Als er jung war, hat er Liter für Liter getrunken, „fassweise“. Dann lief das Wasser, ohne Ende. Die Pinkelei war quälend. Die Nieren versuchten, den viel zu hohen Zucker im Blut wieder loszuwerden. Die Ärzte erteilten dem Jungen gut gemeinte, aber schlechte Ratschläge. Nach Wochen schließlich, als er sich innerlich schon ganz verklebt und immer müde fühlte, musste er auf einen kleinen schmalen Teststreifen aus Plastik pinkeln, um feststellen zu lassen, ob Zucker im Urin war. Der Streifen war am Anfang weiß und färbte sich dann dunkelgrün, fast schwarz. „Das war, auf der Toilette von irgendeiner Praxis, mein plötzlicher Übergang von einem gesunden 15-Jährigen zu einem chronisch Kranken.“ Seit 40 Jahren ist der Straßenbauingenieur Heinrich Neber zuckerkrank. Heute ist er 55 und hofft auf neue Therapien, um die Volkskrankheit Diabetes zu besiegen.

Rund 350.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich neu am so genannten Altersdiabetes. Der Begriff selbst schönt die Lage, denn die Betroffenen werden immer jünger. 30 oder 40 Jahre alt zu sein und Altersdiabetiker – das ist keine Seltenheit mehr. Der Trend ist alarmierend. Vor allem Kinder und Jugendliche sind betroffen, wenn sie in ihrer Freizeit Stunde um Stunde im Internet surfen oder vor dem Fernsehgerät sitzen. Kids, die sich zudem von Fast Food ernähren, sind die potenziellen Altersdiabetiker der Zukunft, insulinresistent, übergewichtig, mit Bluthochdruck und bereits beginnenden Gefäßschädigungen. Acht Prozent der deutschen Kinder sind adipös, also fettsüchtig. 20 Prozent sind übergewichtig, nicht durch den Kinderspeck, der irgendwann dahinschmilzt, sondern dauerhaft. In der nächsten Altersstufe, bei den Jugendlichen, sind es 30 Prozent. Damit ist auch hier der erste große Schritt hin zum Diabetes getan.

In der Bundesrepublik leben heute über fünf Millionen Menschen, deren Diabetes statistisch bekannt ist. Es existitieren zwei Formen der Zuckerkrankheit: 300.000 haben den Typ 1, 4,8 Millionen sind am Typ 2 erkrankt. Typ 1 ist der Jugendliche Diabetes, dessen Ursache man nicht sicher kennt und die man in einer Autoimmunschädigung vermutet. Er tritt häufig zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr auf; zeitlebens müssen sich die Patienten des Typs 1 Insulin spritzen. Dem Betroffenen des viel häufiger auftretenden Typs 2, des so genannten Altersdiabetes, hingegen fehlt am Anfang seiner Krankheit nicht das Insulin, im Gegenteil: Seine Bauchspeicheldrüse produziert mehr und mehr Insulin, doch sein Körper und dessen Fettzellen, von denen er meist viel mehr hat, als ihm gut tut, können das eigene Insulin nicht mehr richtig verwerten. Sie werden insulinresistent. Es gibt dafür eine genetische Veranlagung, Schicksal ist es nicht. Viel allerdings hängt von den Ernährungsgewohnheiten ab. Spöttisch gesagt: Um die Disposition richtig in Schwung zu bringen, muss man sich an den doppelten Cheeseburger plus Pommes mit Majo halten. Eine weitere kaum zu unterschätzende Voraussetzung für einen Diabetes Typ 2 ist folglich Übergewicht.

Die bittere Erkenntnis, dass ein kleiner Test geholfen hätte

Der Altersdiabetes hat zunehmend leichteres Spiel, denn zwei Drittel der Deutschen gelten heute bereits als übergewichtig und haben einen gestörten Fettstoffwechsel. Kurzum: Wir sitzen zu viel herum, bewegen uns kaum und wollen nicht wahrhaben, dass unser Körper kein Industriepalast mit einer von den Pharmakonzernen zu ölenden Maschinerie ist. Am Scheitelpunkt, wenn die Hormondrüse das Mehr an Insulin nicht weiter zu liefern vermag, ist es dann so weit. Die Diabetes-Häufigkeit in Deutschland darf man getrost eine Lawine nennen, die, wenn auch nicht allein, dabei ist, das gesamte Gesundheitssystem unter sich zu begraben. Weltweit gab es 1985 ungefähr 30 Millionen Diabetiker. Nach nicht einmal 20 Jahren ist diese Zahl um über das Sechsfache auf 194 Millionen Menschen gestiegen und wird, so die Prognosen, in weiteren 20 Jahren auf 330 Millionen Menschen anwachsen. Das sind mehr Menschen, als auf dem europäischen Kontinent leben.

Es ist nicht zu verstehen, dass es in Deutschland keine durchschlagenden Bemühungen gibt, bereits an Altersdiabetes erkrankte Menschen zu identifizieren und womöglich vor schweren Folgekrankheiten zu bewahren. Es gibt lediglich eine regionale Bevölkerungsstudie aus dem Raum Augsburg, in der die Häufigkeit des Diabetes untersucht worden ist. Das Ergebnis, das im Februar dieses Jahres vorgestellt wurde, ist alarmierend: In der Altersgruppe der 55- bis 74-Jährigen kommt auf jeden bereits bekannten Diabetiker ein noch unentdeckter. Auf die Republik bezogen, steigt mit dieser Untersuchung nicht nur die Zahl der Kranken schlagartig auf weit mehr als acht Millionen. Sie zeigt überdies, dass Deutschland im europäischen Vergleich zu den Ländern mit den meisten Diabetikern des Typs 2 gehört. Für die weiterhin vielen Unbekannten unter ihnen könnte es zur bitteren Erfahrung werden, dass man ihnen mit einem einzigen Test, dem am Morgen nüchtern gemessenen Blutzucker, hätte helfen können. Vergangene Woche, zum Weltdiabetestag, haben Weltgesundheitsorganisation und International Diabetes Federation vor dem Hintergrund neuer Studien darauf hingewiesen, dass sowohl die Frühdiagnose als auch die sorgfältige Kontrolle von Blutzucker und Blutdruck die wichtigsten Maßnahmen sind, Nierenschädigung und Nierenversagen bei Diabetikern zu verhindern.

