Kino Fischmanieren

Der Animationsfilm „Findet Nemo“ ist ein submariner Bildungsroman über schwimmende Vorstadtbewohner

Wider Erwarten überzeugte der Held an den amerikanischen Kinokassen in diesem Sommer nicht durch seine auftrumpfende Erscheinung – und das trotz starker Konkurrenz durch Terminatoren, Hulks und Charlies Engel. Er ist frisch eingeschult, knallorange und würde – in frittiertem Zustand zum Beispiel – bequem auf einem belegten Brötchen von der Nordsee Platz finden. Eine klassische Heldengeschichte lässt sich so sicher nicht schreiben. Dass es auf Größe aber nicht so sehr ankommt, ist eine Binsenweisheit der Animationsfilme aus den Pixar-Studios. Schon die beiden Filme und folgten winzigen Kreaturen in wundersame Mikrokosmen und Parallelwelten, um aus den Beobachtungen dieser überschaubaren Milieus allerlei Antworten auf menschliche Seinsfragen herzuleiten.

So darf man sich bei Findet Nemo, dem neuesten Film aus dem Hause Pixar, vom Nischendasein der tropischen Unterwasserbewohner nicht täuschen lassen. Der Film kreist um Lebenskonzepte und existenzielle Sorgen, die auch oberhalb des Meeresspiegels von Bedeutung sind, nicht zuletzt um Umgangsformen und Fragen der sozialen Organisation. Die Idee der multikulturellen Fischgesellschaft wird in Findet Nemo schon in den ersten Minuten auf eine schwere Probe gestellt: Eine Clownfischfamilie fällt einer Hai-Attacke zum Opfer. Gerade hatte Vater Marlin seiner Frau noch voller Stolz das neue Korallen-Eigenheim mit geräumigem Vorgarten präsentiert. Es handelt sich um abgezirkelte Freischwimmflächen mit sorgfältig gestutztem Planktonwuchs, in denen unmissverständlich das submarine Pendant eines eingezäunten amerikanischen Vorstadt-Idylls aufscheint. So schnell kann das Familienglück zwischen scharfkantigen Zahnreihen zermalmt werden. Von diesem Augenblick an ruht die ganze Hoffnung des tief traumatisierten Vaters auf seinem Sprössling Nemo, dem Überlebenden des Massakers.

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Der behaglichen Überschaubarkeit seiner klandestinen Miniaturwelten steht im Pixar-Film immer eine feindliche Außengalaxie gegenüber, bevorzugt verkörpert von kleinen Mädchen und Jungs mit riesigen Zahnspangen. Der Schauer vor dem unbekannten „Anderen“ ist den Figuren so natürlich eingeschrieben, wie er zu aufregenden Abenteuern verlockt. Und mit Sicherheit ist die kleine Fischsiedlung in Findet Nemo von allen Pixar-Lebensräumen der bisher vollkommenste. Das Spiel mit Licht und Farben sorgt für mitunter halluzinöse Effekte: Hoch aufgelöste Bilder, die fast die naturalistische Qualität einer National Geographic- Dokumentation erreichen, verbinden sich mit dem traumhaften Octopus’ Garden der Beatles. Man kann sich gar nicht satt sehen am Ideenreichtum dieser fluoreszierenden „Heile-Welt“-Fantasie. Der Gegensatz von „Drinnen“ und „Draußen“ drückt sich sehr anschaulich in den gestalterischen Mitteln des Animationsfilms aus. Je weiter sich die Fische von ihrem angestammten Platz entfernen, desto mulchiger wird das Wasser. Bald beginnt die Flora bedrohlich im brüchigen Schein der Sonnenstrahlen zu glimmen, die mit letzter Kraft den Meeresboden erreichen – und auch die Formen und Verhaltensweisen ihrer Bewohner werden immer suspekter.

Dagegen nimmt sich die Beschaulichkeit der eigenen vier Wasserwände fast erdrückend aus. Zu dieser restriktiven Sozialisation gehört, dass Vater Marlin seinem Sohn zunächst eine Lektion über die Gefahren des offenen Meeres erteilt; ohne Folgen natürlich. Fast wäre Findet Nemo also ein juvenile delinquent movie, ein Halbstarkenfilm, geworden. Trotzig rebelliert Nemo gegen die sichere Unterwasser-Suburbia, nur um nach einem Ausflug mit anderen Südseefischen im Aquarium einer Zahnarztpraxis zu landen.

Die gated community, der gegen Eindringlinge abgeschottete Lebensbereich, und das Aquarium sind zwei Lebensformen, die es in Finding Nemo mit der fröhlichen Emphase des Familienunterhaltungsfilms zu überwinden gilt. Beide Modelle sind sich dann eigentlich auch sehr ähnlich: Das eine Gefängnis errichtet man sich selbst, das andere wird um einen errichtet. In Nemos Aquarium herrscht bereits der Lagerkoller. Seine Mitgefangenen sind psychisch schwer gezeichnet und halten sich mit zwanghaften Tics beschäftigt. Einzige Abwechslung bieten die genüsslich betrachteten Torturen in der Zahnarztpraxis.

Es hilft also nur eins: raus aus Gefangenschaft und selbst verordneter Kommodität. Während die Eingesperrten den Ausbruch planen, lässt Nemos Vater seine geordnete Welt hinter sich, um den Sohn zu finden. Marlins Sicherheitsfixierung erzählt dabei von einem Trauma, das in der Zufallsbekanntschaft Dory, einer blauen Fischdame mit großen Augen, sein Komplement findet. Dory leidet unter einer Störung des Langzeitgedächtnisses, und dieses Schicksal eines Verlusts schweißt die beiden in gewisser Hinsicht zusammen: Sie will nicht vergessen, er kann nicht.

Im Grunde ist Findet Nemo wie einige der besten Filme der letzten 50 Jahre maßgeblich von John Fords The Searchers inspiriert, in dem John Wayne jahrelang durch einen noch unerschlossenen amerikanischen Westen reitet, um seine entführte Nichte aus den Händen von Indianern zu befreien. Der Unterschied zwischen Ford und Pixar besteht nur darin, dass es in Pixar-Filmen wohl nie einen John-Wayne-Charakter geben wird. Niemand kommt hier breitschultrig einen Hügel heruntergestapft, und die Spielzeugfestung aus Toy Story ist auch kein zweites Alamo. Doch immerhin war Woody, die Cowboypuppe in Toy Story, ein Nachhall des mythischen Wayne-Urtypus – ein angeknackster Helden, gebeutelt von existenzialistischen Gedanken über eine Wegwerfgesellschaft, die für ihn schon sehr bald keinen Platz mehr bereithalten wird.

Das Wiedererkennen der gebrochenen Gestalten, die Vertrautheit ihrer Sorgen und Ängste, hebt den Unterhaltungswert der Pixar-Filme über den der Disney-Märchen weit hinaus. In Findet Nemo ist das schönste Neurosenbündel eine Gruppe anonymer Fischfresser, deren Teilnehmer verzweifelt versuchen, ihr blutrünstiges Image loszuwerden. Ihr Anführer, ein Weißer Hai mit Namen Bruce (benannt nach Spielbergs großem Weißen), predigt Mantra-artig das Motto „Fische sind Freunde, kein Futter“. Und wenn dann doch der Karnivore mit ihm durchgeht, setzt er sein breitestes Jack-Nicholson-Grinsen auf und zitiert Szenen aus Kubricks The Shining.

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