An diesem Donnerstag wird das Kuratorium des Berliner Holocaust-Mahnmals – eine Art Rundfunkrat des deutschen Gedenkens, proporzgerecht mit 23 Mitgliedern besetzt – entscheiden müssen, wie (und ob) es mit dem Bau am Brandenburger Tor weitergeht.

Der Streit um die Beteiligung der Degussa am Mahnmal wird unterdessen immer bizarrer. Man kämpft jetzt mittels bauchemischer Gutachten um die historisch-moralische Unbedenklichkeit von Anti-Graffiti-Mitteln, Betonzusätzen und Haftungsverstärkern. Die Vergangenheitsbewältigung ist auf der molekularen Ebene angekommen.

Ein weiteres Degussa-Produkt ist entdeckt worden. Es steckt im Fundament der bereits montierten Stelen – ein betonverflüssigender Zusatzstoff. Geliefert wurde er von der Woermann Bauchemie aus Darmstadt, einer Tochter der Degussa. Die Firma ist freilich 1949 gegründet und auch erst kürzlich durch Degussa aufgekauft worden. Reicht das, um das Unternehmen mit dem bösen Geist der Mutterfirma zu kontaminieren und den Betonzusatz für den Einsatz am symbolischen Ort zu disqualifizieren? Von dieser kasuistischen Art sind die Fragen, die sich jetzt den Kuratoriumsmitgliedern stellen. Zu danken ist dies vor allem Lea Rosh, die keine Gelegenheit verstreichen lässt, die Debatte mit immer neuen Statements anzuheizen. Der Betonverflüssiger könne nicht weiter verwendet werden, hat sie schon vor der Kuratoriumssitzung zu Protokoll gegeben. Unterdessen ist herausgekommen, dass Rosh bereits lange vor der letzten Sitzung – in der die Entscheidung zum Ausschluss von Degussa und damit zum Baustopp fiel – von der Stiftungsgeschäftsführerin Sybille Quack alarmiert worden war, dass die Vergangenheit von Degussa zum Thema werden könnte. Man habe ihr jedoch "den Zusammenhang zwischen Degussa und Degesch verschwiegen". Verschwiegen? Sie hätte also nicht gewusst, dass die Degesch, Herstellerin des Giftgases Zyklon B, eine Tochter der Degussa war? Wer hätte ahnen können, dass man Lea Rosh auf so etwas hinweisen muss?

Sie hat doch vor Jahren mit dem Historiker Eberhard Jäckel selbst ein Buch über die Ermordung der Juden geschrieben. Darin wird Raul Hilbergs Standardwerk Die Vernichtung der europäischen Juden zur Lektüre empfohlen. Bei Hilberg finden sich alle Details zum Fall Degussa/Degesch, ein übersichtliches Schaubild über die "Eigentumsverhältnisse in der Vertilgungsindustrie" eingeschlossen. Sollte Rosh tatsächlich nichts von dem für die NS-Mordfabriken fundamentalen "Zusammenhang" gewusst haben – was schwer zu glauben ist –, müsste man sich fragen, was sie im Kuratorium zu suchen hat. Sollte sie ihr Unwissen zum Selbstschutz behaupten, stellt sich die gleiche Frage. Nichtwissen und Empörung sind keine gute Kombination.

Der eigentliche Skandal besteht darin, dass die Öffentlichkeit gezwungen wird, sich überhaupt mit diesen Dingen zu beschäftigen. Wer sich gegen ein Anti-Graffiti-Mittel in die Pose des "Wehret den Anfängen!" wirft, überführt sich selbst der Lächerlichkeit. Das Denkmal wird, was den Molekularantifaschisten offenbar nicht mehr bewusst ist, von deutschen Nichtjuden (vor allem) für deutsche Nichtjuden gebaut, zum Gedenken an die im deutschen Namen und von Deutschen begangenen Verbrechen an den europäischen Juden. Die Einbeziehung belasteter Unternehmen, die Verantwortung übernehmen wollen, wäre dabei nicht nur erlaubt, sondern höchst wünschenswert. Die Gefühle der Opfer müssen respektiert werden. Aber sie werden in diesem Streit ein wenig zu oft von selbst ernannten Fürsprechern angeführt. Eine fatale Nebenwirkung: Jetzt glauben schon wieder viele, in Berlin werde ein Denkmal "für die Juden" gebaut. Man kann der Stiftung vorwerfen, die Involvierung der deutschen Industrie nicht von vornherein zur bewussten Strategie gemacht zu haben. Das hätte uns die peinliche Ersatzdebatte erspart, die nun das ganze Projekt in eine Farce zu verwandeln droht.

Zurzeit prüft die Denkmalsstiftung, die den Bauprozess im Auftrag des Bundestages organisiert, Alternativen zum Degussa-Produkt Protectosil. Die Schweizer Firma PSS bietet ein Anti-Graffiti-Mittel namens PSS20 an. Mit diesem Produkt ist bereits der Reichstag erfolgreich beschichtet worden. Die Schweizer Firma hat sich von Gutachtern Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellen lassen und rechnet sich nach der Beschädigung der Degussa gute Chancen aus. Ihr Produkt wird in Schweden hergestellt und würde also einen Bau nach dem deutschen Reinheitsgebot ermöglichen. Wird das Kuratorium diesen Ausweg nehmen? Eine Recherche unter Sachverständigen ergibt, dass PSS20 einen haftungsverstärkenden Zusatzstoff namens Polymin enthält, ein eingetragenes Warenzeichen der BASF. Die BASF wiederum ist eine Nachfolgerin der IG Farben, die zu gleichen Teilen mit der Degussa an Degesch beteiligt war. Den bauchemischen Antifaschismus-Test besteht also auch PSS20 nicht.

Vielleicht haben diese Zuspitzungen auch etwas Gutes: Die absurde Wendung zur moralischen Nanotechnik offenbart den Leerlauf der sterilen Aufgeregtheit, in dem der Erinnerungsbetrieb und seine Betriebsnudeln gefangen sind. Auch dies ist eine Art Aufklärung.