Der Vortrag der Bundesjustizministerin Brigitte Zypries an der Humboldt-Universität in Berlin über verfassungsrechtliche und rechtspolitische Fragen der Bioethik hat Unruhe gestiftet und zu zahlreichen öffentlichen Stellungnahmen, unter anderem auch der Kirchen, geführt. Sie beziehen sich vor allem auf den Teil des Vortrags, der sich der so genannten verbrauchenden Embryonenforschung, speziell der Stammzellforschung, widmet. Nachdem der Bundestag vor nicht langer Zeit für diese Forschung einen sehr restriktiven gesetzlichen Rahmen geschaffen hat, wird der Vortrag der Ministerin wohl nicht zu Unrecht als Versuchsballon gewertet, der ebendiesen Rahmen erneut infrage stellen soll. Sie wird dies kaum getan haben ohne Abstimmung mit dem Bundeskanzler, von dem ja bekannt ist, dass er, im Gegensatz zu seiner früheren Justizministerin, nichts davon hält, die biomedizinische Forschung durch Gesichtspunkte des Embryonenschutzes einzuschränken.

Frau Zypries hat ihren Vortrag an einer Universität gehalten, also an einem Ort, der davon dispensiert, in jedem Augenblick mögliche politische Konsequenzen der eigenen Worte zu bedenken, einem Ort, der nicht der Durchsetzung von Standpunkten, sondern der Wahrheitsfindung dienen soll und an dem allein Argumente zählen, Interessen dagegen nur indirekt, nämlich als Gegenstand von Argumenten, die ihr Gewicht begründen. Auch gesellschaftliche Tabus müssen diesen Filter passieren. Sie werden sozusagen suspendiert, aber nicht beseitigt. Denn auch für ihre Geltung kann es ja Argumente geben.

Wofür hat Frau Zypries plädiert, und welches waren ihre Argumente? Mit zwei ihrer Plädoyers verteidigte sie den rechtlichen Status quo, weshalb von ihnen in der Öffentlichkeit weniger die Rede ist. Sie argumentierte gegen Präimplantationsdiagnostik und gegen anonyme Samenspende. Ihre Einwände gegen PID waren vor allem diese: Im Unterschied zur Pränataldiagnostik handelt es sich hier um Selektion, um die Entscheidung darüber, welches menschliche Leben sich fortentwickeln darf und welches nicht. Nicht fortentwickeln soll sich behindertes Leben. Wenn für 80 Prozent der Amerikaner die genetische Disposition des Embryos zur Fettleibigkeit ein Grund zur Abtreibung ist, dann kann man sich ausmalen, welches Schlachtfest da auf uns zukäme. Die Ministerin will den Anfängen vor allem deshalb wehren, weil der Umgang mit Behinderungen und Krankheiten sowie die Haltung gegenüber Müttern, die ein behindertes Kind zur Welt bringen, auf verhängnisvolle Weise vorgeprägt würde. Zudem ist sie realistisch genug, um zu sehen, dass sich irgendeine Beschränkung der PID auf bestimmte kritische Situationen in der Praxis nicht würde durchhalten lassen. So lässt sich ja auch die Beschränkung der Erzeugung in vitro auf Fälle von Kinderlosigkeit nicht durchhalten. Sie wird heute schon vorgenommen, um eine genetische Selektion durchzuführen.

Das zweite Plädoyer wog das berechtigte Interesse jedes Menschen zu wissen, wer sein Vater ist, ab gegen das Interesse des Samenspenders an seiner Anonymität. Das letztere Interesse, so Zypries, würde nur dann ins Gewicht fallen, wenn sich aus dem Bruch der Anonymität Unterhaltsansprüche ergeben würden. Ebendies aber kann durch einfache gesetzliche Regelung ausgeschlossen werden.

Die Argumentation der Ministerin zugunsten einer Lockerung des Embryonenschutzes im Zusammenhang der Stammzellforschung verdient es, näher betrachtet zu werden. Einer solchen näheren Betrachtung hält diese Argumentation indessen nicht stand. Sie ist vor allem in sich nicht stimmig. Im Zusammenhang mit der Präimplantationsdiagnostik spricht Frau Zypries ausdrücklich vom "Lebensrecht eines Embryos", zieht dann aber in Zweifel, ob dem in vitro erzeugten Embryo so etwas wie Menschenwürde zukomme – ein Zweifel, den übrigens Wolfgang Schäuble in die Welt gesetzt hat.

Vom Lebensrecht eines Wesens kann aber nur dann die Rede sein, wenn diesem Wesen "Würde" zuerkannt wird. Die Zuerkennung von Würde kann nämlich, soweit es sich um die Rechtssphäre handelt, gar nichts anderes bedeuten, als dass der Träger der Würde, um mit Kant zu reden, "Selbstzweck" ist, dass also alles, was ihm von anderen Menschen geschieht, ihm gegenüber gerechtfertigt werden muss. Er hat den Status eines Subjektes von Rechten, nicht nur eines Mittels für die Zwecke anderer. Und auch nicht eines bloßen Objektes der Fürsorge, wie sie die Tierschutzgesetze vorschreiben. In Tierschutzgesetzen geht es nicht um Tierwürde oder um Tierrechte, sondern um die Menschenwürde, die es dem Menschen zur Gewissenssache machen muss, die Zufügung von Leiden in menschlichen Interesse auf ein Maß zu reduzieren, das aus einer strengen Güterabwägung hervorgeht. Das Leiden von Tieren ist ein Unwert, dessen Inkaufnahme durch einen hohen Wert gerechtfertigt werden muss. Was es nicht gibt, ist ein "Lebensrecht" von Tieren.

Wenn Frau Zypries menschlichen Embryonen Lebensrecht zuerkennt, dann hat sie ihnen bereits Menschenwürde zuerkannt, nämlich den Anspruch, von anderen nicht als gegen andere Werte abzuwägender Wert betrachtet, sondern als Subjekt von Rechten anerkannt zu werden. Auch das Verfassungsgericht sollte mit dem Wertbegriff vorsichtig umgehen und mit Bezug auf das Lebensrecht nicht von einem "Höchstwert" sprechen. Dass das Leben nicht der höchste Wert ist, steht schon in Schillers berühmtem Trauerspiel Die Braut von Messina: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht."

Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, ob dort, wo es um die Existenz eines Wesens geht, die Perspektive dieses Wesens selbst zählt, ob es also zur Gemeinschaft der Personen gehört oder nicht. Ein Mensch kann freiwillig sein Interesse dem Interesse anderer unterordnen. Er kann "sterben für seine Freunde", wie Epikur und Jesus lehren. Aber mit gutem Grund hat der Gesetzgeber es untersagt, fremddienliche medizinische Experimente mit Debilen zu machen, die selbst ihre Zustimmung nicht geben können. Der Embryo ist noch nicht so weit, sein Leben "opfern" zu können. Keinem Menschen gegenüber aber können wir es rechtfertigen, dass wir versucht haben, ihn, als er noch von uns abhängig war, umzubringen.