zeitgeschichte „Wir werden nie wieder jung sein“

Die Schüsse von Dallas, die Ermordung John F. Kennedys vor 40 Jahren, zerstörten den Aufbruchstraum einer ganzen Generation

F Als es dunkelte in Deutschland, räumten wir zu Hause den Abendbrottisch ab und schalteten den Fernseher ein. In einer halben Stunde würde uns, die wir noch aufgewühlt waren von den Bildern aus Lengede, Karl-Heinz Köpke die Nachrichten verlesen.

In Washington war Mittagszeit, im Ministerienviertel und in der M-Street füllten sich die Restaurants und Imbissstuben. Geduldig standen die Touristen am Seiteneingang des Weißen Hauses Schlange und warteten auf den Beginn der nächsten Führung. Der Präsident war tags zuvor nach Texas geflogen, um dort der heillos zerstrittenen Demokratischen Partei zu helfen, ihre Querelen beizulegen.

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Einige Berater hätten ihm den Trip am liebsten ausgeredet. Das konservative, krass neureiche Texas zeigte sich John F. Kennedy alles andere als wohlgesinnt. Im Wahlkampf 1960 waren der Vizepräsidentschaftskandidat Lyndon B. Johnson und seine Frau von einem kreischenden Mob bedrängt und bespuckt worden. Ein Jahr darauf hatte der Verleger der Dallas Morning News gehöhnt, das Land brauche einen Mann hoch zu Ross, Kennedy jedoch reite auf dem Dreirad seiner kleinen Tochter Caroline. Und vor vier Wochen erst, am Tag der Vereinten Nationen, war der amerikanische UN-Botschafter Adlai Stevenson in Dallas tätlich angegriffen worden. Auf Flugblättern wurde Kennedy des Hochverrats geziehen. Nigger lover oder Kommunistenfreund gehörten wohl noch zu den mildesten Schimpfworten, mit denen sie den Mann im Weißen Haus belegten.

Dallas war nicht nur eine bis zur Hysterie extremistische Stadt, es war auch eine gewalttätige Stadt. Bis zum 1. November hatte es im Jahre 1963 schon 98 Morde gegeben. Es hätte freilich nicht dem Charakter John F. Kennedys entsprochen, der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Im Krieg war er dem Tod nur knapp entronnen. Er hatte keine Angst vor ihm. Gern zitierte er den Prediger: „Ein jegliches hat seine Zeit, geboren werden und sterben…“

Auf Personenschutz gab Kennedy nicht allzu viel. Absolute Sicherheit gebe es doch nicht, sagte er, ein entschlossener Attentäter würde immer einen Weg finden, den Präsidenten umzubringen. Drei seiner Vorgänger hatte dieses Schicksal ja auch schon ereilt: Abraham Lincoln 1865, James Garfield 1881, William McKinley 1901. In dieser Hinsicht war Kennedy Fatalist. Attentate betrachtete er als ein Risiko, das der Demokratie innewohnt. Er ließ sich davon nicht beeindrucken.

So ist er denn mit seiner schönen jungen Frau Jackie am 21. November getrost nach Texas geflogen. San Antonio empfängt ihn mit Begeisterung, selbst in Houston wird er freundlich begrüßt, auch in Fort Worth. Für Freitag steht Dallas auf dem Programm; abends soll die Reise mit einem rauschenden Empfang im Gouverneurspalast zu Austin ausklingen.

„Bald haben wir’s geschafft“

Plagen den 46-Jährigen Vorahnungen? Beim Frühstück in Fort Worth liest er in den Dallas Morning News eine von einem schwarzen Trauerrand eingerahmte Anzeige der „amerikanisch denkenden Bürger von Dallas“. Warum habe er die Monroe-Doktrin zugunsten des „Geistes von Moskau“ aufgegeben? Weshalb lasse er Kommunisten und Linksextremisten mit Samthandschuhen anfassen, loyale Amerikaner jedoch verfolgen? Kennedy ärgern die Anwürfe. „We are headed into nut country now“, sagt er zu seiner Frau – „jetzt geht’s ins Land der Spinner“. Aber an ebendiesem Morgen spricht er auch davon, dass es nicht allzu schwierig sei, einen Präsidenten zu töten. Gegen einen Scharfschützen mit Zielfernrohr, der sich auf einem Hochhaus postiere, könne niemand etwas machen.

