Atommüll Die Legende vom SalzstockSeite 3/3
In der Nacht rede ich mit einer Journalistin von der Elbe-Jeetzel-Zeitung. Sie empört sich darüber, dass immer wieder selbst ernannte Fachleute in irgendwelchen Gesprächsrunden auftreten und einem dies und das über Gefahren und Nichtgefahren erzählen, aber wenn man ihnen die Gretchenfrage stellt („Überirdisch?“ – „Unterirdisch?“), kommt plötzlich ein „Äh“ oder ein fundiertes und entschiedenes „Unterirdisch“. Der Wortbetrug geht ins Detail: Ein unwissender Journalist stellte bei einem der vergangenen Transporte einem Sprecher der Betreiber die Frage: „Haben die Castor-Behälter jetzt den Salzstock erreicht?“ Der Sprecher, in bejahendem Ton: „Die Castoren sind inzwischen in das Zwischenlager eingefahren.“ So wird das Missverständnis Programm. Wenn für die bundesrepublikanische Bevölkerung sowieso schon alle Castoren immer im Salzstock waren, dann können sie da ja auch bleiben … dann soll man doch das Endlager einfach genehmigen, denn die Dinger sind ja schon drin.
Am nächsten Morgen Radio, wieder hiesiger Sender. Irgendwelche Landespolitiker diskutieren anlässlich des neuen Transports, und jetzt wörtlich: „…ob das Zwischenlager als Endlager geeignet sei“. Der Teufel steckt im Detail, und dieses hat hierbei leider eine nicht geringe Halbwertszeit. Das Zwischenlager kann nie Endlager werden. Es ist eine Halle auf einem ganz anderen Gelände. All das wäre mir, genau wie Ihnen, vor einem halben Jahr nie aufgefallen.
In meiner Verzweiflung beginne ich zu telefonieren. Ich rufe wahllos Leute an und frage: Habt ihr gestern Berichte gesehen? Castor? Wendland? Habt ihr? Einhelliges Ja. Die Leute haben die Nachrichten geschaut. Sie haben Zeitungen gelesen. Sie wissen, es gab eine kleine Blockade, es waren wieder ein paar mehr Leute da als letztes Jahr et cetera. „Wo sind die Castoren?“, frage ich. „Salzstock“, ist die Antwort. Alle, immer wieder: Salzstock, unterirdisch, wen ich auch anrufe, von Niedersachsen bis Bayern, Salzstock, unterirdisch. (Auch viele Polizisten während des Transports glaubten, es gehe hinab ins Salz. So berichtet die Elbe-Jeetzel-Zeitung am Tag danach.)
In der Ecke sitzt zufrieden der Teufel und lacht mich an.
In meiner großen Not rufe ich meine Mutter an. Sie liegt gerade im Bett, Mittagsschlaf. Mutter, sage ich, bitte, hast du gestern fern geschaut? Sie: Ja, ich habe mir Sorgen um dich gemacht. All die Polizisten… Ich: Egal, mir ist nichts passiert, aber sage mir, sage mir bitte, bitte sage du mir: Wo sind die Castoren? Sie, nachdenklich: Im Zwischenlager … oder im Endlager … ich weiß es nicht. Ich: Was ist ein solches Lager? Sie: In diesem Lager müssen sie für die nächsten zehn- oder hunderttausend Jahre lagern. Ich, bekümmert: Und wie hat man sich ein solches Lager vorzustellen? Sie: Es ist ein … Salzschacht. Ich, den Tränen nahe: Ein Salzschacht. Und da sind sie jetzt drin? Sie, nachdenklich, müde: Ja, da drin… Oder noch eine Stufe tiefer.
Der Schriftsteller Andreas Maier lebt seit einem halben Jahr im Wendland. Seine letzten Romane: „Wäldchestag“ und „Klausen“ im Suhrkamp Verlag
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- Datum 28.08.2008 - 00:47 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
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