transatlantische beziehungen Die Solo-Weltmacht

Warum die europäischen Interessen Amerikas Scheitern im Irak verbieten

Die Handelsreisenden sind unterwegs: Schröder in New York, Fischer in Washington, Bush in London. Ihre Mission ist die Kundenpflege, ihr Problem ein Irak-Krieg, der die atlantische Traditionsfirma heftiger erschüttert hat als alle Krisen zuvor. Es herrscht aber nicht Läuterung, sondern James Bonds Martini-Prinzip: „Geschüttelt, aber nicht gerührt.“

„Geschüttelt“ heißt auf amerikanischer Seite: Der imperiale Reflex hat sich als vergebliche Gebärde entpuppt. Einen Krieg gewinnen ist nicht schwer, Frieden schaffen dagegen sehr – zumal wenn es nicht vorweg gilt, eine feindliche Armee zu vernichten, sondern eine politische Ordnung zu stiften. Denn Politik im Alleingang funktioniert heute weder zu Hause noch in der Welt.

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Sind die Bushisten aber auch „gerührt“, also in sich gegangen? Anfang des Jahres ließ Bush noch wissen: „Der Kurs dieser Nation hängt nicht von den Entscheidungen anderer ab.“ Inzwischen bittet Washington überall um Geld und Truppen, aber gibt’s dafür auch Stimmrechte, gar das Angebot von Gemeinschaft? Der Ton ist sanfter geworden, die Botschaft (noch) nicht. Auch die Europäer hat’s geschüttelt. Der Versuch von Chirac und Schröder, ein „anti-hegemoniales“ Gegengewicht zu schaffen, ist ebenso gescheitert wie die Mobilisierung des UN-Sicherheitsrates gegen den Irak-Krieg. Europa war das erste Opfer des Krieges: hier das deutsch-französische Duo, dort fast alle anderen von Portugal bis Polen, die ihre Sicherheit lieber der „Hypermacht“ als den beiden Mittelmächten anvertrauen wollen.

In der Ernüchterung will Schröder wieder besseres Wetter machen, Chirac anscheinend gar konkrete Hilfe anbieten. Doch auch im „Alten Europa“ rührt sich wenig im Grundsätzlichen und schon gar nichts im Psychologischen. Schröders Abneigung gegen Bush ist mit Händen zu greifen; dass er nach dem Parteitag zum Dinner nach New York flog und Fischer Washington überließ, unterstreicht die bleibende Distanz.

Mag sein, dass künftige Historiker im Rückblick auf dieses Jahr des Missvernügens melancholisch das „Ende des Westens“ konstatieren. Und zwar nicht, weil Torheit und Hochmut regierten, sondern weil der Kollaps der Sowjetmacht einen Epochen- und Bewusstseinsbruch gezeugt hatte. Beide Seiten fühlten sich plötzlich entfesselt: die USA, weil sie nicht mehr die Gegenmacht, die Europäer, weil sie nicht länger die strategische Abhängigkeit ertragen mussten. Dazu kommt die Kollision der Weltbilder. Die Europäer schließen von der EU auf das Ganze: Wird die globale Zukunft nicht wie die lokale Gegenwart aussehen, wo wir das Übel der Machtpolitik zugunsten von Souveränitätsverzicht, Kompromiss und Friedfertigkeit überwunden haben? Freilich leben die USA, die einzige Großmacht, in einer ganz anderen Welt, und die ist gespickt mit Terror, Zivilisationskonflikten und Atomwaffen in falschen Händen. Diese Bedrohungen sind nicht imaginär, sondern real.

Besser wäre es, wenn ein anderes Kapitel in die Historie einginge. Wo wollen denn die Europäer hin mit ihrer „Selbstbehauptung“? Und die Amerikaner mit ihrem Selbstverlass? Zum Beispiel im Irak. Gewiss haben Chirac & Schröder mit ihren Warnungen Recht behalten. Doch wer wie Paris vor dem Krieg darauf drängte, im Namen der Humanität die Sanktionen zu lockern, wird doch die Iraker jetzt nicht in ihrer Not versinken lassen wollen. Das wäre so heuchlerisch wie unmenschlich. Sollen die Amerikaner gar scheitern? Der Preis, auch für Europa, wäre ein Albtraum ohne Ende: Bürgerkrieg, Intervention der Nachbarn, eine neue Diktatur und/oder ein neuer Stützpunkt für den Terrorismus. Das kann bei allem gerechten Zorn auf die Bushisten nicht im Interesse Europas sein.

US- statt UN-Sicherheit

Es kann auch nicht sein Interesse sein, die UN in den Irak zu beordern, solange Krieg herrscht. Sicherheit, das haben Ruanda und Srebrenica gezeigt, ist die Voraussetzung für den UN-Einsatz, nicht dessen Folge. Deutsche Soldaten gingen allenfalls in ein befriedetes Land. Kämpfen, das ist die schnöde Wirklichkeit, werden die Amerikaner – und wenn sie Glück und Geduld haben, ihre irakischen Verbündeten.

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