Während wir uns in Deutschland in unseren Fernsehsesseln niederlassen und auf die Tagesschau warten, landet der Präsident auf dem Flughafen Love Field in Dallas. „Ganz schön riskant“, scherzt der Kongressabgeordnete Gonzales bei der Ankunft. „Ich habe meine schusssichere Weste noch nicht angelegt.“ Es ist 11.50 Uhr Ortszeit, als die Wagenkolonne mit dem Präsidenten sich in Richtung Innenstadt in Bewegung setzt. Kennedy und seine Frau sitzen hinten im zweiten Wagen, einer offenen Stretchlimousine; vor ihnen John Connally, der Gouverneur von Texas, und dessen Frau Nelly.

In den Außenbezirken säumen nicht allzu viele Neugierige den Straßenrand. Sie sind weder unfreundlich noch enthusiastisch. Je mehr sich die Kolonne der Stadtmitte nähert, desto dichter wird die Menschenmenge, umso wärmer auch der Beifall. Der Präsident winkt den Leuten fröhlich zu, Jacqueline stolz an seiner Seite. Als die Kolonne von der Main Street in die Elm Street einbiegt, wendet sich Nelly Connally nach hinten zu dem Präsidentenehepaar und sagt: „Sie können jedenfalls nicht behaupten, dass die Leute in Dallas Ihnen keinen netten Empfang bereitet haben.“

Im sonnigen Dallas ist es 12.30 Uhr, in Deutschland 19.30 Uhr. Die Wagenkolonne des Präsidenten biegt von der Elm Street nach links in die Houston Street ein, vorbei an dem hässlichen Backsteinkasten des Texas School Book Depository, einem Lagerhaus für Lehrmaterial. Weiter voraus geht es durch eine Unterführung zum Freeway. Nelly Connally sagt zu Jacqueline Kennedy: „Bald haben wir’s geschafft. Es ist gleich da vorn.“

In diesem Augenblick hören die Journalisten im Pressebus kurz hintereinander drei befremdliche Geräusche: krack, noch einmal krack, dann ein drittes Mal krack. Es sind die drei Schüsse, die in sechs Sekunden die Welt veränderten.

Drei Patronenhülsen im fünften Stock des Lagerhauses

Der erste Schuss traf den Präsidenten im Nacken, durchschlug seinen Hals und bohrte sich in den vor ihm sitzenden Gouverneur Connally. Jacqueline vernahm das Geräusch und wandte sich zu ihrem Mann. Er griff sich an den Hals, einen fragenden Ausdruck im Gesicht, dann sank er ihr langsam entgegen. In diesem Moment traf ihn die zweite Kugel in den Hinterkopf, der förmlich explodierte. Ein Stück blaue Gehirnmasse wurde dem verletzten Connally in den Schoß geschleudert, Blut spritzte auf die Wageninsassen und einige Umstehende, ein Schädelfragment flog auf die Straße.

Aufgescheucht flatterten die Tauben in die Bäume. „Oh, no!“, rief die entsetzte Jackie Kennedy aus. Verwirrt, im Schock oder in Panik – oder um das Schädelfragment einzusammeln? – kroch sie auf Händen und Knien über den Kofferraum der Limousine nach hinten. Tausendmal haben wir das Bild seitdem gesehen; eine einleuchtende Erklärung gibt es für Jackies Verhalten immer noch nicht. 1994 nahm sie das Geheimnis mit ins Grab.

