. Dann: Herrje! Garbarek spielt blue notes. Garbarek lebt! Dann doppeltes Tempo. Sie heizen dem ollen Beethoven mächtig ein. Mehr wird nicht verraten.