kognitionsforschung Intelligenztest für Bestien

Bei Blutegeln, Tintenfischen oder Rabenvögeln entdecken Wissenschaftler verblüffende geistige Fähigkeiten. Im Tierreich wimmelt es von Genies. Jetzt bröckelt die Sonderstellung der Affen

Ein italienisches Weichtier entzauberte die Affen. In der Zoologischen Station von Neapel schaute ein Krake einem Artgenossen im Nachbaraquarium zu. Der bekam gerade beigebracht, dass hinter einem roten Ball Futter steckt und hinter einem weißen nicht. Nach etwa zwanzigmaligem Rumprobieren hatte das Versuchstier die Sache kapiert. Dann setzten die Forscher den Beobachter ins Versuchsaquarium. Und siehe da: Er wusste auf Anhieb, wo die Belohnungen verborgen waren. Offenbar hatte er durch Zusehen gelernt. Verblüfft stellten die Neurobiologen fest, dass er und andere achtarmige Augenzeugen die Aufgabe sogar schneller begriffen als Tintenfische, denen man die Lösung beibrachte.

Die Nachricht von den klugen Kopffüßern ging 1992 um die Welt. Und seither essen manche Menschen ihre Pizza con frutti di mare mit stiller Andacht. In der internationalen Gemeinde der Kognitionsforscher erschütterte die Neuigkeit aus Neapel das Weltbild. Damals, als die Kraken ihre zuvor für undenkbar gehaltenen Fähigkeiten preisgaben, hießen die hellen Stars der Tierwelt Kanzi und Koko, Lana und Washoe. Es waren Schimpansen, Bonobos und Gorillas, denen Wissenschaftler durch jahrelanges Training (unterstützt mit Bananen und Schokolinsen) neue Formen der Kommunikation beigebracht hatten: etwa die Gesten der Taubstummensprache oder eine Art Zeichensprache mittels Deuten auf grafische Symbole.

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Während die Welt noch über die „sprechenden Affen“ staunte, kamen die italienischen Kraken dazwischen. Und nicht nur sie: Zunehmend entdecken Kognitionsforscher erstaunliche Fähigkeiten bei Arten, die man lange für geistig minderbemittelt hielt. Die Wissenschaft nimmt Abschied vom Planeten der Affen und seiner Methodik. Statt Tieren menschliche Ausdrucksweisen anzutrainieren, blickt man heute mehr und mehr auf die ökologischen Herausforderungen verschiedener Lebewesen. Eine Fledermaus benötigt andere kognitive Fähigkeiten als eine Schildkröte: Mit welchen spezifischen Talenten meistern sie Probleme in ihrer spezifischen Umwelt? Im Blickfeld der Forschung steht nunmehr die „ökologische Intelligenz“.

Der angesehene amerikanische Wissenschaftsautor Stephen Budiansky erläutert in seinem soeben erschienenen Buch Wenn ein Löwe sprechen könnte (Rowohlt Verlag) die neuesten Erkenntnisse der Kognitionsforschung. Und in Tutzing fand kürzlich ein hochkarätiges Symposium statt, auf dem Wissenschaftler aus aller Welt die „ökologische Intelligenz“ von Affen und Krähen, Waranen und Würmern diskutierten. Sie unterschieden dabei zwischen Umweltintelligenz, die der individuellen Problemlösung dient (Wie komme ich an Futter?), und sozialer Intelligenz, durch die Tiere das Zusammenleben meistern. Dabei zeigte sich, dass die Klassenschranken im Tierreich einstürzen: Primaten gelten immer weniger als Primusse.

„Vor zehn Jahren schien noch klar, dass Affen etwas Besonderes sind“, sagt die amerikanische Primatenforscherin Dorothy Cheney, die grundlegende Arbeiten über Meerkatzen und Paviane geschrieben hat. „Doch es gibt keinen Beweis, dass ihre Intelligenz sich von der anderer Tiere grundsätzlich unterscheidet.“ Seelöwen beispielsweise kapieren viele Aufgaben schneller und können sie länger behalten. Josep Call vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie begann an der Sonderstellung von Schimpansen zu zweifeln, als er zum Vergleich mit Hunden experimentierte. Nachbars Lumpi kann menschliche Blicke und Gesten besser interpretieren als jeder Menschenaffe. Er begreift auch viel schneller, ob ein Mensch aufmerksam ist oder nicht. Das kann durchaus daran liegen, dass Menschen und Hunde schon so lange zusammenleben, denn Wölfen fehlen diese Fähigkeiten. Für Call zeigt es aber auch, dass man beim Thema Intelligenz das Interesse nicht nur auf Menschenaffen richten sollte.

