iran Auf Atom-pirsch
Aus den Buchhaltern der Atombehörde in Wien sind Fahnder geworden. Das bekommt der Iran jetzt zu spüren
Seibersdorf/Wien
In den Labors der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA trudeln ohne Unterlass Plastiktüten ein. Darin sind Proben, die untersucht werden wollen, bis zu zwanzig Stück am Tag. Pausenlos müssen Objektträger präpariert, Geräte gesteuert, Messwerte formatiert werden, und immer wieder kommen Anfragen: Könnt ihr noch mal hier nachsehen und dort prüfen? Zwar sind die Einsendungen anonymisiert, keine der Zahlen auf den Beuteln sagt den Wissenschaftlern, was sich darin befindet. Doch jeder weiß Bescheid: Bis auf ein paar Kontrollproben stammt das Zeug aus dem Iran. Was immer sie finden, es ist Weltpolitik.
Der Tüteninhalt sieht unspektakulär aus. Es sind kleine, benutzte Wischtücher. Mit ihnen putzt der Atominspektor beim Stubendurchgang in der Nuklearanlage verdächtige Flächen ab. Das klingt primitiv, ist aber nur die Low-Tech-Attacke in einem High-Tech-Feldzug. Der beginnt mit Satellitenaufklärung, die den Weg zu kritischen Anlagen weist, und endet mit den extrem zuverlässigen Nachweistechniken im IAEA-Labor von Seibersdorf, einem Ort nahe Wien. Die Gerätebatterie der Atomdetektive ist in einem so genannten Reinraum aufgereiht, dessen Luft permanent filtriert wird, damit kein fremdes Stäubchen die Spuren von Nuklearvergehen verwischt. Vor dem Eingang liegen Schuhe, hastig abgestreift.
Die Anlage wurde überwiegend durch Sonderzuwendungen der Vereinigten Staaten finanziert. Sie ist der Stolz der IAEA: Hier macht Physik Politik. Eines der wichtigsten Instrumente ist das Rasterelektronenmikroskop. Sein wandernder Elektronenstrahl sucht Partikel, die Uran oder Plutonium enthalten. Ein Körnchen mag kleiner als ein tausendstel Millimeter sein, der Rasterstrahl findet es doch und ertastet dessen Größe und Geometrie. Außerdem provoziert der Elektronenbeschuss eine charakteristische Röntgenstrahlung des Materials, sodass sich Uran oder Plutonium identifizieren lassen. Ist eines dieser Elemente entdeckt, hieven die Seibersdorfer Spurensucher jedes einzelne Partikel Stück für Stück in Maschinen, die herausfinden, ob es sich etwa um hoch angereichertes Uran handelt, oder welche Arten (Isotope) von Plutonium das Partikel enthält. Aus der Zusammensetzung lässt sich ermitteln, wie das strahlende Material zustande gekommen ist – und ob vermutet werden muss, dass, beispielsweise, ein Kernreaktor natürliches Uran in Waffenplutonium verwandelt.
Im Normalfall dauert es drei Wochen, bis eine Probe von sämtlichen Geräten beäugt wurde. Anschließend werden die Daten mit denen aus Labors anderer Länder verglichen, die ebenfalls Wischproben aus der fraglichen Anlage analysiert haben; außerdem werden Physikbücher gewälzt, Expertisen eingeholt, Datenbanken konsultiert. Das kann sich monatelang hinziehen. Kein Wunder, dass auch jetzt noch, da die IAEA-Diplomaten über den Umgang mit dem Iran streiten, nicht alles Verdachtsmaterial ausgewertet ist. „Sie müssen sich das so vorstellen“, sagt Diane Fischer, eine Amerikanerin, die aus der Atomwaffenforschung kommt: „In der Innenstadt Wiens liegt irgendwo eine Glasmurmel“ – jetzt kramt sie sogar eine hervor –, „und die müssen Sie finden. Unter vielen anderen Murmeln, die auch noch dort herumliegen.“
Fröhliche Jagd auf Übeltäter
Eine Suche, die ihr offenbar Freude bereitet. Zwar wissen die IAEA-Inspektoren, dass sie Weltbedeutendes tun, aber sie finden es auch spannend, Tätern auf die Spur zu kommen und grinsen verschmitzt, wenn sie schildern, wie sie verblüfften Staatsvertretern ihre Indizien präsentieren. Tja, sagen Augen und Gestik, man sollte die alte Tante IAEA nicht länger unterschätzen.
Bis zum Beginn der neunziger Jahre war die Behörde einfach nur Teil der nuclear community , nicht von Misstrauen geleitet, sondern von dem Wunsch, der Welt die Nützlichkeit der Kernenergie nahe zu bringen. Der Atomwaffensperrvertrag von 1970 hatte die Behörde mit der Aufgabe betraut, die Einhaltung eines historischen Deals zu überwachen: Die Kernwaffenstaaten (USA, UdSSR, Großbritannien, später kamen China und Frankreich hinzu) rüsten ab und helfen anderen, die Kernenergie zu nutzen – die wiederum dürfen keine Nuklearwaffen anstreben und erhalten auch von niemandem Atomsprengstoff. Seither reisten IAEA-Inspektoren mit Aktenkoffern voller Formulare von Anlage zu Anlage, zählten das, was vorn hineinging und das, was hinten herauskam, rechneten, und wenn etwas zu fehlen schien, hakten sie es zumeist unter „Schwund“ ab. Buchhaltung, betrieben in tiefster Vertraulichkeit und ebenso tiefem Vertrauen in die guten Absichten der Vertragsstaaten. Überwacht wurde nur, was diese pflichtschuldig angemeldet hatten.
- Datum 20.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
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