Sind Sie ein Gläubiger oder ein Skeptiker?", fragt Maurice Philip Remy gleich als Erstes, wenn man ihn zu der sechsteiligen Serie Dimension Psi befragt, die er produziert hat. Keine Frage, das Thema polarisiert die Gemüter. Ab kommender Woche wird es montäglich kräftig spuken in der ARD: An sechs Abenden werden die Zuschauer geradezu enzyklopädisch über die unerklärlichen Phänomene informiert, mit denen sich die Parapsychologie befasst – Gedankenübertragung und Telekinese, Nahtod und Wiedergeburt, Teufelsaustreibung und Geister. Das alles mit dem Anspruch, keine oberflächliche Esoterik zu verbreiten, sondern solide wissenschaftliche Tatsachen zu vermitteln.

Der Produzent ist kein Unbekannter: Remy hat für das ZDF Guido Knopps Geschichtsdokumentationen produziert. Für Dimension Psi ließ er seine Autoren um die Welt reisen, sie sprachen mit dem (angeblich wiedergeborenen) Dalai Lama und ließen Uri Geller noch einmal Löffel verbiegen.

Die ARD, sonst mit Sendeplätzen für die Wissenschaft eher knauserig, griff das Thema gern auf. Chefredakteur Hartmut von der Tann bekennt sich zum "kleinen, überhaupt nicht politisch korrekten Zweifel, der sich mit feinen Widerhaken auch im kartesianischsten Hirn festsetzen kann". Nun lässt sich gewiss trefflich streiten, ob das Hamlet-Motto, nach dem es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als die Schulweisheit es sich träumen lässt, wirklich ein mutiges Aufbegehren gegen den Zeitgeist darstellt oder nicht vielmehr dessen Destillat – die wohl gefüllten Regale mit grenzwissenschaftlicher Literatur in den Buchläden lassen eher das Letztere vermuten. Jedenfalls hätte eine mehrteilige Serie über die Geheimnisse der Astrophysik wohl kaum eine Chance auf diesen attraktiven Sendeplatz gehabt. "Wir machen ein Programm für Mehrheiten", sagt von der Tann.

Wie schwer es die Wissenschaft bei der ARD hat, beschreibt Ranga Yogeshwar, Wissenschaftschef beim WDR-Fernsehen und den Zuschauern aus Sendungen wie Kopfball und Quarks & Co. bekannt, gern mit Zahlen: 700 Sendeminuten pro Jahr haben die Magazine von ihm und seinen Kollegen – 5000 dagegen die politischen Magazine. Und sobald ein wissenschaftliches Thema in die öffentliche Diskussion gerät, nimmt man es den Fachabteilungen gern aus der Hand – mit nicht immer positivem Resultat: "Die Milzbrand-Hysterie", sagt Yogeshwar, "wäre nicht so hysterisch gewesen, hätte man die Fachkompetenz der Redaktionen genutzt." Auch die Psi-Serie wurde in allen vier beteiligten Sendern an den Wissenschaftsredaktionen vorbei geplant – vielleicht um eine allzu kritische Begleitung der Produktion zu vermeiden? Von der Tann verweist darauf, dass die Filme von einer Fremdfirma produziert wurden – und die habe wissenschaftliche Berater hinzugezogen.

Als "Fachberater" der Sendung firmiert Walter von Lucadou, in der Szene kein Unbekannter. Der Experte fürs Übersinnliche, doppelt promoviert in Psychologie und Physik, betreibt in Freiburg die "Parapsychologische Beratungsstelle" und versteht es hervorragend, sich zwischen Zweiflern und Gläubigen zu positionieren. Einerseits nimmt der Psychologe diejenigen ernst, die mit unerklärlichen Phänomenen konfrontiert werden, andererseits hat er auch schon manchen angeblichen Spuk als plumpe Fälschung entlarvt (ZEIT Nr. 14/02) .

Lucadou hat aber auch seine eigene Theorie über den kleinen Rest der Psi-Ereignisse, die bisher wissenschaftlich nicht erklärbar sind. In seinem "Modell der Pragmatischen Information" jongliert er mit allerhand Begriffen aus der Quantentheorie und versucht damit zu begründen, dass ähnlich wie in der Teilchenwelt auch in der Wechselwirkung zwischen Psyche und Materie eine Art Unschärferelation besteht: Je mehr man versucht, Psi-Phänomene mit objektiven Methoden nachzuweisen, umso mehr entziehen sie sich der Nachforschung. Da wird zum Beispiel die Überwachungskamera just in dem Moment unscharf, in dem der Geist durchs Zimmer poltert. Kritisiert wird dieses Modell allerdings sowohl von Skeptikern, die darin eine Immunisierung der Parapsychologie sehen, als auch von Psi-Forschern, die noch in ihren Labors den objektiven Beweis für die Existenz der übersinnlichen Phänomene antreten wollen. Bislang kämpft Lucadou recht einsam für seine Theorie.

Hat die ARD beim Thema Psi also den Bock zum Gärtner gemacht? In den Filmen kommt Lucadou zwar des Öfteren zu Wort, aber der Produzent und seine Autoren haben gut daran getan, sich nicht nur auf die Expertise des Freiburger Spukforschers zu verlassen. Auch harte Parapsychologie-Kritiker kommen zu Wort – freilich nachdem das Thema nach den Regeln der Fernsehkunst erst einmal kräftig hochgezogen wurde, schaurig-mystische Begleitmusik inklusive. Und in einigen Fällen sind die Autoren, die wenig Erfahrung mit wissenschaftlichen Themen hatten, den Psi-Forschern in ihrer Begeisterung doch auf den Leim gegangen.

So werden etwa im ersten Film, der kommenden Montag ausgestrahlt wird, die spektakulären Resultate des Pear-Labors in Princeton recht unkritisch als unbestritten hingestellt. In den Pear-Experimenten können Versuchspersonen angeblich allein durch Willenskraft das Verhalten von Zufallsgeneratoren beeinflussen. Im Film fehlt zum Beispiel die Information, dass diese Ergebnisse in einem groß angelegten Versuch, den die Pear-Forscher zusammen mit befreundeten Instituten in Deutschland unternahmen, nicht reproduziert werden konnten (ZEIT Nr. 26/00) . Ein bei Psi-Experimenten nicht unübliches Phänomen übrigens, das in der Parapsychologie sogar einen eigenen Namen hat: "Decline-Effekt" nennt man es, wenn die psychischen Kräfte bei Wiederholungsversuchen plötzlich nachlassen.