Offenbar hatten einst die Bücher von Jane Goodall und Dian Fossey eine ganze Wissenschaftlergeneration nachhaltig inspiriert. Digit der Gorilla, David Greybeard der Schimpanse und andere Protagonisten der populären Primatenforscherinnen prägten das Bild vom nahezu menschlichen Affen. Der Blick der Gelehrten hat sich sogar bei den Menschenaffen immer weiter verengt: Siebzig Prozent aller Menschenaffenstudien erfolgen an Schimpansen. „Doch manche komplexe Aufgabe wird von Orang-Utans schneller verstanden und besser gelöst“, sagt Josep Call. Er vergleicht den derzeitigen Fokus auf Schimpansen mit dem auf Ratten vor einem halben Jahrhundert, als Burrhus F. Skinner und die Behavioristen glaubten, alle Säugetiere verstehen zu können, indem sie die Reaktionen von Ratten testeten. „Die Kognitionsforschung muss unbedingt mehr Arten einbeziehen“, fordert Call.

Sein Kollege, der Brite Nathan Emery, berichtet von japanischen Krähen, die gezielt Nüsse auf Zebrastreifen legen, damit sie von Autoreifen geknackt werden. Sie legen sie nicht einfach irgendwo auf die Fahrbahn, weil im rasch fließenden Verkehr das Verspeisen geknackter Nüsse lebensgefährlich wäre. Auf der Fußgängerpassage hingegen können die klugen Vögel die Leistung ihrer motorisierten Nussknacker ruhiger genießen. Nacktschnabelhäher verstecken bis zu 25000 Samen im Jahr und finden sie wieder. Gradschnabelkrähen bogen sich im Labor eigenständig Drähte zurecht, um Leckerbissen aus Behältern zu fummeln. Tauben konnte man beibringen, zuverlässig Gemälde von Chagall und van Gogh zu unterscheiden.

Und als wären die geistigen Leistungen der Vögel nicht verblüffend genug, betrachtet der amerikanische Reptilien- und Amphibienforscher Gordon Burghardt auch Echsen als Intelligenzbestien. „Es gibt kein Problem, das Säugetiere oder Vögel lösen können, das die Fähigkeiten von Reptilien grundsätzlich übersteigt“, sagt er. Die Tierpfleger in Burghardts Forschungsstation tollen mit einem Komodowaran herum, als sei er ein verspieltes Hündchen. Spielverhalten bei schuppigen Kaltblütern? Man mag es nicht glauben, doch Burghardt belegt es mit Videoaufnahmen. Der Kognitionsforscher setzt noch eins drauf und berichtet von Salamandern, die Gegenstände zu ihrem Nutzen manipulieren, Verwandte individuell erkennen und kleinere Mengen richtig schätzen können.

Die verblüffenden Erkenntnisse der zoologischen Kognitionsforschung werden auch Folgen für die anschwellende Diskussion um Tierrechte haben. Seit Jahren fordern der australische Tierrechtsphilosoph Peter Singer und seine Anhänger „Menschenrechte für die großen Menschenaffen“. Sie möchten mit ihrer Kampagne den Tierrechtsbegriff in der allgemeinen Rechtsauffassung durchboxen. Ihre tragenden Argumente sind die große genetische Nähe zum Menschen (mit Schimpansen teilen wir fast 99 Prozent des Erbguts) und die herausragende Intelligenz, die diese Tiere nahezu menschlich mache.

Doch was ist, wenn Salamander auf ihre Art fast ebenso intelligent sind – Menschenrechte für Salamander? Budiansky schreibt über Tierrechtler: „Sie sagen im Endeffekt, dass Tiere Respekt verdienen, weil sie in ihrem Verhalten menschlichem Verhalten so nahe kommen.“ Evolution erzeugt jedoch Vielfalt: Affen-Intelligenz, Krähen- und Salamander-Intelligenz. Ob die eine wirklich „höher“ rangiere als die andere, ist zunehmend umstritten. „Tatsache ist“, schreibt Budiansky, „dass die erstaunlichsten tierischen Leistungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht das Geringste mit bewusstem Denken, wie wir es kennen, zu tun haben.“ Der Philosoph Ludwig Wittgenstein formulierte es so: „Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“ Wäre es demnach nicht angebrachter, den Tieren ob ihrer Verschiedenheit vom Menschen Respekt zu zollen – als Tieren und nicht als „unfertigen Menschen“? Die moderne Kognitionswissenschaft legt jedenfalls nahe, dass ihre Gehirnleistungen zwar komplex und mannigfaltig sind, aber sich vom menschlichen Denken nicht nur graduell, sondern substanziell unterscheiden. Die Vorstellung, dass die Evolution nach oben strebt, dass die Spinne auf einer niedrigen Stufe sitzt und der Schimpanse fast schon den Gipfel erreicht hat, ist Unsinn. Alle Lebewesen sind in ähnlichem Maße „entwickelt“ und ihrer Umwelt angepasst.