Übersäuerung des Blutes, Koma, Erstickungstod

Was bedeutet das für Deutschland, wo die Mediziner und Wissenschaftler bereits von einer „Volksseuche“ reden und vermuten, dass die Dunkelziffer noch höher und mehr als jeder zehnte Bundesbürger bereits ein Diabetiker ist? Ohne Gegenmaßnahmen, schätzt die Deutsche Diabetes-Union in Berlin, werde die Zahl der Zuckerkranken bis zum Jahr 2010 auf zehn Millionen steigen.

Diabetes ist heimtückisch. In der ersten Zeit, in der der Blutzuckerspiegel schon ständig zu hoch ist, tut nichts weh. Im Gegenteil, die rosige Gesichtsfarbe des Patienten, auch die noch erträglich wirkenden Fettpölsterchen suggerieren Wohlbefinden und Gesundheit. Längst aber ächzt der Körper unter der Dauerbelastung und reagiert darauf. Der unentdeckte Diabetes attackiert nicht nur die Gefäße und Nerven, sondern auch die Organe: das Herz, die Nieren und die Augen. Jeder zweite Herzinfarkt, jeder zweite Schlaganfall trifft einen Diabetiker. Jedes Jahr müssen sich 6.000 Diabetiker damit abfinden, dass sie erblinden; dazu kommen Nierenversagen und die Amputation von Gliedmaßen.

„Die Unterzuckerung ist ein immer wiederkehrendes seelisches und körperliches Fiasko“, sagt Heinrich Neber, der seit 40 Jahren Diabetiker des Typs 1, des Jugenddiabetes, ist. „Du fühlst, dass etwas heraufzieht, aber du kannst es nicht mehr einordnen. Du merkst, du wirst fahrig, irgendwie unentschlossen. Die Geräusche werden quälend laut. Du duckst dich innerlich, bist wütend, empört, aber du hörst nur sie, nicht den Alarm, den sie signalisieren. Die Farben werden grell, aufdringlich, alles immer ein Stück unwirklicher, fremder, bedrohlicher, du weißt nicht, bist du das, ist es ein anderer, wirst du verrückt? Und dann hast du das Gefühl, die Welt löst sich auf, du stirbst. Es ist wie ein Sog.“ Das sind die Empfindungen kurz vor dem Koma, es ist die Kehrseite einer Behandlung mit Insulin, das in den letzten 80 Jahren ein Leben mit dem jugendlichen Diabetes, dem Typ 1, erst ermöglicht hat.

Noch lange nachdem die Medizin am Ende des 19. Jahrhunderts gelernt hatte, die Krankheit überhaupt zu diagnostizieren, bedeutete sie für die Betroffenen meist den Tod. Weiterleben können die Diabetiker erst seit 1921, als der Amerikaner Charles H. Best den Zusammenhang zwischen Insulin und der Zuckerkrankheit begriff und zusammen mit dem Kanadier Frederick Banting das erste Insulin aus der Bauchspeicheldrüse eines Hundes gewann. Während Best leer ausging, erhielt Banting, der das kommerzielle Potenzial dieser Entdeckung sofort erkannte, 1929 den Nobelpreis für Medizin.

Das Hormon Insulin wirkt als Schlüssel, der die Fettzellen im Körper für den Eintritt des Zuckers aus dem Blut öffnet, für einen funktionierenden Stoffwechsel, für die Energie, die wir zum Leben brauchen. Versagt die Insulin produzierende Bauchspeicheldrüse, gerät ein äußerst komplexer Prozess aus dem Gleichgewicht, bei dem der Zucker, der nicht mehr umgewandelt und von den Zellen aufgenommen werden kann, das Blut überschwemmt. Das ist das Gegenteil zur Unterzuckerung. An seinem Ende steht – ganz anders, als der Begriff Zuckerkrankheit es vermittelt – die völlige Übersäuerung des Blutes und wiederum das Koma und schließlich der Erstickungstod. Sie sind vergessen, die Elendsgestalten aus dem vergangenen Jahrhunderten: apathisch, die Schädel über den von der Krankheit ausgezehrten Körpern so groß, die Haut so wächsern wie die der Toten.

Mit dem im Labor gewonnenen Insulin hatte man, wie häufig in der Medizin, zwar eine Möglichkeit gefunden, die unmittelbaren Symptome der Krankheit zu kurieren, zu heilen ist sie bis auf den heutigen Tag jedoch nicht. Als ungelöstes Rätsel galt lange die Frage, warum die Bauchspeicheldrüse, die unansehnlich wie ein dicker, übergroßer graubrauner Wurm ziemlich genau in der Mitte des Oberkörpers sitzt, sich plötzlich weigert, Insulin herzustellen, während sie alle anderen von ihr zu versehenden Dienste weiter ausführt. Und weil man sich bis 1974 keinen Reim darauf machen konnte, hielt man den Jugend- wie den Altersdiabetes für dieselbe Krankheit, wobei der Altersdiabetes als leichtere und scheinbar unkompliziertere Form des Jugenddiabetes galt. In Wahrheit aber handelt es sich von der Ursache her um ganz unterschiedliche Krankheiten.