Selbstversöhnung Verteidigung der Gegenwart
Auch im Internet streiten Deutsche über ihre Vergangenheit. Mit Möllemann und Walser kämpfen sie gegen die Political Correctness der 68er
Ob sich die Deutschen nun tatsächlich mit sich selbst versöhnen, sei dahingestellt – debattenmüde sind sie jedenfalls nicht. In den Online-Foren von und auf unabhängigen Web-Seiten und bei Anbietern wie diskutieren sie über den Umgang mit der deutschen Geschichte, als hätten sie das Thema gerade erst entdeckt. Da geht es um Hohmanns „Tätervolk“-Rede, um das Holocaust-Mahnmal in Berlin und um das geplante Zentrum gegen Vertreibungen. Selbstversöhnung wird, je nach Standpunkt, entweder herbeigewünscht oder befürchtet; die Auseinandersetzung selbst ist unversöhnlich: „Wenn ich Lust auf Diskussionen mit Fundis habe, dann fliege ich zu den Originalschauplätzen in Kandahar.“ – „Ihre Argumentation pegelt sich immer mehr auf Streetgang-Niveau ein.“ – „Lernen Sie erst mal lesen!“
Anhand von zufällig ausgewählten Netzdebatten auf „die Deutschen“ zu schließen, ist natürlich ein Problem. Die wenigen, denen man im Internet beim Streiten zusehen kann, bilden ein undurchschaubares Kollektiv: Sie nennen sich „Baguette“, „metasynapse“ oder „Walhalla2“, sind wahrscheinlich überdurchschnittlich informiert, in der Regel männlich, zwischen 25 und 40 Jahre alt und mitteilungsbedürftiger als der Rest. Repräsentativ sind ihre Gespräche mit Sicherheit nicht. Immerhin aber geben sie einen groben Einblick in den deutschen Selbstfindungsdiskurs, wie er, so oder so ähnlich, auch in WG-Küchen, Kneipen oder zu Hause am Esstisch geführt wird.
Ein wenig ähnelt dieser Diskurs einer psychoanalytischen Sitzung ohne Analytiker: Er verläuft assoziativ. Die Teilnehmer zappen vom Holocaust zu den nordamerikanischen Indianern, über den Kosovo-Krieg zum Nahostkonflikt und dann von den Bene∆-Dekreten zurück zum aktuellen Anlass. Das Abschweifen ist programmiert; das stets mitverhandelte nationale Selbstverständnis bildet die Matrix, auf der sich der globale Informationsinput zu Sinnzusammenhängen kurzschließt. Im Mittelpunkt stehen deshalb fast immer Vergleiche: So gehen wir Deutsche mit unserer Vergangenheit um, so die Amerikaner; hier waren die Deutschen Täter, hier sind es die Israelis, waren es die Polen oder Tschechen. Es ist müßig, zu erklären, woran solche Vergleiche kranken. Tatsache ist, dass sie auf nationale Denkmuster zurückwirken, durch die sie überhaupt erst sichtbar werden. Dahinter kommt, meist unausgesprochen, der Wunsch nach „Normalität“ zum Vorschein. Die Online-Protokolle lesen sich denn auch wie ein bunt zusammengemixter Zweitaufguss sämtlicher großer Vergangenheitsdebatten der vergangenen Jahre. Historikerstreit, Goldhagen und Martin Walsers Friedenspreis-Rede von 1998 – alles ist drin, alles reichlich verdünnt und alles durcheinander. Dem Ganzen fehlt lediglich der rhetorische Feinschliff. Polemik und Rechthaberei gibt es dafür mehr als genug.
Das wiederkehrende Lieblingsargument ist die Unterstellung rassistischer Denkweisen. Gebraucht wird es vor allem von denen, die es an anderen am meisten stört. Mit an Martin Walser geschulter Empörung beklagt das Gros der Diskussionsteilnehmer, es werde unentwegt die „Auschwitzkeule“ geschwungen und damit die Meinungsfreiheit beschnitten. Wer hingegen darauf beharrt, dass der Holocaust der zentrale Bezugspunkt eines selbstkritischen deutschen Selbstverständnisses bleiben muss, sieht sich rasch mit dem Vorwurf konfrontiert, er argumentiere auf der Grundlage eines rassistischen Volksbegriffs. Was jahrzehntelang als intellektueller Grundkonsens der Bundesrepublik galt, ist in den Online-Foren kaum noch konsensfähig. Die meisten wittern hinter der Überzeugung, es gebe eine spezifisch deutsche Verantwortung im Umgang mit dem Nationalsozialismus, eine moralisch verwerfliche Vorverurteilung, die alle Deutschen von Geburt an schuldig spricht. Gegen diesen projizierten Schuldvorwurf begehren sie auf.
