Diabetes Verschwiegene BedenkenSeite 2/2
ZEIT: Die Forschung und Entwicklung an Insulinanalogen ging aber weiter.
Chantelau: Ja, es kam dann ein Kunstinsulin, das eine schnelle und kurze Wirkung haben sollte. Das war 1996, es heißt Lispro, Markenname Humalog. 1999 folgte dann von einem Konkurrenten ein ähnliches Insulin, das auf dem Markt Novorapid heißt. Über beide Kunstinsuline gibt es keine ernst zu nehmenden langfristigen Studien, mit denen man ein biologisches Risiko für die Patienten hätte ausschließen können. Einige Leute haben Bedenken angemeldet, aber gerade die DDG hat dementiert und gesagt: Nein, es gibt kein Risiko, diese Kunstinsuline seien rundweg zu empfehlen, sie seien ja von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA zugelassen worden.
ZEIT: Gentechnisch manipulierte Hormone kommen also als Insulinanaloge auf den Markt. Viele Menschen sollen sie lange, manche über Jahrzehnte hinweg, spritzen. Muss man da nicht größere Bedenken haben?
Chantelau: Man hat ja Bedenken, das ist das Alarmierende, aber kaum jemand spricht darüber. Die drei Kunstinsuline – das Letzte, Glargin oder auch Lantus, ist vor zwei Jahren auf den Markt gekommen – sind alle von der EMEA zugelassen worden, aufgrund von Studien, mit denen man den langfristigen Nutzen oder das Risiko nicht erfassen kann. Erst später hat sich die EMEA besonnen. Nach der Zulassung der drei neuen Kunstinsuline hat sie im November 2001 ein Papier herausgebracht, in dem sie einräumt, dass es sehr wohl einen dringenden Bedarf gibt, diese Kunstinsuline genauer zu untersuchen, dass man ein mögliches Krebsrisiko noch überhaupt nicht einzuschätzen wisse. Also: Können sie das Wachstum von Tumoren fördern oder nicht?
ZEIT: Aber die EMEA ist doch nun offenbar bereit, etwas zu tun. Sie fordert langfristige, fundierte Studien.
Chantelau:
Nein, das tut sie eben nicht. Sie fordert sie nur für die zukünftigen Kunstinsuline, nur für solche, die noch nicht zugelassen sind. Ich habe mich an die Firmen Lilly, Novo Nordisk und Aventis gewandt und gefragt: Werdet ihr etwas unternehmen? Macht ihr neue Studien für die Kunstinsuline, die ihr schon auf dem Markt habt? Sie haben geschwiegen. Mittlerweile habe ich drei Verdachtsfälle auf Krebs an das Bundesinstitut für Arzneimittel gemeldet. Wir haben natürlich auch sonst Krebs bei Diabetikern, aber hier, in diesen konkreten Fällen, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass er unter dem Einfluss von Kunstinsulinen entstanden ist. Eine Antwort habe ich aber bisher nicht bekommen.
Professor Dr. Ernst Chantelau ist Diabetologe an der Klinik für Stoffwechselkrankheiten der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.
Die Fragen stellte Carl Schüddekopf
Zum Thema
Der tödliche Zucker
-
Jedes Jahr erkranken 350.000 Bundesbürger an Diabetes, ausgelöst vor allem durch Überernährung und Fettsucht »
Geschichte und Entwicklung des Diabetes »
- Datum 07.12.2006 - 02:26 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