Ein Agent des Secret Service springt auf die Limousine, drückt Jacqueline auf ihren Sitz zurück und wirft sich zu ihrem Schutz über sie. Endlich gibt der Fahrer Gas. Ein paar Minuten später hält der Autokorso im Parkland Hospital. Noch schlägt das Herz des Präsidenten, unregelmäßig flatternd. Doch Bluttransfusionen helfen nichts mehr, alle Kunst der Ärzte kann ihn nicht retten. Pater Oscar Huber erteilt dem Toten die Absolution.

In Deutschland war es abends viertel vor acht. Das ZDF, noch nicht einmal ein Dreivierteljahr alt, hatte ich nicht eingeschaltet; es unterbrach seine Sendung um zehn vor acht mit einer Sondermeldung und schickte einen Sprecher mit schwarzer Krawatte ins Studio. Die Leute vom Ersten recherchierten noch: Ente, Gerücht, traurige Wahrheit? Erst um 20.14 Uhr unterbrach Köpke seinen Text: „Präsident Kennedy ist heute Abend um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit an den Folgen eines Attentats gestorben…“

Bald schon flimmerten die ersten Berichte aus Dallas über die Bildschirme. Den Zuschauern stockte der Atem. Auf der ganzen Welt trieben die Bilder den Menschen die Tränen in die Augen. Auch ich habe mich nicht geschämt zu weinen.

In Harvard hatte ich Kennedy während des Wahlkampfs 1960 erlebt und viele seiner engeren Berater kennen gelernt. Im Jahr 1961 konnte ich ihn bei seinem Wiener Gipfeltreffen mit Nikita Chruschtschow aus der Nähe beobachten. Seine maßvolle Haltung nach dem Bau der Mauer 1961 und während der Kubakrise 1962 fand meine Bewunderung. Und ich jubelte mit, als er fünf Monate vor seinem Tod im geteilten Deutschland als Garant des Friedens und der Freiheit gefeiert wurde. Unvergessen war sein gefühlvolles Bekenntnis am Schöneberger Rathaus: „Ich bin ein Berliner.“ Kennedys Entschlossenheit im Widerstand gegen den kommunistischen Expansionsdrang bei gleichzeitiger Bereitschaft zum Entspannungsdialog schien mir exemplarisch. Seine „Friedensstrategie“-Rede vom 10. Juni 1963 barg den politischen Kern der allmählich sich abzeichnenden neuen deutschen Ostpolitik; die ZEIT setzte sich früh dafür ein.

Und wie so viele andere bewunderte ich den Stil, die Eleganz, den Sinn für Schönheit, die Offenheit für Kunst und Künstler, die goldschimmernde, schwebende Intellektualität, die in Kennedys Amtszeit die Atmosphäre des Weißen Hauses prägten.

Alle deutschen Sender unterbrachen ihre Abendprogramme. In Berlin bildete sich ein Fackelzug zum Schöneberger Rathaus. Die ersten Beileidsbekundungen wurden verlesen. „Wir trauern um den Weltbürger Kennedy“, sagte Altbundespräsident Heuß. Bundeskanzler Ludwig Erhard, seine Prosa so geschwollen daherrollend wie seine fränkischen „R“, intonierte: „Man spürt ein Rauschen überm Haupt und ein Wehen an der Wange hin.“ Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt sprach aus, was so viele bewegte: „Eine Flamme ist erloschen, erloschen für alle Menschen, die auf einen gerechten Frieden hoffen und auf ein besseres Leben.“ Es war, als sei die Zukunft gestorben. Und viele junge Menschen, deren Idol und Identifikationsfigur Kennedy geworden war, stimmten ein in das Urteil des späteren US-Senators Patrick Moynihan: „Wir werden nie wieder jung sein.“

Am Tatort sagen Zeugen aus, sie hätten gesehen, wie ein Mann aus dem Eckfenster im fünften Stock des Schulbuchauslieferungslagers an der Ecke Houston Street und Elm Street geschossen habe. Wenige Minuten nach dem Anschlag gibt die Polizei eine Personenbeschreibung durch. Um 13.15 Uhr erblickt der Polizist J. D. Tippit einen Fußgänger, auf den die Beschreibung zutrifft. Tippit steigt aus seinem Streifenwagen. Plötzlich zieht der Mann eine Pistole und gibt vier Schüsse ab. Tippit bricht tot zusammen. Der Schütze flüchtet sich in ein Kino. Dort holt ihn die Polizei heraus und überwältigt ihn, ehe er noch einmal zum Schuss kommt.