Das Schema, nach dem dieses Aufbegehren abläuft, ist stets dasselbe: Man halluziniert ein Tabu, um es dann als solches zu beklagen und den Tabubruch anschließend als emanzipatorischen Akt zu feiern. Es ist das Prinzip Möllemann: Indem er behauptete, man dürfe Israel nicht kritisieren, gelang es ihm, seine Israelkritik als befreienden Tabubruch zu inszenieren. Auch zahlreiche Foren-Teilnehmer sehen sich von Verboten umstellt: „Die Deutschen dürfen ihrer Opfer nicht gedenken“, heißt es da. Oder, zur Hohmann-Debatte: „Anscheinend darf man bestimmte Dinge nicht beim Namen nennen.“ Und schließlich: „Faktisch ist es doch in Deutschland heute so, dass man nicht ein einziges kritisches Wort über Israel äußern darf, ohne als Antisemit gestempelt zu werden.“ Dass dies schlicht und einfach nicht stimmt, fällt kaum einem auf. Stattdessen werden die vermeintlichen Urheber dieser Verbote gesucht. „Warum folgt der Sühne erneut die Strafe? Das frage ich unsere jüdischen Mitbürger!“ Antisemitische Äußerungen wie diese finden sich in fast jedem Forum, Norman Finkelsteins These von der „Holocaust-Industrie“ inklusive. Vor allem aber werden die mit dem Datum 1968 assoziierten „Gutmenschen“ für die angeblichen Denkverbote verantwortlich gemacht. Die Schlagworte lauten „Erbsünde“ und „Kollektivschuld“. Wie Nicolas Berg in seinem Beitrag (ZEIT Nr. 46/03) analysiert hat, bewegt sich die Debatte damit im Fahrwasser der fünfziger Jahre – mit dem Unterschied, dass damals die Alliierten als Urheber des Kollektivschuld-Vorwurfs angesehen wurden. Heute sind an ihre Stelle die Opfer des Holocaust, vor allem aber die „selbst ernannten Vergangenheitsbewältiger, Mahner und Gesinnungsschnüffler“ getreten, die einen sensiblen Umgang mit der Geschichte einklagen.
Als entscheidendes Problem für das nationale Selbstverständnis der Deutschen sehen viele also nicht mehr den Holocaust selbst an, sondern diejenigen, die an ihn erinnern. Es findet eine Verschiebung der historischen Bezugspunkte statt: So wie sich die Bonner Republik ihrem offiziellen Selbstverständnis nach gegen die NS-Diktatur abgrenzte, versuchen die Kritiker der Political Correctness das Selbstverständnis des wiedervereinten Deutschlands in Abgrenzung zur „Meinungsdiktatur“ der 68er zu definieren. Indem sie ihnen mit solchen Vokabeln eine totalitäre Gesinnung und ein völkisch-nationales Deutschlandbild unterstellen, ist der Aufstand gegen sie automatisch geadelt.
In den Internet-Foren bilden die Vertreter dieser Anti-Correctness-Fraktion die eindeutige Mehrheit. Bezeichnenderweise verstehen sie es aber, sich als unterdrückte Minorität zu gerieren. Es spricht einiges dafür, dass darin der Kern für den wieder aufgeflammten deutschen Opfer-Diskurs liegt. Auffällig ist allerdings, dass der Rekurs auf die deutsche Geschichte dabei durchweg negativ bleibt – das haben die Correctness-Kritiker mit ihren „politisch korrekten“ Gegenspielern gemein. Der für National-Apologeten wie Martin Walser oder Karl-Heinz Bohrer sonst so typische Rückgriff auf die kulturnationalen Errungenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts bleibt völlig aus; nirgends in den Online-Foren wird ernsthaft an einem positiven deutschen Geschichtsbild gearbeitet.
Das Nationale und die damit verbundene Selbstwahrnehmung als Opfer erscheint somit keineswegs als rückwärtsgewandter Selbstzweck. Der Baseler Historiker Achatz von Müller (ZEIT Nr. 44/03) hat dazu die These aufgestellt, dass die Wiederkehr des Opfer-Diskurses in enger Verbindung mit der Debatte um den Abbau des deutschen Sozialstaats stehe. Dies ist insofern plausibel, als die eingeforderte Bereitschaft, im Dienste eines Kollektivs Opfer zu erbringen, eine gewisse Identifikation mit diesem Kollektiv voraussetzt. Die Erinnerung an die deutsche Tätergeschichte ist da im Wortsinne kontraproduktiv. So passt es auch ins Bild, dass der Bau des Holocaust-Mahnmals in mehreren Online-Foren schon aus Kostengründen abgelehnt wird: „Das Geld sollte lieber in Jugendhäuser oder Ausbildungsplätze gesteckt werden, aber nicht in dieses hässliche und nutzlose Betonmonster“, schreibt ein User mit dem Namen „lemming“. Dem neuen nationalen Diskurs geht es demnach nicht um Deutschland an sich, sondern um Deutschland als Standort. So gesehen, ist es geradezu eine ökonomische Notwendigkeit, die Gegenwart gegen die Vergangenheit zu verteidigen. Wenn sich die Deutschen mit irgendetwas versöhnt haben, dann offenbar mit dem neoliberalen Reformkurs der Bundesregierung.
- Datum 20.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
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