Der Hinweis darauf, dass der Lebensstandard der Deutschen sinken wird – so das Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute –, verursacht einen öffentlichen Geräuschpegel, der dem von ablaufendem Badewannenwasser entspricht. Ein leises, fast unhörbares Gurgeln. Dementsprechend wird die Warnung überhört.

Anders die Debatten über eine Lockerung des Kündigungsschutzes, eine Novelle der Handwerksordnung, Eigenbeträge in einem überdehnten gesetzlichen Krankenversicherungssystem, die Heranziehung von Kapitalerträgen zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben, die Einführung einer 41-Stunden-Woche im öffentlichen Dienst oder Forderungen an die Bezieher staatlicher Hilfszahlungen. Sie vermitteln den Eindruck, die Apokalypse stehe bevor, und verursachen einen Nachhall, der für leise Töne taub macht.

Im Kern geht es darum, ob die Republik ihren Kindern und Enkeln den Wohlstand vererben kann, den sie als so selbstverständlich in Anspruch nimmt, ob das Niveau der sozialen Wohlfahrt einigermaßen gehalten werden, ob Deutschland ökonomisch und technologisch weiterhin in der Champions League mitspielen kann. Demgegenüber führen wir öffentliche und politische Auseinandersetzungen auf sehr kleinen Nennern, aber dafür mit großer Besessenheit.

Der Sozialstaat wird vermeintlich immer gleich abgeschafft; jeder Abbau von Steuervergünstigungen ist selbstredend eine Steuererhöhung; eine Selbstbedienungsmentalität gibt es nur im unteren Teil der Einkommensskala, während die Gier in den oberen Etagen ein unbekanntes Phänomen sein soll; Deregulierung ist notwendig, solange die eigenen Privilegien nicht berührt werden; eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist eine Zumutung (obwohl alle um uns herum mehr arbeiten); der Hinweis auf den fehlenden Anreiz bei einem Sozialhilfeniveau, das in vielen Fällen dem Nettolohn eines Niedrigverdieners entspricht, ist "neoliberale" Agitation. Die Liste dieser Reflexe ließe sich beliebig fortsetzen.

Richtig ist: Unser Fundament hat Risse. In dem Schraubstock einer irreversiblen Globalisierung, zunehmender Überalterung unserer Gesellschaft, steigender Staatsschulden mit entsprechenden Zinslasten und einer schwachen Wachstumsdynamik funktioniert der Sozialstaat nicht mehr so, wie wir das gewöhnt sind. Noch so viele Kongresse, Demonstrationen, Empörungen und Abstrafungen bei Wahlen werden an einer simplen politischen Mathematik nichts ändern:

Weitreichende Reformen und der Umbau des Sozialstaates sind unvermeidlich, wenn

–das Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern in der Renten-, Pflege- und Krankenversicherung immer ungünstiger wird

–die Rentenbezugszeiten weiter zunehmen