Im fünften Stock des Lagerhauses hat die Polizei mittlerweile ein Gewehr mit Zielfernrohr und drei Patronenhülsen gefunden. Der Verwalter des Lagerhauses meldet, dass einer seiner Mitarbeiter seit der Mittagspause fehlt. Sein Name: Lee Harvey Oswald. Wie sich herausstellt, ist es der Mann, der den Polizisten Tippit erschossen hat. Seit 14 Uhr befindet er sich in Gewahrsam der Polizei.

Eine kuriose Gestalt. Geboren 1939 in New Orleans; schwierige Jugend; Legastheniker und Schulschwänzer. Der Junge wurde in ein Heim gesteckt, wo die Psychiater ihm eine gestörte Persönlichkeitsstruktur attestierten; seine Frustrationen kompensiere er mit Gewalt- und Allmachtsfantasien. Mit 17 brach er die Schule ab und ging zur Elitetruppe der Marines. Er wurde zum Radartechniker und zum Scharfschützen ausgebildet. Eine Zeit lang diente er auf einem Fliegerhorst in Japan. Dort las er Karl Marx und träumte davon, im Dienst der Weltrevolution Heldentaten zu vollbringen.

Nach drei Jahren wurde er ehrenhaft aus dem Marine Corps entlassen. Er hob sein Erspartes – 1600 Dollar – vom Konto ab, reiste nach Moskau und beantragte die sowjetische Staatsbürgerschaft. Als ihm sein Begehren verweigert wurde, unternahm er einen Selbstmordversuch. Die Behörden gaben seinem Antrag jedoch statt, als er auf dem amerikanischen Generalkonsulat seine Entlassung aus der US-Staatsbürgerschaft verlangte. Seine Begründung: „Ich bin Marxist!“ Worauf der Konsulatsbeamte Richard Snyder trocken bemerkte: „Da werden Sie aber in der Sowjetunion sehr einsam sein!“

Die Drohung Oswalds, er wolle alle ihm bekannten Militär-Geheimnisse an die Sowjets weitergeben, Radiofrequenzen, Geschwaderumfänge, Codes, Reichweiten und dergleichen, meldete Snyder unverzüglich nach Washington. Die Marines reagierten prompt: Sie verwandelten Oswalds Entlassung aus einer ehrenhaften in eine unehrenhafte. Dies bedrückte und empörte ihn. Schriftlich beschwerte er sich bei dem damaligen Marineminister John Connally. Der war freilich schon seit sechs Wochen nicht mehr im Amt, sondern auf dem Weg in die texanische Politik. Er versprach lediglich, die Angelegenheit seinem Nachfolger zu übergeben. Es geschah jedoch nichts. Oswald kam nicht darüber hinweg. Seinen Hass auf Connally verbarg er nie. Bis heute hält sich denn auch die Version, eigentlich habe er gar nicht Kennedy, sondern den Gouverneur treffen wollen.

Blutflecken auf dem Chanel-Kostüm

Die Russen steckten Oswald als Kontrolleur in eine Minsker Radiofabrik. Er wurde gut bezahlt, doch hatte er das Proletarierleben bald satt. „Die Arbeit ist trist“, vertraute er seinem Tagebuch an. „Mein Geld kann ich nirgendwo ausgeben. Keine Nachtklubs und Kegelbahnen.“ Er hatte ein paar Affären, dann verliebte er sich in seine Kollegin Marina Prusakowa und heiratete sie Ende April 1961. Im Februar 1962 wurde eine Tochter geboren. Daraufhin drängte es Oswald zurück. Im Juli 1961 beantragte er ein Ausreisevisum. Im Mai des folgenden Jahres 1962 traf das Paar in Fort Worth ein.

