Frankreich Mit dem Prof ins Café

Die französischen Elitehochschulen öffnen sich zunehmend für Ausländer

Gerhard Schröder hätte es in Frankreich wohl nicht gepackt. Lehre zum Verkäufer, über den zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt, Jura studiert und dann – Bundeskanzler. Ein solcher Werdegang ist im Nachbarland kaum denkbar. Die höchsten Staatsämter, die interessantesten Verwaltungsjobs und die lukrativsten Stellen in Unternehmen bekommen hier nach wie vor die Absolventen der so genannten Grandes Écoles. Und wer die besuchen will, muss schon früh darauf hinarbeiten. Ein pubertätsbedingtes Tief mit 16? Ganz schlecht. Mit 18 das Abi versemmelt? Noch schlechter. Das übliche Aufnahmeverfahren ist ein so genannter Concours d’admission, und der ist nur nach zwei Jahren beinharter Paukerei in speziellen Vorbereitungsklassen zu schaffen. Diese Klassen dürfen nur die besten Abiturienten besuchen; meistens waren schon die Eltern auf einer Grande École. Wer die Zulassung geschafft hat, kann sich entspannen – die Karriereautobahn ist erreicht.

Bis vor einigen Jahren hatten Ausländer an den meisten Eliteschulen kaum eine Chance. Oft kamen sie nur für kurze Zeit als Gaststudenten, der Immatrikulation stand der Concours im Wege. „Der ist bis heute so franko-französisch, den kann man ohne Vorbereitungsklasse gar nicht schaffen“, bedauert Ludwig Kreitz, Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen am Institut Européen d’Études Commerciales Supérieures (IECS) in Straßburg. Es werden vor allem enzyklopädisches Wissen und Mathematikkenntnisse abgefragt; in den Prüfungsessays wird außerdem der typisch französische Argumentationsstil erwartet.

„Verschult und familiär“

Mittlerweile haben die Grandes Écoles jedoch erkannt, dass sie sich ändern müssen. Vor allem die Wirtschaftshochschulen unter ihnen stehen unter Druck. Die großen französischen Unternehmen drängen auf international einsetzbaren Managementnachwuchs. Gleichzeitig sind auch frankofone Ausländer gefragt, die mit den Eigenheiten französischer Unternehmensführung zurechtkommen. Außerdem stehen die privaten Schulen in hartem Wettbewerb um die besten Studenten, und die erwarten inzwischen eine Ausbildung mit Auslandsaufenthalt und internationalem Flair – auch auf dem heimischen Campus. Also haben sich die Schulen auferlegt, sich international zu öffnen. In den letzten Jahren haben viele unter ihnen Doppeldiplomprogramme, englischsprachige Kurse, Auslandsaufenthalte und spezialisierte Aufbaustudiengänge eingerichtet. Die ESCP, älteste Grande École de Commerce und Exschule von Premier Jean-Pierre Raffarin, suchte 1999 in der Fusion mit der kleinen, aber sehr international ausgerichteten EAP die Lösung. Heute verbringen die ESCP-EAP-Studenten jeweils ein Jahr in Paris, in Oxford und in Berlin oder Madrid. An allen Orten unterhält die Schule einen eigenen Campus. „Natürlich vermitteln wir auch Kenntnisse über den französischen Managementstil, doch über das Stadium einer Grande École de Commerce sind wir hinaus. Wir bereiten auf Tätigkeiten in verschiedenen europäischen Ländern vor“, erklärt Rektor Jean-Louis Scaringella stolz.

Viele Schulen haben zusätzliche Auswahlverfahren eingeführt, um Ausländern den Zugang zu ihrem Hauptangebot, dem meist dreijährigen Programme Grande École, zu ermöglichen. Bewerben kann sich nun auch, wer sein Grundstudium an einer nichtfranzösischen Universität absolviert hat. Statt des Concours müssen die Bewerber zum Beispiel den internationalen Graduate Management Admission Test (GMAT) oder schuleigene Auswahlverfahren absolvieren.

Zwei Arten von Grandes Écoles gibt es: einerseits die staatlichen wie die École Normale Supérieure (ENS), die École Polytechnique (EP, oft auch X genannt) und die École Nationale d’Administration (ENA), die ihre Absolventen in höchste Staats- und Verwaltungsämter katapultiert und zu deren Exschülern Jacques Chirac gehört. Zum anderen zählen dazu gut 200 private Schulen, die den Ingenieur- und Managementnachwuchs ausbilden. Rund 100 davon sind so genannte Écoles de Commerce, auch Écoles de Gestion oder Écoles de Management genannt. Als Gütesiegel gilt die Mitgliedschaft in der Conférence des Grandes Écoles, die nur ein Drittel vorweisen kann.

