FreiheitFreiheit fällt nicht vom Himmel

Wie aus Untertanen Bürger wurden: Peter Blickle entwirft ein faszinierendes Panorama von Rudolf Walther

Gemeinhin gelten die Virginia Bill of Rights von 1776 und die Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789 als Ursprung der modernen Bürger- und Menschenrechte. Das ist nicht falsch, aber ergänzungsbedürftig. Peter Blickle, der Berner Historiker und Spezialist für die Erforschung der Freiheitsbewegungen der frühen Neuzeit, unternimmt in seinem ebenso breit angelegten wie faszinierenden Buch den Versuch, die mittelalterlichen und spätmittelalterlichen embryonalen Vorformen von Eigentums-, Bürger- und Menschenrechten darzustellen.

Das historische Material aus deutschen Regionen zwischen Alpen und Ostsee, Westfalen und Böhmen, das Blickle präsentiert, gibt zunächst den Blick frei auf die verwirrende Vielfalt von Sozial- und Rechtsbeziehungen, die zwischen Mittelalter und Neuzeit die deutschen Agrargesellschaften bestimmte. Diese Vielfalt wird an mehreren Beispielen illustriert, etwa dem kleinen Dorf Gersau am Vierwaldstättersee oder dem System der Grundherrschaft im deutschen Norden und Osten. Von hier führt freilich keine lineare Entwicklung in die Moderne. Blickle zeigt vielmehr, wie die Geschichte regional unterschiedlich bestimmt wurde von dauernden Kämpfen zwischen Herren und Leibeigenen um freie Heirat, Bewegungsfreiheit, höhere Anteile am Ertrag landwirtschaftlicher Produktion und Sicherung der Höfe für die Erben.

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Als Vorstufe der spätmittelalterlich-neuzeitlichen Leibeigenschaft garantierte die mittelalterliche Eigenverfassung den Bauern idealiter ein lebenssicherndes Auskommen, rechtlichen und militärischen Schutz gegen Abgaben und Dienste für den Herrn. Massive Landflucht und die Möglichkeit, sich als "Pfahlbürger" unter städtischen Schutz zu begeben, ohne das Land und den Hof zu verlassen, führten zur Auflösung dieser Eigenverfassung. Mit ihrer Verschärfung zur Leibeigenschaft sollten die Bauern wieder stärker an die Herrschaft gebunden werden.

Die Grundherren konnten jedoch die Flucht der Bauern in die Städte mit Gewalt allein kaum eindämmen, da sie zunächst nicht über geschlossene Territorien regierten, sondern über weit gestreuten, unübersichtlichen Besitz, den sie mit Verträgen über den Tausch von Ansprüchen über Menschen mit anderen Herren mühsam zu geschlossenen Gebieten arrondierten. Nach vielen Aufständen, die 1525 im Bauernkrieg kulminierten, wurde die Leibeigenschaft vielerorts gelockert. Heiratsfreiheit und Vererbung der Höfe an die Kinder gegen relativ geringe Erbschaftsteuern wurden zugestanden. Was sich dabei substanziell gebessert hat für die Bauern und was nur vorübergehende begrifflich-rhetorische Anpassung einer in die Krise geratenen Herrschaftselite war, lässt sich nach Blickle nicht immer feststellen.

Der Autor demonstriert, dass der Einfluss der Theologen, insbesondere der reformierten, auf den bäuerlichen Befreiungsprozess sehr gering war, verglichen mit dem Druck, den Bauern durch Klagen bei den Landesherren, Flucht und offenen Widerstand ausübten. Wichtiger als die Theologen waren die Versuche der Juristen, die undurchsichtige Gemengelage von Herrschaftsrechten und Statusfragen der Bauern zwischen Knechtschaft, Leibeigenschaft, Freiheit und Sklaverei zu normieren, indem sie die Vielfalt der Leibeigenen zu "Untertanen" im sich herausbildenden Territorialstaat homogenisierten. Von diesen "Untertanen" führt nur ein mehr oder weniger direkter revolutionärer Bruch – hausgemacht wie in Frankreich oder importiert wie in Deutschland – zu den modernen "Staatsbürgern" mit Menschen- und Bürgerrechten. Blickle räumt das indirekt ein: "Aus Untertanen waren spätestens im 18. Jahrhundert Bürger geworden, jedenfalls dem Begriff nach."

Gegen die über weite Strecken überzeugende Darstellung Blickles drängen sich dennoch einige Einwände auf. Beim Nachzeichnen der Verbindungslinien zwischen mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Freiheits- und Eigentumsbegriffen und ihren modernen Ausprägungen unterschätzt Blickle die Differenz zwischen Altem und Neuem. Eigentum bedeutet heute eben nicht nur "Freizügigkeit, Ehefreiheit und freie Verfügung über den Ertrag der Arbeit am Ende des Lebens". Und auch "die" Freiheit, wie sie die amerikanische und Französische Revolution formuliert haben, erschöpft sich nicht in den alten Freiheiten beziehungsweise Privilegien oder der "Freiheit über die eigene Person", sondern umfasst weitergehende vorstaatliche Rechte, die der Rechtsstaat jedem Einzelnen und nicht einer diffusen Korporation von Bevorrechteten garantieren muss.

Blickle beschwört geradezu emphatisch die Mitwirkung von bäuerlichen Schöffen im Dorfgericht als "die geschichtliche Tiefe, aus der die Bürgerrechte kommen" und als Urform politischer Partizipation. Freiheit und Würde der Person, rechtsstaatliche Garantie, sozialstaatliche Sicherheit und politische Partizipation im modernen Sinne unterscheiden sich jedoch qualitativ und kategorial von den dürftigen Ansätzen unter dem Regime der mittelalterlichen Grundherrschaft und Leibeigenschaft. Statt diese kategorialen Differenzen herauszuarbeiten, was an der richtigen Grundthese, wonach die Freiheit nicht 1776 oder 1789 vom Himmel gefallen ist, nichts ändert, bedient sich Blickle fragwürdiger Hilfskonstruktionen. Er bezeichnet das Resultat des unbestreitbaren Wandels der Leibeigenschaft als "freiheitsähnliche Leibeigenschaft" und das Ergebnis der erleichterten Vererbbarkeit der Bauernhöfe als "eigentumsähnliche Qualität der Güter". Vor allem aber möchte er die bescheidene bäuerliche Teilhabe an der Dorfgerichtsbarkeit und damit an der Rechtsfortbildung, die im Übrigen mit der Entwicklung des Territorialstaats und der Etablierung eines professionellen Justizwesens zurückgedrängt wurde, zur "bürgerrechtsähnlichen Stellung der Bauern" aufwerten.

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