Oswald fand es schwer, wieder Wurzeln zu schlagen. Nach einiger Zeit zog Marina aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er wechselte häufig die Arbeitsstelle. Er abonnierte kommunistische Zeitungen und engagierte sich für Fidel Castros Inselrepublik. Er fuhr nach Mexiko und bemühte sich um ein Visum für Kuba. Und er bestellte per Postversand das Gewehr, mit dem er Kennedy erschoss, und die Pistole, die Tippit zum Verhängnis wurde. Im April unternahm er einen Attentatsversuch auf den rechtsradikalen Exgeneral Edwin Walker. Das FBI, das ihn seit seiner Rückkehr beobachtete, bekam von alledem nicht das Geringste mit.

Während Oswald ins Polizeigefängnis eingeliefert wird, rollen Helfer den Sarg mit dem toten Präsidenten auf die Laderampe des Parkland Hospital. Seine Frau folgt ihm, mit ihren 34 Jahren ganz übermenschlich beherrschte Würde. Aschenen Gesichts, die Blutflecken auf ihrem rosafarbenen Chanel-Kostüm inzwischen zu braunen Rostflecken geronnen, die Hand auf dem Bronzesarg – so steigt sie in den weißen Leichenwagen, der die traurige Fracht zur Air Force One bringt. An Bord des Flugzeuges leistet Lyndon B. Johnson den Präsidenteneid.

Als die Maschine landet, ist es Abend in Washington. Eine graue Ambulanz fährt den Sarg ins Weiße Haus; wieder steigt Mrs. Kennedy allein zu ihm. Präsident Johnson aber tritt vor die Mikrofone: „Ich werde mein Bestes geben. Das ist alles, was ich tun kann. Ich bitte um eure Hilfe – und um die Hilfe Gottes.“

Samstag, 23. November 1963. Bedeckt von den Stars and Stripes, steht der Sarg in der Osthalle des Weißen Hauses. Den ganzen verregneten Tag lang nehmen Freunde, Mitarbeiter, Weggefährten Abschied von dem Toten.

Ein endloser Trommelwirbel rollt die Pennsylvania Avenue entlang

Sonntag, 24. November 1963. Letzter Abschied vom Weißen Haus. Über den Lafayette Square bewegt sich der Trauerzug die Pennsylvania Avenue hinunter. Sechs Grauschimmel ziehen die Lafette mit dem Sarg. Es folgt ein reiterloser Rappe, die Stiefel umgedreht in den Steigbügeln, dahinter die große Schar der Trauernden: acht Staatsoberhäupter, zehn Ministerpräsidenten, mehrere Monarchen, Kronprinzessinnen und Kronprinzen. Gleich hinter Charles de Gaulle gehen barhäuptig Bundeskanzler Erhard und Bundespräsident Lübke.

In der Rotunde des Kapitols wird der Sarg auf demselben Katafalk aufgebahrt wie 98 Jahre zuvor der Abraham Lincolns. Dem Gedächtnis der Menschheit sind bis heute die Bilder der schönen jungen Witwe in ihrem schwarzen Schleier eingebrannt, auch die der beiden kleinen Kinder neben ihr in ihren hellblauen Mänteln und roten Schuhen: Caroline mit einem gerahmten Foto des Vaters in der Hand, John Jr., der an diesem Tage drei geworden ist, wie er die Hand zum letzen Salut an die Stirn legt.

