Reich werden, das geht manchmal ganz einfach, ohne jahrelanges Rackern und Plagen, wenn man einfach nur Glück hat. Es ist zwar laut Statistik viermal wahrscheinlicher, vom Blitz erschlagen zu werden, als sechs Richtige zu tippen. Aber rund 300 Lottomillionäre gibt es jedes Jahr. Reich werden kann man auch schon durch ein bisschen Wissen und wenn man sich nicht dadurch irritieren lässt, dass Günther Jauch bei Wer wird Millionär? zweifelnd grinst: "Sind Sie sicher?" Die Million, schnell und unkompliziert, das ist die Hoffnung von Millionen.

Für Sabine Steffen, 37, war es am 2. November vergangenen Jahres so weit. Sie saß in den Bavaria-Film-Studios in München in der Show der Süddeutschen Klassenlotterie Millionär gesucht, Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht ließen die Glückskugel rollen, und Sabine Steffen zwang sich, nicht weiterzudenken. Daran, dass sie nur hergekommen war, weil zu Hause, in Moosburg bei Freising, ein Telefonverkäufer der SKL angerufen und darauf beharrt hatte, sie möge doch ein Los nehmen. "Na gut", hatte sie schließlich geantwortet, "aber nur das billigste."

Sie hatten ihr Leben schon eingerichtet. Sabine Steffen, ihr Mann, die Kinder Hannah und Lennart und Sabine Steffens Mutter wohnten zur Miete in einer hübschen Doppelhaushälfte. Jürgen Steffen arbeitet bei einem Wachdienst und fährt jeden Tag die 60 Kilometer nach München und zurück, Sabine Steffen wollte nach einer längeren Babypause gerade wieder anfangen zu arbeiten, als Informatikkauffrau. Sie hatten liebe Freunde, es war eigentlich genug Geld da, nur für Sabine Steffens Herzenswunsch reichte es nicht: ein eigenes Haus. Da war ein schönes Grundstück, an dem sie beim Spazierengehen mit Mischlingshündin Jeanny immer vorbeikam, mit Blick auf eine Pferdekoppel und die Amperauen. Schade, dachte Sabine Steffen dann jedes Mal, aber wir sind auch so zufrieden.

Dann kam der Brief der Süddeutschen Klassenlotterie: Sie sei Kandidatin für die SKL-Show bei RTL, mit Günther Jauch. Und nun saß sie im Studio, vor sich die Bahn, auf der die Glückskugel rollte, rollte, und genau vor ihr liegen blieb. Nein, dachte Sabine Steffen, nein, aber neben ihr flüsterte schon eine Assistentin: "So, jetzt gehen wir nach vorn." Die Spielregeln, sagt Frau Steffen, habe sie bis heute nicht ganz begriffen. Irgendwann saß sie auf der Couch zwischen Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht, ein weiteres Mal rollte die Glückskugel, und noch ehe sie ganz still lag, sagte Günther Jauch leise: "Jetzt haben Sie sie schon, die Million."

Der Traum vom Reichtum ist wohl der am häufigsten geträumte Traum überhaupt. Geld steht für Freiheit, Glück, Erfolg und Einfluss. Geld mache attraktiv und begehrenswert, glaubt auch der Psychologe, Betriebswirt und Buchautor Wolfgang Krüger (Die Faszination des Geldes). Die Macht des Geldes ist umso größer, je mehr jeder daran glaubt.

Dass die mächtigste Geldmaschine der vergangenen Jahrzehnte, die Börse, abgeschmiert ist; dass in den Buchhandlungen die Anlage- den Psychoratgebern Platz gemacht haben – das stört den großen Traum nicht. Auch nicht Erhebungen wie jene der London School of Economics, wonach Spitzenverdiener weltweit die Liste der Depressiven und Selbstmörder anführen. 53 Prozent aller Deutschen zeigten sich in einer Umfrage des GfM-Getas-Instituts überzeugt, dass mehr Geld auch einen Mehrgewinn an Glück bringt.

Sabine Steffen kann nicht sagen, dass sich in ihrem Leben viel verändert hat. Außer dass man, geht die Familie zum vierten Mal im Monat essen, nicht mehr überlegt, ob das wirklich sein muss. Sabine Steffen hat sich einen Ford Focus gekauft, "Du hättest wenigstens ein Cabrio nehmen können", wunderte sich eine Freundin, und in Moosburg gab es Menschen, die ihr eine Zeit lang nicht in die Augen schauen konnten. Ach, und auf dem Grundstück, an dem sie so oft vorbeikam, entsteht jetzt ihr Traumhaus, mit zwei Zimmern für jedes Kind, großer Küche, Sauna, Whirlpool, in den Keller kommt eine Hundedusche, sagt Frau Steffen lächelnd. Macht Geld nun glücklich? "Glück", sagt Sabine Steffen, "Glück, das heißt für mich: Familie, Freunde, Gesundheit. Das kann man doch nicht kaufen." Die Steffens hoffen, dass ihnen niemand den schönen Blick auf die Amperauen verbauen wird. Für das Grundstück hinter ihrem hätte das Geld nicht gereicht: "So viel ist eine Million auch nicht."