sterbehilfe Der letzte WilleSeite 9/11
Zieger: Das sehe ich anders: Nicht dass der Patient am Leben gehalten wird, sondern wie das bei uns geschieht, macht vielen Menschen Angst. Die Pflege in Krankenhäusern und Heimen ist häufig mangelhaft, es fehlt an persönlicher Zuwendung und an schmerzlindernden Medikamenten. Gerade im Bereich der Palliativmedizin herrschen in Deutschland skandalöse Unkenntnis und Unterversorgung.
Putz: Da haben Sie Recht. Zudem haben Ärzte das Zulassen des Sterbens nicht gelernt. In der Medizinerausbildung haben das Lebensende und der Tod bisher keinen Platz.
Zieger: Wieder einverstanden. Wir brauchen eine bessere Ethikausbildung für Ärzte in Deutschland.
zeit: Wir reden bislang stets von Patienten, die ihren Willen zuvor erklärt haben. Das ist aber häufig nicht der Fall.
Putz: Wir erleben es immer wieder, dass wir über den mutmaßlichen Willen von Kranken rätseln müssen, die in gesunden Tagen nicht über ihr Sterben reden wollten. Dann suchen wir nach Puzzlesteinen, die Rückschlüsse erlauben: Wie hat der Patient gelebt? Was hat ihn interessiert? Was hat er gelesen? Wie ging er mit Krankheit um? So kann man wenigstens den mutmaßlichen Willen ermitteln.
zeit: Heißt das also, je genauer eine Patientenverfügung formuliert ist, desto größer die Chance auf Durchsetzung des Willens?
Putz: Es muss deutlich werden, welche Situation der Patient gemeint hat. Nichts ist schrecklicher, als am Krankenbett Wortklaubereien über die Patientenverfügung zu betreiben. Gleichzeitig ist die jetzige Entwicklung, dass die Patientenverfügungen immer länger und genauer werden, ein Graus. Das bedeutet nämlich, dass die 80-jährige Oma, die nicht perfekt formulieren kann, weniger vor Willkür geschützt ist als der pensionierte Arzt oder Jurist, der die perfekte Verfügung zustande bringt.
- Datum 20.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
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