Wie überall, so sitzen auch in Deutschland die Menschen vor dem Fernseher. Sie frieren mit den Tausenden von Washingtonern, die eine lange Nacht schon angestanden haben, 40 Blocks lang die Schlange, um in die Rotunde zu gelangen. Sie erschauern bei dem endlosen Trommelwirbel, der die Avenue entlangrollt, 100 Schläge die Minute. Und sie zucken zusammen, als sie hören, was viele der trauernden Zaungäste in Washington aus ihren Transistorradios erfahren: In Dallas ist soeben Lee Harvey Oswald erschossen worden.

Der Polizeipräsident von Dallas hatte beschlossen, Oswald aus prozessrechtlichen Gründen in ein anderes Gefängnis zu verlegen. Die Presse wurde unterrichtet. Ganze Rudel von Journalisten fanden sich am Sonntagmorgen in der Tiefgarage des Polizeipräsidiums ein. Dorthin wurde nun Oswald geführt. Sein Abtransport verzögerte sich, da ein Verhör länger gedauert hatte als ursprünglich geplant. Der Wagen, der ihn wegbringen sollte, war noch nicht da. Man wartete. Da drängte sich ein Mann mit grauem Hut aus der Menge nach vorn. In der vorgestreckten Rechten hielt er eine R-38-Pistole. Vor den laufenden Fernsehkameras schoss er Oswald aus einem Meter Entfernung in den Bauch. Es ist 11.21 Uhr. Wenige Stunden später stirbt Oswald dort, wo sich die Ärzte zwei Tage zuvor vergeblich bemüht haben, sein Opfer Kennedy zu retten: im Parkland Hospital.

Der Attentäter, der den Attentäter umgebracht hat, heißt Jack Ruby, geboren 1922 im jüdischen Viertel Chicagos. Auch er war ein notorischer Schulschwänzer; wurde psychiatrisch begutachtet („jähzornig und ungehorsam, überdurchschnittlich interessiert an Sex und Straßengangs“); verließ mit 16 Jahren die Schule; schlug sich als Kleingangster mit dem Verkauf gestohlener Karten für Sportveranstaltungen und Pferderennen durch; diente während des Krieges in der Luftwaffe, die ihn ebenfalls zum Scharfschützen ausbildete; besuchte mehrere Male Castros Kuba. Seit 1947 hat er in Dallas gelebt, wo er wechselweise Nachtklubs und Spielhöllen betrieb. Er galt als Schläger, hatte ständig Probleme mit der Steuer, und es wurde ihm Geltungssucht nachgesagt: ein zwielichtiger Typ.

Warum er schoss? „Ich wollte ein Held sein“, brüstete er sich. Doch weshalb? Als Einzeltäter? Im Auftrag der Mafia, die gemeinsam mit der CIA die Ermordung Castros plante? Wir haben es bis zu Rubys Ende (er wurde zum Tode verurteilt, ging in die Revision, verfiel dem Irrsinn und starb 1967 im Gefängnis an Krebs) nicht erfahren und werden es nie erfahren – so wenig wie den Grund, aus dem Lee Harvey Oswald geschossen hat oder ob es neben ihm noch andere Attentäter gab. Leute Castros? Der hatte am 7. September öffentlich gewarnt: „Die US-Führung sollte doch daran denken, dass auch sie sich nicht in Sicherheit wiegen darf, wenn sie terroristische Pläne unterstützt, kubanische Führungspersonen zu ermorden.“ Anhänger des vietnamesischen Staatschefs Ngo Dinh Diem, der am 1. November bei einem von Kennedy unterstützten Militärputsch ums Leben gekommen war? Wiederum die Mafia?

Unzählige Kommissionen haben diese und andere Fragen überprüft. Verschwörungstheorien aller Art schossen ins Kraut. Abschließend geklärt wurde der Mord an Kennedy nie. Noch immer hat die Behauptung am meisten für sich, dass Oswald die Tat aus eigenem dunklen Antrieb plante und sie auf eigene Rechnung und Gefahr ausführte.

