Paris

Das ist ja wunderbar", freut sich Jacques Nikonoff, der Präsident von Attac. "Alle Welt versteht sich neuerdings als Globalisierungskritiker." Der groß gewachsene Zigarilloraucher, der mit seinen elf Mitarbeitern in einer winzigen Neubauwohnung im Pariser Zentrum sitzt, ist ein eher gemütlicher Typ, zu dem das martialische Etikett "Attac" nicht recht passen will. Im Zentralbüro der französischen Antiglobalisierungsbewegung rechnet man bis zum Wochenende mit 60000 Teilnehmern des "Europäischen Sozialforums" in Paris. Und jüngst hat die Zahl der zahlenden Attac-Mitglieder in Frankreich die Rekordhöhe von 30000 erreicht – zehnmal mehr als die Partei der Grünen.

Doch was den 51 Jahre alten Kommunisten Jacques Nikonoff am meisten freut, ist die Resonanz der Attac-Ideen im Lager der Gegner, der politischen Parteien. Die wollen rechtzeitig zum Pariser Sozialgipfel, dem europäischen Pendant zum "Weltforum" im brasilianischen Porto Alegre, den "altermondialisme" der Globalisierungskritiker zur eigenen Sache erklären.

Denn die Parteileute registrieren mit Neid, dass das vor fünf Jahren gegründete Attac-Bündnis die einzige politische Formation ist, die derzeit Zuwachs verzeichnet. In Frankreich, das seit den Novemberstreiks von 1995 als Mutterland der Globalisierungskritik gilt, arbeitet die ungebrochen positive Staatsauffassung den "Altermondialisten" sogar in die Hände. In einer Zeit, in der selbst eingefleischteste Gaullisten davon abgerückt sind, die Abwehrkräfte des Nationalstaates gegen Europäisierung und Liberalisierung anzurufen, sind die unorganisierte Attac-Linken und ihr Umfeld zu konservativen Fürsprechern der sozialstaatlichen Volksfürsorge mutiert.

Gerne freilich würden alle Parteien die Attac-Energien zur eigenen Regeneration nutzen. Vor allem die 2002 abgewählte gauche plurielle würde mit den Altermondialisten am liebsten eine Art Laboratorium für die Neubelebung der Linken einrichten. Denn schon 1996, so erinnert man sich jetzt in der Sozialistischen Partei (PS), hatte Lionel Jospin, damals noch PS-Generalsekretär, eine nationale Globalisierungskonferenz organisiert, die den Neoliberalismus scharf verurteilte. "Damals hat noch keiner auf uns gehört", ärgert sich PS-Parteisprecher Kader Arif. Er veranstaltete vergangene Woche eilends eine große Parteikonferenz namens Bâtir un autre monde (Eine andere Welt aufbauen) – ausgerechnet in jener Pariser Schulturnhalle nahe dem Bastille-Platz, die sonst das Stammlokal von Attac ist.

Vor 500 Parteifreunden versuchte der blasse PS-Generalsekretär François Hollande, den Attac-Leuten die Butter vom Brot zu nehmen: "Globalisierungskritik ist absolut unverzichtbar." Es sei gut, wenn die Zivilgesellschaft und die sozialen Bewegungen mit ihren Forderungen vorangehen würden. "Aber von einem bestimmten Moment an müssen sie politisch werden: Das ist die Rolle der Sozialistischen Partei." Schließlich seien Globalisierungskritiker allesamt "Sozialisten, aber ohne es zu wissen". Das muss er den Altermondialisten allerdings noch beibringen. Beim letzten Zusammentreffen auf der Attac-Großdemo von Larzac im August zerlegten anarchistische Kräfte den Info-Stand der PS zu Kleinholz.

Auch die Liga der Revolutionären Kommunisten (LCR) macht heftige Annäherungsversuche. Erst kürzlich hat sich die trotzkistische Splitterpartei mit den linksextremen Grufties der Lutte ouvrière (Arbeiterkampf) zu einem Wahlbündnis zusammengeschlossen, um bei den Regionalwahlen 2004 den Sozialisten den gleichen Schaden von links anzutun wie der Rechtsextreme Le Pen vergangenes Jahr den Konservativen. Also umwirbt LCR-Parteiführer Olivier Besancenot die Altermondialisten genauso wie die Sozialisten: "Die Globalisierungskritiker sind Revolutionäre, ohne es zu wissen."

Doch es gibt noch mehr Bewerber um die Vaterschaft des Altermondialismus. Für Sergio Coronado vom Grünen-Vorstand bearbeitet Attac "Themen, die wir vor 20 Jahren gesetzt haben." Und das suchte er in einem dreitägigen Debattenmarathon vorzuführen, der unter dem Motto "Die Börse oder das Leben" sinnigerweise in der Pariser Börse stattfand. "Die Grünen sind das Bindeglied zwischen der PS und den sozialen Bewegungen", definiert Nationalsekretär Gilles Lemaire die Rolle seiner Partei.