zeitgeschichte „Wir werden nie wieder jung sein“Seite 8/8

Das Ende von Schloss Camelot

Der Lüster der Kennedy-Ära ist stumpfer geworden mit den Jahren. Kennedys Sexbesessenheit, seine politischen Intrigen, seine fatalen Halbheiten und Doppeldeutigkeiten in der Vietnampolitik – es ist vieles ans Licht gekommen, was einen Schatten wirft auf das Bild des jugendlich strahlenden Präsidenten. John F. Kennedy war kein Heiliger. Aber er verbreitete Zuversicht. Er war ein rationaler Staatsmann in einer irrationalen Welt. Er verhieß einen säkularen Aufbruch. Und das Weiße Haus von Jacqueline und John Fitzgerald Kennedy war ein Hort der Künste, der Wissenschaften, der gepflegten Geselligkeit. Es war wie Camelot, König Arthurs Hof. Die Kennedys erhoben die Herzen und beflügelten die Geister. Sie machten Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Deswegen hat die ganze bewohnte Welt um John F. Kennedy geweint. Und was immer bohrende Biografen noch alles ausgraben mögen: Im Gedächtnis der Zeitgenossen wird Kennedy fortleben als eine aufgehende Sonne, die nie ihren Zenit erreichte – so beschrieb ihn James Reston. Er war ein Unvollendeter. Ein Mann, der große Hoffnungen weckte, ohne sie erfüllen zu dürfen.

Schnitt: Sommer 1967. Nicht ganz vier Jahre nach Kennedys Ermordung flog ich mit Henri Nannen, dem stern -Chef, an einem heißen Juli-Wochenende nach Texas. Wir wollten Lyndon B. Johnson auf seiner Ranch interviewen. In Dallas machten wir Station, sahen uns das Schulbuchlager in der Elm Street an, fuhren am Parkland Hospital vorbei. Tags darauf bei Johnson, chauffierte uns der Präsident, eine Dose Bier in der Hand, im Jeep über seine Ländereien. Er legte eine Kassette ein: Camelot, Frederick Loewes Musical um König Arthur und die legendäre Tafelrunde, das zur Hymne der kurzen Kennedy-Epoche geworden war. Aus dem letzten Akt erklang Kennedys Lieblingsstrophe: „Don’t let it be forgot / that once there was a spot / for one brief shining moment / that was known as Camelot .

Ich konnte mir nicht helfen, ich bekam feuchte Augen. Und dachte, auf den Präsidenten mit der Bierdose blickend: Nein, der kurze leuchtende Moment – er ist vorbei.

 
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