Montag, 25. November 1963. Über Washington wölbt sich ein frostklarer Himmel. Kurz nach zwei hat das Gespann der Grauschimmel die Memorial Bridge über den Potomac hinter sich gebracht, schnaubend und Schaumflocken versprühend zieht es das Gefährt mit dem Sarg auf dem Arlingtoner Heldenfriedhof den Hügel hoch. Im Frühjahr hat Kennedy hier gesessen und die Aussicht über den Fluss genossen, hinüber aufs Lincoln Memorial, das Jefferson Memorial und die Mall bis hinauf zum Kapitol. „I could stay up here forever“, sagte er damals. Nun ist er zurückgekehrt – für immer.

Noch einmal Salut, 21 Kanonenschüsse. Drei Gewehrsalven. Jacqueline Kennedy wird das zusammengefaltete Fahnentuch überreicht, das vier Tage lang den Sarg bedeckt hat. Dann entzündet sie das ewige Licht, das seitdem auf dem Grabe brennt. Im Weißen Haus nimmt sie gefasst die Beileidsbekundungen der Notabeln aus aller Welt entgegen. Spätabends fährt sie noch einmal nach Arlington, vorbei an Tausenden von Trauernden, die einen Blick auf das ewige Licht tun wollen, und legt einen weißen Lilienstrauß auf das frische Grab.

Als sie auf dem Heimweg den Potomac überquert, schlagen die Glocken der Hauptstadt Mitternacht. Eine Ära ist zu Ende. Am nächsten Tag kommen die Möbelwagen.

Das Ende von Schloss Camelot

Der Lüster der Kennedy-Ära ist stumpfer geworden mit den Jahren. Kennedys Sexbesessenheit, seine politischen Intrigen, seine fatalen Halbheiten und Doppeldeutigkeiten in der Vietnampolitik – es ist vieles ans Licht gekommen, was einen Schatten wirft auf das Bild des jugendlich strahlenden Präsidenten. John F. Kennedy war kein Heiliger. Aber er verbreitete Zuversicht. Er war ein rationaler Staatsmann in einer irrationalen Welt. Er verhieß einen säkularen Aufbruch. Und das Weiße Haus von Jacqueline und John Fitzgerald Kennedy war ein Hort der Künste, der Wissenschaften, der gepflegten Geselligkeit. Es war wie Camelot, König Arthurs Hof. Die Kennedys erhoben die Herzen und beflügelten die Geister. Sie machten Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Deswegen hat die ganze bewohnte Welt um John F. Kennedy geweint. Und was immer bohrende Biografen noch alles ausgraben mögen: Im Gedächtnis der Zeitgenossen wird Kennedy fortleben als eine aufgehende Sonne, die nie ihren Zenit erreichte – so beschrieb ihn James Reston. Er war ein Unvollendeter. Ein Mann, der große Hoffnungen weckte, ohne sie erfüllen zu dürfen.

Schnitt: Sommer 1967. Nicht ganz vier Jahre nach Kennedys Ermordung flog ich mit Henri Nannen, dem stern -Chef, an einem heißen Juli-Wochenende nach Texas. Wir wollten Lyndon B. Johnson auf seiner Ranch interviewen. In Dallas machten wir Station, sahen uns das Schulbuchlager in der Elm Street an, fuhren am Parkland Hospital vorbei. Tags darauf bei Johnson, chauffierte uns der Präsident, eine Dose Bier in der Hand, im Jeep über seine Ländereien. Er legte eine Kassette ein: Camelot, Frederick Loewes Musical um König Arthur und die legendäre Tafelrunde, das zur Hymne der kurzen Kennedy-Epoche geworden war. Aus dem letzten Akt erklang Kennedys Lieblingsstrophe: „Don’t let it be forgot / that once there was a spot / for one brief shining moment / that was known as Camelot .

Ich konnte mir nicht helfen, ich bekam feuchte Augen. Und dachte, auf den Präsidenten mit der Bierdose blickend: Nein, der kurze leuchtende Moment – er ist vorbei.

 
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