Als Beatriz Canedo Patiño ihren Freunden in der New Yorker Modeszene mitteilte, dass sie ihr Unternehmen in ihr Heimatland Bolivien verlegen würde, rollten viele mit den Augen. "Sie haben mich für verrückt erklärt", sagt die zierliche Frau mit den dunklen, streng zurückgekämmten Haaren. Nicht nur schienen Bolivien und Haute Couture unvereinbar. Ebenso unvorstellbar war, dass eine Designerin freiwillig ihren Platz im Modehimmel aufgab – ein Atelier mit der legendären Adresse 550 Seventh Avenue, wo unter anderem Oscar de la Renta, Ralph Lauren, Bill Blass und Donna Karan wirken.

Das war 1994. Heute steht die schicke Mittfünfzigerin in ihrer Boutique in La Paz, umgeben von feinen Capes und Abendkleidern. Auf den Labels der Marke BCP, nach den Initialien der Chefin, steht "Made in Bolivia", verwendet wird ausschließlich Alpaka- und Lamawolle. Im zweiten Stock ist das Atelier, ein Dutzend Mitarbeiter nähen an der Winterkollektion 2004/2005. Canedo Patiño wandert durch ihr Reich, prüft hier, verbessert dort. "Wir haben wunderbare Schneider hier", sagt sie.

Auf den ersten Blick erscheint es wie unternehmerischer Selbstmord, eine Nobel-Boutique in einer Stadt zu eröffnen, in der vor wenigen Wochen ein so gewalttätiger Aufstand tobte, das der damalige Präsident aus dem Land floh. Eine Nobel-Boutique in einer Stadt, in der zwei Drittel der Bevölkerung als arm gelten und der Preis für einen einzigen BCP-Mantel so viel kostet wie zwei durchschnittliche Jahresgehälter.

"Es ist ein langer Weg von der Seventh Avenue zur Avenida Arce", räumt Canedo Patiño ein. Doch statt des von vielen ehemaligen Kollegen vorhergesagten Bankrotts sammelt die energische Single-Frau einen Unternehmerpreis nach dem anderen. Die Zeitschrift America Economia zählte sie vor zwei Jahren zu den 19 innovativsten Unternehmern Lateinamerikas.

Die Boutique gleich gegenüber dem Radisson-Hotel ist zum obligatorischen Stopp bei prominenten Besuchern geworden. Hillary Clinton war hier und ist mit einem roten Alpaka-Cape nach Washington zurückgeflogen. Königin Sophia von Spanien ist die engen Treppen zur Werkstatt hochgestiegen. Auch Verona Feldbusch, die zu Besuch bei den SOS-Kinderdörfern war, reiste mit einem flauschigen Alpaka-Mantel ab.

Otto Reich, der Staatssekretär im US-Außenministerium für Lateinamerika, zeigte sich nach einem Besuch beeindruckt. Er pries BCP Alpaca Designs als beispielhafte Firma, die von dem 2002 verabschiedeten Gesetz für andische Zollfreiheit und Drogenbekämpfung profitieren würde. Darin gewähren die Vereinigten Staaten einer Reihe von Branchen freien Zugang zu ihrem Markt im Austausch für die Vernichtung von Koka-Feldern.

Canedo Patiño gefällt die Rolle als Aushängeschild der nationalen Alpaka-Industrie. Zwar waren handfeste betriebswirtschaftliche Gründe ausschlaggebend für den Umzug nach Bolivien – die Konkurrenz produziert schließlich auch in Billiglohnländern –, aber sie hatte auch noch ein anderes Motiv: Die "Königin der Alpakas", wie sie in New York bisweilen tituliert wurde, kehrte zurück an die Quelle ihrer Inspiration. "Dies sind meine Berge, meine Tiere", sagt die Modeschöpferin. Sie nutzt ihre Prominenz, um sich für die 50000 Alpaka-Züchter Boliviens einzusetzen. "Es ist gut, dass wir die Alpaka-Zucht als Alternative zum Koka-Anbau fördern."

In der Modebranche sind Canedo Patiño und Alpaka seit langem Synonyme. Fast im Alleingang hat sie in den achtziger und neunziger Jahren den vergessenen Stoff auf die internationalen Laufstege gebracht. Bis dahin gehörte das Edelgarn der Inka-Könige in die Folklore-Ecke und wurde nur von Rucksacktouristen und Campesinos getragen.