Es hört sich an wie ein Märchen und ist doch keines: In deutschen Landen leben glückliche Unternehmer. Ob Konzernmanager oder Mittelständler – sie platzen fast vor Optimismus und investieren wie die Weltmeister. Ihre Auftragslage ist bestens, die Perspektive verheißungsvoll. Sie expandieren und suchen dringend qualifizierte Mitarbeiter. Voll des Lobes sind sie über fixe Behörden, engagierte Mitarbeiter und willige Gewerkschaften.

Und wo findet man diese Glückspilze? In Ostdeutschland.

Ausgerechnet in dem Teil der Republik, in dem die Arbeitslosigkeit mit 17,3 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie im Westen? In dem zum Teil Löhne von unter fünf Euro gezahlt werden, damit es überhaupt noch neue Jobs gibt? So ist es. Die Katastrophenmeldungen von fehlenden Arbeitsplätzen, Industrieschwund und ABM-Elend sind nicht falsch. Aber sie verstellen den Blick dafür, dass sich die Industrie Ostdeutschlands in der Krise offensichtlich besser behauptet als die im Westen und dass mancherorts die Stimmung fast unanständig gut ist.

"Es ist etwas Sensationelles geschehen", schwärmt Rüdiger Pohl, der Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), "trotz des Konjunktureinbruchs ist die Industrieproduktion in Ostdeutschland weiter angestiegen." Und dann schiebt der nüchterne Ökonomieprofessor einen überraschenden Satz nach: "Hier kann man den Umgang mit der Krise lernen."

Von den Ossis lernen? Warum nicht? Es kann schließlich kein Zufall sein, dass mitten in der konjunkturellen Flaute die ostdeutsche Wirtschaft unerwartete Widerstandskräfte mobilisiert. Lässt man die Baubranche außen vor, deren Schrumpfkur unvermeidlich ist, dann waren die Zuwächse des ostdeutschen Bruttoinlandsprodukts in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre mehr als doppelt so hoch wie in Westdeutschland.

Seitdem hält der Trend an: 2002 zum Beispiel kam der Westen auf ein höchst bescheidenes Plus von 0,2 Prozent, während der Osten (ohne Bau) immerhin 1,3 Prozent schaffte. Auch das ein solides Signal: Die ostdeutsche Exportquote hat sich seit Mitte der neunziger Jahre von 11 auf 22 Prozent verdoppelt.

Zu besichtigen ist die Erfolgsgeschichte zum Beispiel im "Autoland Sachsen", wie sich die Heimat von Audi und Trabi neuerdings nennt. Da hat Volkswagen mitten in Dresden die Gläserne Manufaktur errichtet und zelebriert vor aller Augen die Montage seines Luxusmodells Phaeton. Der brandneue Golf V kommt aus der VW-Fabrik Mosel bei Zwickau. Im Norden von Leipzig montiert Porsche seit 2002 seinen Geländewagen Cayenne und neuerdings unter demselben Dach auch den teuersten Sportwagen dieser Marke, den Carrera GT. Nicht weit davon errichtet BMW "eine der modernsten Automobilfabriken der Welt", so der Bauherr. Und überall der gleiche Refrain: Wir investieren im deutschen Osten, weil es sich dort lohnt – mag Leipzig in einer neuen Vergleichsstudie über sieben deutsche Wirtschaftsregionen auch Lichtjahre hinter Stuttgart und München liegen.

Im Umfeld der nun in Sachsen ansässigen Autoriesen gedeihen die Zulieferer, ganz überwiegend Mittelständler. Sie sind wiederbelebte Teile ehemaliger Kombinate, Ableger von Unternehmen aus dem Westen der Republik, auch Töchter von Firmen aus den USA, Kanada und Japan. Über 700 Autozulieferer mit 64000 Beschäftigten sind es mittlerweile im ganzen Freistaat Sachsen. Sie lassen keinen Zweifel daran zu, dass es richtig war, im Osten zu investieren. Ob Hersteller von Fensterhebern, Nockenwellen, Autotüren, Achsen, Getriebeteilen – sie loben den Standort Ost über den grünen Klee.