Die Geschichte des VfB Stuttgart, der in diesen Wochen mit der jüngsten Mannschaft der Bundesliga und den schönsten Siegen in der Champions League alle freien Liebesenergien der Fußballfans in Deutschland auf sich zieht, beginnt 1943 an der Italienfront der deutschen Wehrmacht beziehungsweise Mitte der sechziger Jahre in Mönchengladbach, wo Wilhelm August Hurtmanns bei der Rheinischen Post arbeitete. Ein Kollege von damals erinnert sich an den Sportredakteur als einen zurückhaltenden Mann, Liebhaber klassischer Musik und bildender Kunst. Sein besonderes Interesse jedoch galt dem lokalen Fußballverein VfL Borussia Mönchengladbach, der zu jener Zeit in der Regionalliga West spielte. Hurtmanns war der einzige Reporter vor Ort. Er begleitete die Mannschaft zu fast allen Spielen, fuhr dazu im Mannschaftsbus mit und war nicht zuletzt dem jungen Berti Vogts ein väterlicher Freund.

Die Welt des Klubs war noch klein, als 1964 Hennes Weisweiler aus Köln Trainer wurde. Viel Geld stand ihm nicht zur Verfügung, also stellte er ein Team zusammen, das mit einem Durchschnittsalter von 21,5 Jahren die jüngste von damals 98 Lizenz- und Vertragsspielermannschaften in Deutschland war. Seine Youngster hießen Günter Netzer, Jupp Heynckes, Bernd Rupp und Herbert Laumen. In der ersten Saison unter Weisweiler schossen sie sensationelle 92 Tore, wurden Meister der Regionalliga West und stiegen überraschend in die Bundesliga auf. Und Wilhelm August Hurtmanns war es, der das Wort fand, in dem aller Zauber des Teams zusammengefasst war. Beharrlich sprach er in seinen Artikeln von den "Fohlen", weil sie so jung, ungestüm und ungebändigt waren. Seinen Kollegen gefiel das, und weil es auch ihnen passend schien, schrieben sie bald in der ganzen Republik von der "Fohlenelf".

Immer schon haben Fußballvereine zweite Namen getragen. In Duisburg spielen von jeher die Zebras, in Schalke die Knappen und in München, beim TSV 1860, die Löwen. In Duisburg erklärt sich das durch die traditionell gestreiften Trikots, in Schalke wird die Tradition des Bergbaus beschworen, und der Löwe findet sich im Vereinswappen der Sechziger aus München. Hurtmanns aber leitete den Rufnamen erstmals von der Spielweise einer Mannschaft ab und gab dem Klub damit ein Image. Heute würde man das Corporate Identity nennen, auf jeden Fall profitiert der Verein weiter von dem Begriff, den er sich bald zu Eigen machte. (Hurtmanns nannte auch das "Borussen-Stadion" in Mönchengladbach "Bökelberg-Stadion", obwohl es dort keinen Berg gibt, sondern nur eine Bökelstraße.)

Die Fohlen standen fortan in doppelter Hinsicht für Jugend, Aufbruch und Frische. Zunächst einmal lösen junge, talentierte Spieler bei Fußballfans zu allen Zeiten so etwas wie eine Kursfantasie aus. Sie wecken Vorstellungen von zukünftiger Größe, von Siegen und Titeln, die sie erringen könnten. Sie müssen nicht heute gewinnen, weshalb ihnen Fehler und Rückschläge verziehen werden, denn sie könnten es morgen tun oder übermorgen; und die Fohlen aus Mönchengladbach wurden ja zu einer Verheißung, die sich erfüllen sollte.

Als der Begriff von Hurtmanns geprägt wurde, erlebte auch die Bundesrepublik eine Art von "Fohlenfizierung", da sich zum Ende der sechziger Jahre ein Generationsbruch zu vollziehen begann. Da passten die New Kids on the Block aus Mönchengladbach als Protagonisten bestens ins Bild, vor allem Günter Netzer. Der Mittelfeldregisseur mit den immer länger werdenden Haaren spielte mit seinem mitunter bärbeißigen Trainer Weisweiler ein wenig Generationskonflikt und wurde – ein Bild, das seither immer wieder bemüht wird – zum Sinnbild einer aufbegehrenden Republik. Heute wissen wir, dass der wirkliche Netzer mit alldem wenig zu tun hatte, aber seine Pässe aus der Tiefe des Raums wurden von den Feuilletonisten dankbar als fußballerischer Ausdruck der gesellschaftlichen Veränderungen aufgenommen. Sein schwarzer Jaguar, seine Diskothek Lovers Lane und die elegant-geheimnisvolle Freundin Hannelore machten Günter Netzer zum Popstar, ohne dass man es damals so hätte sagen können. Borussia Mönchengladbach, dieser eigentlich zutiefst bürgerliche Klub vom Niederrhein, wurde zu einem Symbol des sozial-liberalen Deutschlands wie Bonanza-Fahrräder und die Trimm-Trab-Bewegung.

Die "Fohlen" wurden zum Mythos, auf den sich Magath heute gerne beruft

Von seinem Mythos lebt der Klub noch heute, nicht nur in banaler Form, wenn während der Spiele am Bökelberg ein Maskottchen namens "Jünter" ins Publikum winkt, das mit ein wenig Mühe als Fohlen auszumachen ist. Winken wird "Jünter" auch, wenn der VfB Stuttgart in der ersten Dezemberwoche zum Pokalspiel am Bökelberg antritt. Stuttgarts Trainer Felix Magath hat sich nach der Auslosung dieser Partie erfreut geäußert, weil seine Mannschaft in diesen Tagen für das stehen würde, was Mönchengladbach einst verkörperte: jugendlichen Schwung, den das Publikum liebt. "So etwas hat es in Deutschland bislang nur einmal gegeben. Die Fohlenelf von Borussia Mönchengladbach ist ähnlich erfolgreich und sympathisch rübergekommen wie jetzt der VfB", schwärmte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Wir sind die neuen Fohlen, wollte er damit sagen, und das Publikum ist ihm dabei gefolgt. "Außer meinem Verein am liebsten ist mir…", war die Vorgabe bei einer Umfrage von Sport Bild, und am weitaus häufigsten wurde der VfB Stuttgart genannt. Wieder ist es die Jugend, die hier ihren Zauber entfaltet. Kevin Kuranyi mit dem feinen Bärtchen, dem zarten Lispeln und der noch zarteren Ballbehandlung ist gerade 21 Jahre alt, wie der wunderbare und so vernünftige Außenverteidiger Andreas Hinkel oder Stürmer Christian Tiffert mit seiner Seepferdchen-Frisur. Nur ein Jahr älter ist der Weißrusse Aliaksandr Hleb, das begnadete Mittelfeldgenie, und Außenverteidiger Philipp Lahm ist gerade erst 20 Jahre alt geworden. Im Schnitt ergibt sich daraus das jüngste Team der Bundesliga, das darüber hinaus auch noch wunderschön anzuschauenden Fußball spielt. Daher wählten Fernsehzuschauer in einer Abstimmung von Sat.1, am kommenden Spieltag der Champions League nicht die Partie des FC Bayern bei Celtic Glasgow zu zeigen, sondern die des VfB gegen die Glasgow Rangers. Sportlich sind beide Spiele gleichermaßen bedeutsam, der Klub mit den meisten Fans in Deutschland unterlag dem Newcomer dennoch deutlich. 70 Prozent mochten lieber Stuttgart als die Bayern sehen, und viel deutlicher kann der Sehnsucht nach Jugend und schönem Fußball nicht Ausdruck gegeben werden.