die zeit: Herr Eisenmenger, warum sind gerade jetzt derart viele Lehrstühle und Institute der Rechtsmedizin bedroht?

Wolfgang Eisenmenger: Weil dem Staat das Geld ausgeht. Die einfachste Möglichkeit ist da, einen frei gewordenen Lehrstuhl nicht mehr zu besetzen. Und weil zurzeit ein Generationenwechsel in der Rechtsmedizin stattfindet und viele C4-Professoren in Ruhestand gehen, benutzt man diese Umwälzung, um rigorose Kürzungspläne durchzusetzen.

zeit: In Berlin werden gleich drei rechtsmedizinische Institute zusammengelegt.

Eisenmenger: Ja, und das Potsdamer Institut – so ist es angedacht – soll auch gleich noch mitverschmolzen werden. Aus vier Standorten könnte ein zentrales Institut entstehen.

zeit: Reicht das für Berlin? Wie sieht es denn in London, Paris oder Rom aus?

Eisenmenger: Dort existieren je drei Institute, mit je eigener Leitung. Ein Institut schafft es ja gar nicht, den Lehrauftrag für zwei Universitäten in einer Stadt zu erfüllen – von der Untersuchung der Gewaltopfer einer Metropole ganz zu schweigen. Das ist unzumutbar. Für das kleinste Wehwehchen gibt es an jeder Ecke eine Anlaufstelle, niemand hat es weit bis zum nächsten Krankenhaus. Nur die Zusammengeschlagenen und Vergewaltigten sollen künftig stundenlange Fahrten auf sich nehmen, um von einem Rechtsmediziner untersucht zu werden. Die Sparwut nimmt ein ungeheures Ausmaß an; dabei werden die Belange der Schwächsten ignoriert.