Ein beeindruckendes Buch. Eine düstere Lektüre. Sie führt uns hinein in die tödliche, massenmörderische Welt deutschen Rassen- und Lebensraumwahns, der das Leben vieler Menschen, keineswegs nur das der Juden, für nichtig erklärte.

Die Perspektive der Täter steht dabei im Mittelpunkt. Ihren Motiven, Schritten, Entscheidungen nachspüren wollen der amerikanische Historiker Christopher Browning, den der Gedanke an ein solches Werk schon seit den achtziger Jahren, seit seiner grundlegenden Studie über die Ganz normalen Männer des an der "Endlösung" in Polen beteiligten Reservepolizeibataillons 101 beschäftigt, und sein Mitstreiter Jürgen Matthäus, Mitarbeiter am Washingtoner Holocaust Museum. Die Leiden der Opfer, die sich hinter den schier endlosen Zahlenkolonnen der Tötungslisten verbergen, werden bewusst weitgehend ausgeblendet. Dennoch ist die Darstellung so angelegt, dass wir diesen verborgenen Text stets mitlesen können – und müssen.

Weil der Band in der von Yad Vashem, Jerusalem, herausgegebenen Reihe über The Comprehensive History of the Holocaust erscheint, Vor- und Nachgeschichte in anderen Werken im Mittelpunkt stehen, wird in ihm nur der vergleichsweise kurze Zeitabschnitt vom September 1939 bis zum März 1942 behandelt. Nur 30 Monate. Aber was für eine einschneidende Phase voller Entwicklungssprünge und Radikalisierungsschübe nicht zuletzt in der NS-Rassen- und Judenpolitik! Am Beginn des Abschnitts verstanden wohl selbst die fanatischsten Vordenker und Täter unter einer "Endlösung der Judenfrage" noch die durch vielfältigen Druck bewirkte, vollständige Vertreibung und Emigration. Am Ende, ab Herbst 1941, ließ sich die NS-Judenpolitik konzeptionell nicht mehr weiter radikalisieren. Die letztmögliche Form einer "Endlösung" war erreicht. Sie bedeutete, wie Adolf Eichmann, der "Judenspezialist" im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), nach dem Krieg im Verhör in Jerusalem kühl zu Protokoll geben sollte, "Tötung, Vernichtung" unterschiedslos aller Juden. "Was nach dem Herbst 1941 noch anstand? Diese ‚Endlösung‘ in die Tat umzusetzen", resümiert Browning.

Und um die Entwicklung bis genau zu diesem Punkt geht es ihm. Gestützt auf eine stupende Materialfülle, unter souveräner Einbeziehung der vorliegenden Forschungsergebnisse, führt Browning so etwas wie einen Indizienbeweis, der vieles an Plausibilität für sich hat und neues, helles Licht auf den Entscheidungsprozess hin zur letzten, völkermörderischen "Endlösung" wirft. Auch für ihn steht fest: Einen "Urknall", eine einzige, an einem bestimmten Tag getroffene Entscheidung gab es nicht. Das einfache Muster Entscheidung – Befehl – Durchführung muss wegen der amorphen Struktur des NS-Regimes verworfen werden. Er analysiert vielmehr überaus sorgfältig europaweit die Interaktion und wechselseitige Radikalisierung zwischen zentralen und lokalen Behörden/Akteuren, wobei von oben neben Anweisungen und Unterstützung auch Ermunterung und Legitimierung (bisweilen sogar nachträgliche) kamen, unten neben Gehorsam zugleich Einfallsreichtum, Initiative, Experimentierfreude verlangt wurden.

Auch wenn keine Papierspur direkt ins Führerhauptquartier führt – Browning kann mit seiner Indizienkette vielfach belegen, wie Hitler den Wettstreit um immer radikalere Vorschläge befördert, aber auch "aktiv und kontinuierlich Einfluss" nimmt. Sein Fazit: "Keine maßgebliche Veränderung der NS-Judenpolitik fand ohne seine Intervention und Zustimmung statt." Hitler signalisierte seine Wünsche zudem durch verschlüsselte Äußerungen, Mahnungen und Variationen seiner "Prophezeiung" vom 30. Januar 1939 über die Vernichtung der europäischen Juden. Enge Vertraute wie Himmler "besaßen ein feines Gespür für diese Signale und reagierten umgehend".

Hitler und Himmler, wahrlich zwei Gleichgesinnte im Rassenhass und -wahn. "Ich tue nichts, was der Führer nicht weiß", sagte Himmler nicht von ungefähr zu den Spitzen der Wehrmacht, die sich tief in das mörderische Handeln von SS, Einsatzgruppen, Ordnungs- und Sicherheitspolizei verstrickte. Ein überaus einleuchtender Leitgedanke für Brownings Ermittlungen lautet daher: "Wer erfahren will, was Hitler dachte (und wollte), muss sich ansehen, was Himmler tat."

Himmler trieb umgekehrt aber auch Hitler an, etwa als er ihm im Mai 1940, psychologisch geschickt, nach den ersten großen Erfolgen im Frankreichfeldzug seine Denkschrift über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten überreichte, die Unterstützung des "Führers" gewann gegenüber pragmatischeren, stärker an der Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft als an Deportation interessierten Männern wie Göring ("Es ist wichtiger, dass wir den Krieg gewinnen, als Rassepolitik durchzusetzen") oder dem Generalgouverneur in Polen Hans Frank.