Verführt Harry Potter eine ganze Generation zum Hexenglauben? Kardinal Ratzinger hegt offenbar diese Befürchtung. In einem Brief an die Publizistin und Potter-Kritikerin Gabriele Kuby attestiert er dem Zauberlehrling "subtile Verführungen", die "das Christentum in der Seele zersetzen" könnten. Der Ethikrat versucht eine Aufklärung des Aufklärers.

Nicht erst seit 1947, dem Erscheinungsjahr der Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, ist die Aufklärung in der Krise. Aber mit ihrer These, dass schon der Mythos Aufklärung sei und die Aufklärung in Mythos zurückschlage, haben die beiden diese Krise so zugespitzt, dass heute, im Zeitalter umfassender Desorientierung, der Mythos mit den Engelszungen der Aufklärung sprechen kann, während diese oft nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Da bleibt ihr nur, sich mithilfe des Lichts der Vernunft, dem sie ihren Namen verdankt, der Verwechslungen zu erwehren.

Joseph Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der päpstlichen Glaubenskongregation, die unter seiner ebenso leisen wie straffen Führung wieder zu einem unerschütterlichen Fels der reinen Lehre geworden ist, kann der Ethikrat zunächst in gewissem Umfang zu seinem privaten Brief an die katholische Publizistin Gabriele Kuby gratulieren, den dieselbe nun in ihrem leidenschaftlichen Kampf gegen Harry Potter öffentlich gemacht hat. "Es ist gut", schreibt er da, "dass Sie aufklären" – das hört die philosophische Aufklärung immer gern, zumal wenn es von fast höchster geistlicher Stelle kommt. Auch dass Kardinal Ratzinger "subtile Verführungen" beobachtet, die "unmerklich und gerade dadurch tief wirken", ist dem Ethikrat aus Kopf und Seele gesprochen, sind doch subtilen Verführungen, wo auch immer sie auftreten mögen, ureigenstes Aufklärungsterrain.

Doch dann diese Aufklärung "in Sachen Harry Potter", die Kardinal Ratzinger so am Herzen liegt! Auch der Ethikrat zählt nicht zu den regelmäßigen Lesern von Fantasy-Literatur im Allgemeinen und Potter-Romanen im Besonderen. Dazu fehlt es ihm, wen wundert’s, an Fantasie. Aber das ist doch ziemlich schweres Geschütz, dass die besagte Publizistin jetzt mit kardinalem Geleitschutz gegen Harry Potter, seine Autorin und seine vom Diabolos, dem großen Verwirrer, fehlgeleiteten Apologeten ins Feld führt. Wird denn da nicht mit geistlichen Kanonen auf harmlose Spatzen geschossen?

Gewiss, der Ethikrat erinnert sich noch gut, dass auch der schon erwähnte Dialektiker der Aufklärung, Adorno, den Okkultismus als "Metaphysik der dummen Kerls" abgestraft hat. Aber von der Dummheit zum "Satanismus" in Gestalt der Fantasie ist es doch ein beträchtlicher Schritt. Und wo bleibt denn da gegenüber Harry Potter und seiner Schöpferin die Feindesliebe?

Als Krönung der kardinalen Aufklärung beklagt Ratzinger eine "Zersetzung" des Christentums in der Seele, "ehe es überhaupt recht wachsen konnte". Ist das nicht eine allzu bescheidene Beschreibung des sorgfältig gepflegten Wachstums des Christentums gerade in kindlichen Seelen? Sind es nicht ebendiese seit je wahrhaft subtil verführten Seelen, die Harry Potter lesen? Nimmt der Ethikrat dann noch hinzu, dass es auch auf der rechtgläubigen Seite im Reich des Supranaturalen nicht an Fantasiephänomenen fehlt (wir erinnern nur an den Apokalyptiker Johannes, von der blütenweißen Magie der Engel, Wunder und Pater Pio zu schweigen), dann wüsste er nicht mehr zu sagen, ob es sich hier nicht um jene Symptombildung handelt, die etwas salopp "Nachbarschaftsneurose", plattdeutsch "Differenzobsession" heißt. Je näher, je verwandter eine Erscheinung, desto allergischer die Reaktion. Aber bevor der Ethikrat nun, bewaffnet mit dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, die Glaubens- von der Aberglaubensfantasie zu unterscheiden sucht, gibt er dem Kardinal lieber jene resignative Gewissheit mit auf den Weg, die einst Erich Kästner Grenzen der Aufklärung überschrieben hat: "Ob Sonnenschein,/ Ob Sterngefunkel,/ Im Tunnel / bleibt es immer dunkel."