Auf der Tutzinger Tagung wurden Beispiele für ökologische Intelligenz bis zu den Fischen und sogar zu den Wirbellosen aufgeführt. „Was ist Kultur?“, fragt Kevin Laland von der Universität Cambridge provozierend. „Gruppentypische Verhaltensmuster, die von Gemeinschaften geteilt und durch soziales Lernen weitergegeben werden“, zitiert er eine gängige Definition. Demnach besitzen verschiedene Schimpansenpopulationen in Afrika Kultur. Die einen benutzen Steine, um Nüsse zu knacken, die anderen Stöckchen, um Termiten zu fischen. Doch ähnliche Phänomene kann Laland auch von Lippfischen und Grunzerfischen dokumentieren, die je nach Population auf spezifische Weise ihr Biotop im Korallenriff nutzen.

Versetzt man ein Einzeltier in eine andere Gemeinschaft, passt es sich deren Verhaltensmustern an. Verpflanzt man jedoch eine Gruppe, behält diese ihre „Kultur“ bei. Bei Guppys konnte Laland nachweisen, dass sie – wie Kraken – durch Zuschauen lernen. Er brachte einigen Fischen bei, in einer Plexiglasröhre senkrecht nach oben zu schwimmen, um an Nahrung zu gelangen, was die Tiere sonst nie tun. Artgenossen, die sie dabei beobachteten, schauten sich den ungewohnten Schwimmtrick ab und ahmten ihn nach. „Womöglich“, sagt der Berliner Bienenforscher Randolf Menzel, „braucht man kein großes Gehirn für komplexe Kognitionsleistungen.“ Seine Versuchsbienen lernten abstrakte Muster in symmetrisch und asymmetrisch einzuteilen und navigierten nach einer Art geometrischer Raumerinnerung.

Als wären die komplexen Verstandesleistungen von Fischen und Bienen nicht irritierend genug, hat sich Wolfgang Wickler auf die Suche nach der Kognition bei noch einfacheren Lebewesen gemacht. Der kürzlich emeritierte Direktor des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie Seewiesen in Starnberg fand bei Seesternen, Krebsen und sogar bei Blutegeln Beispiele für Umweltintelligenz und soziale Intelligenz.

Sie benutzen Werkzeuge, können Verwandte individuell erkennen und betreiben ausgeklügelte Formen der Brutpflege. Eine Blutegelart beispielsweise füttert ihre Jungen mit kleinen Würmern, ganz so, wie es Vogeleltern tun. „Ist all das auch ohne Gehirn möglich?“, fragt Wickler nur halb ironisch. „Anatomische Primitivität des Nervensystems“, so viel steht für ihn fest, „korreliert nicht mit primitivem Verhalten.“ Sind wir also alle eine große Familie, Biene und Affe, Egel und Mensch? Unterscheidet sich der Verstand nur in der Quantität und nicht in der Qualität? Nach der Hypothese der ökologischen Intelligenz sind alle Tiere schlau, nur eben jede Art auf ihre Weise. Doch die neue Gleichheit im Tierreich wirft auch neue Fragen zum Menschen auf. Wenn Fische im Prinzip so denken können wie Schimpansen, können sie dann auch so denken wie Menschen? Begehen wir täglich Brudermord an Forellen und Heringen?

Budiansky sagt nein. Mit ihm sind etliche Kognitionsforscher zu der Überzeugung gelangt, dass Menschen sich durchaus qualitativ von Tieren unterscheiden, und zwar von allen Tieren, auch von Schimpansen. Der große Unterschied entstand durch die menschliche Sprache. Während selbst die besten Primaten nach jahrelangem Training kaum über „Koko Banane geben“ hinauskommen, saugen menschliche Babys ohne Training Syntax und Semantik begierig auf und verstehen schon nach Monaten komplexe sprachliche Verknüpfungen.

„Die der Sprache verdankte Fähigkeit, Gedanken zum Gegenstand des Denkens zu machen, kommt einem die Entwicklungskontinuität durchbrechenden Sprung gleich“, schreibt Budiansky. Menschen können Gedanken als etwas Eigenständiges erfassen und mithilfe der Sprache schlussfolgern, was das Gegenüber denkt. Schon Kleinkinder sind sich bewusst, dass andere eine ähnliche Gedankenwelt besitzen, die man mit Worten und Taten manipulieren kann. Das menschliche Bewusstsein ist vermutlich einzigartig, vieles deutet darauf hin, dass kein anderes Lebewesen diese Form des inneren Erlebens mit uns teilt. Vermutlich hatte der Bischof von Polignac Recht, als er im 18. Jahrhundert zu einem Schimpansen sagte: „Sprich, und ich werde dich taufen.“

[Abstract]

 
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