Die Studenten bekommen dort für ihre Studiengebühren, die je nach Schule zwischen 4000 und 8000 Euro pro Jahr liegen, praxisorientiertes Fachwissen vermittelt. Hohes Niveau, kleine Kurse und enger Kontakt zu Unternehmen zeichnen die Schulen aus. Zudem verfügen sie über ausgedehnte Ehemaligennetzwerke. Besonders angesehen sind die Pariser Adressen HEC (École des Hautes Études Commerciales), ESSEC (École Supérieure des Sciences Économiques et Commerciales) und ESCP-EAP (École Supérieure de Commerce de Paris – École Européenne des Affaires). Die kryptischen Kürzel mögen andere verwirren, für Franzosen sind sie normal – die meisten Schulen erwähnen die vollständigen Namen nicht einmal mehr auf der eigenen Internet-Seite.

Trotz aller Bemühungen sind die Schulen noch längst nicht da, wo die heimische Wirtschaft sie gern hätte. Eine vom Industrieministerium in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass der Anteil der immatrikulierten ausländischen Studierenden an den untersuchten 27 Einrichtungen erst bei 17 Prozent liegt. Die Schulen wollen zudem auch mehr ausländische Dozenten haben. „Zwei Drittel der Neueinstellungen in den nächsten drei Jahren werden bei uns Ausländer sein“, erläutert Ian Tovey, der an der École de Management de Lyon für internationale Angelegenheiten zuständig ist. Er sieht beste Chancen für Promovierte mit Französisch-, Englisch- und BWL-Kenntnissen. Auch ganz praktische Gründe spielen eine Rolle – in Frankreich werden zu wenige BWLer ausgebildet, viele Dozenten haben Probleme mit Englisch.

Die halbstaatliche IECS ist mit nur 450 Studenten eine der kleinsten Schulen und gilt als sehr international. Hier setzt man voll auf Doppeldiplome. Auch Jan Jakobi ist über dieses Programm von der Universität Nürnberg-Erlangen nach Straßburg gekommen. An der IECS fühlt sich der 27-Jährige an seine Zeit am Gymnasium erinnert: „Es ist sehr viel verschulter und familiärer als bei uns. In Nürnberg prallt man meist schon an der Sekretärin ab. Hier geht der Prof mit ins Café.“

Er könnte sich gut vorstellen, später in Frankreich zu arbeiten. Doch auch in Deutschland sind die französischen Wirtschaftshochschulen ein Begriff, wie Sörge Drosten von der Personalberatungsfirma Kienbaum bestätigt. Das Studium sei insbesondere dann lohnend, wenn es zweisprachig, zum Beispiel auf Englisch und Französisch, ablaufe.

Aussicht auf doppeltes Gehalt

Für Cornelia Findeisen ist die Sprache längst kein Thema mehr, und auch mit dem Innenleben französischer Konzerne kennt sich die 28Jährige bestens aus – sie hat bereits in Paris als Unternehmensberaterin gearbeitet. Sie suchte eine neue Herausforderung und hat sie an der ENA gefunden. Die Nationale Verwaltungshochschule gibt sich bereits seit 1945 international und ist damit die große Ausnahme unter den Grandes Écoles. Ein Drittel der rund 150 Studenten jedes Lehrgangs kommt aus dem Ausland. Bis zu sechs Plätze – ausgestattet mit Stipendien von monatlich rund 2000 Euro – vergibt die ENA gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst jährlich an deutsche Hochschulabsolventen (siehe Kasten). Die Ausländer studieren ein Jahr an der Schule, hinzu kommt ein mehrmonatiges Praktikum in einer Präfektur. Cornelia Findeisen absolvierte ihres in Marseille. Dort war sie für die Ausrichtung des muslimischen Opferfestes zuständig. Die organisatorische Mammutaufgabe war in ihren Augen nichts Besonderes: „ENA-Studenten wird immer viel Verantwortung gegeben.“ Die Schule selbst bietet ein Studium de luxe, mit eigenem Fernsehstudio und Dozenten aus Ministerien und EU-Institutionen. Noch dazu gibt es kaum eine Sprache, kaum eine Sportart, die nicht angeboten wird – ansonsten wird eben ein Kurs eingerichtet.

Von den Ausländern erwartet die Schule, dass sie später in den Heimatländern als Relaisstationen für die französischen Exkommilitonen dienen. Doch Cornelia Findeisen will nicht nach Deutschland zurück, sie träumt von einem Job bei der Unesco. Wenn das nicht klappt, steht auch der Rückkehr in die französische Wirtschaft nichts im Weg, sie wird ihr sogar versüßt: „Mein Chef hat mir gesagt, der ENA-Abschluss verdoppelt mein altes Gehalt.“

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
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