Ariel Scharon ist von seinem hohen Baum heruntergeklettert. Nachdem der israelische Ministerpräsident nichts von einem palästinensischen Kabinett hören wollte, dass unter dem direkten Einfluss von PLO-Chef Arafat steht, stehen die Chancen auf ein baldiges Treffen mit Ahmed Korei gut. Beide Seiten bekunden mittlerweile sogar ein grosses Interesse daran, sich baldmöglichst gegenüber zu sitzen. Allerdings nicht bevor Scharon nächste Woche von einer dreitägigen Reise nach Italien zurückgekehrt ist. Doch allein schon die Absicht hat die bisherige Scharon-Doktrin hinfällig werden lassen. Denn nach einem internen Machtkampf mit seinem Ministerpräsidenten Korei behält Arafat weiterhin die Kontrolle über die palästinensischen Sicherheitskräfte – mithilfe eines neu geschaffenen “Nationalen Sicherheitsrats” der Autonomiebehörde.

Soll man also wieder auf eine Entspannung der Lage hoffen dürfen? “Wir wollen ein Treffen, das Ergebnisse bringt, kein Treffen um des Treffens willen, sondern um die Leiden unseres Volkes zu lindern und um einen Ausblick auf eine wirkliche Friedenschance zu eröffnen”, sagte Korei nach der ersten Sitzung seines Kabinetts am Donnerstag. Er rief ausserdem zur Beendigung der schon seit mehr als drei Jahren im Nahostkonflikt anhaltenden Gewalt auf. Sein Beitrag dazu ist ein Waffenstillstandsangebot, vorausgesetzt er schafft es, die verschiedenen palästinensischen Gruppierungen wie Hamas und der Islamische Dschihad mit ins Boot zu holen.

Auf israelischer Seite wiederum zeigt man immerhin guten Willen, auch wenn man sich dort auf keinen formalen Waffenstillstand, weder mit den bewaffneten Gruppierungen noch mit der Palästinenserbehörde einlassen will. So wurde die alte Forderung, die palästinensische Führung müsse sich mit ihren Extremisten klar anlegen, nicht über den Haufen geworfen. Aber man will der neuen Regierung in Ramallah eine “Gnadenfrist” von mehreren Wochen einräumen. Also ohne harsche Militäraktionen und ohne aussergerichtliche Exekutionen, es sei denn es geht um die Entschärfung einer sogenannten “tickenden Bombe”.

Damit eine Waffenruhe aber tatsächlich eine Chance hat, müssen beide Seiten es mit ihren Erklärungen ernst meinen. Kurei will “Taten sehen, und nicht nur Worte”, womit er konkrete Erleichterungen im palästinensischen Alltagsleben meint, die von Israel jetzt in Aussicht gestellt werden. Denn nur so kann er es mit den Extremisten aufnehmen und dabei mit Unterstützung im Volk rechnen. Auf einen Bürgerkrieg wird es jedoch Kurei genauso wenig wie sein gescheiterter Vorgänger Mahmoud Abbas ankommen lassen. Aber er kann die Extremisten zumindest härter an die Kandare nehmen. Ein wenig mehr Ruhe würde zwar so schnell noch keine revolutionäre Wende bedeuten, aber sie könnte einen Stimmungswechsel auf beiden Seiten produzieren, der notwendig ist, um überhaupt eines Tages wieder auf das Versöhnungsgleis zurückkehren zu können.