zeitgeschichte „Wir werden nie wieder jung sein“

Die Schüsse von Dallas, die Ermordung John F. Kennedys vor 40 Jahren, zerstörten den Aufbruchstraum einer ganzen Generation

F Als es dunkelte in Deutschland, räumten wir zu Hause den Abendbrottisch ab und schalteten den Fernseher ein. In einer halben Stunde würde uns, die wir noch aufgewühlt waren von den Bildern aus Lengede, Karl-Heinz Köpke die Nachrichten verlesen.

In Washington war Mittagszeit, im Ministerienviertel und in der M-Street füllten sich die Restaurants und Imbissstuben. Geduldig standen die Touristen am Seiteneingang des Weißen Hauses Schlange und warteten auf den Beginn der nächsten Führung. Der Präsident war tags zuvor nach Texas geflogen, um dort der heillos zerstrittenen Demokratischen Partei zu helfen, ihre Querelen beizulegen.

Anzeige

Einige Berater hätten ihm den Trip am liebsten ausgeredet. Das konservative, krass neureiche Texas zeigte sich John F. Kennedy alles andere als wohlgesinnt. Im Wahlkampf 1960 waren der Vizepräsidentschaftskandidat Lyndon B. Johnson und seine Frau von einem kreischenden Mob bedrängt und bespuckt worden. Ein Jahr darauf hatte der Verleger der Dallas Morning News gehöhnt, das Land brauche einen Mann hoch zu Ross, Kennedy jedoch reite auf dem Dreirad seiner kleinen Tochter Caroline. Und vor vier Wochen erst, am Tag der Vereinten Nationen, war der amerikanische UN-Botschafter Adlai Stevenson in Dallas tätlich angegriffen worden. Auf Flugblättern wurde Kennedy des Hochverrats geziehen. Nigger lover oder Kommunistenfreund gehörten wohl noch zu den mildesten Schimpfworten, mit denen sie den Mann im Weißen Haus belegten.

Dallas war nicht nur eine bis zur Hysterie extremistische Stadt, es war auch eine gewalttätige Stadt. Bis zum 1. November hatte es im Jahre 1963 schon 98 Morde gegeben. Es hätte freilich nicht dem Charakter John F. Kennedys entsprochen, der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Im Krieg war er dem Tod nur knapp entronnen. Er hatte keine Angst vor ihm. Gern zitierte er den Prediger: „Ein jegliches hat seine Zeit, geboren werden und sterben…“

Auf Personenschutz gab Kennedy nicht allzu viel. Absolute Sicherheit gebe es doch nicht, sagte er, ein entschlossener Attentäter würde immer einen Weg finden, den Präsidenten umzubringen. Drei seiner Vorgänger hatte dieses Schicksal ja auch schon ereilt: Abraham Lincoln 1865, James Garfield 1881, William McKinley 1901. In dieser Hinsicht war Kennedy Fatalist. Attentate betrachtete er als ein Risiko, das der Demokratie innewohnt. Er ließ sich davon nicht beeindrucken.

So ist er denn mit seiner schönen jungen Frau Jackie am 21. November getrost nach Texas geflogen. San Antonio empfängt ihn mit Begeisterung, selbst in Houston wird er freundlich begrüßt, auch in Fort Worth. Für Freitag steht Dallas auf dem Programm; abends soll die Reise mit einem rauschenden Empfang im Gouverneurspalast zu Austin ausklingen.

„Bald haben wir’s geschafft“

Service