Die neue Klassengesellschaft
Wie sich die soziale Lage der Studenten seit 1952 verändert hat
Ein kurzer Blick in die Geschichte, die das Deutsche Studentenwerk kontinuierlich erforscht hat, zeigt, welche Umwälzung die Republik hinter sich gebracht hat, um ihre Universitäten für möglichst viele zu öffnen – und zeigt zugleich auch die früheren Härten des Studiums. Es ist erst 50 Jahre her, da studierten an deutschen Hochschulen nur 108374 junge Leute, ganze 17,2 Prozent von ihnen waren Frauen. Die meisten Studenten hatten mehrere Geschwister und standen, als mehr oder weniger Gleichberechtigte vor dem elterlichen Geldbeutel, unter dem Druck der Rechtfertigung, wer warum und wie lange studieren konnte.
Der Krieg hatte eine vaterlose Generation hinterlassen. Von 100 Hörern im Saal waren 15 selbst Kriegsversehrte, jeder Fünfte hatte den Vater verloren. Nur gut ein Viertel der Väter von männlichen Studenten waren Akademiker (41 Prozent der Studentinnen hingegen hatten akademisch ausgebildete Väter, das half, um als Frau an die Uni zu dürfen), heute haben immerhin 44 Prozent der Studierenden ein Elternteil mit Hochschulabschluss. Das erleichtert es erheblich, sich für den Aufwand zu entschließen, den ein Studium bedeutet. Bildungsferne Schichten verstehen noch heute das Bafög eher als Verschuldung, die es zu vermeiden gilt, denn als Investition, die künftig bessere Berufsmöglichkeiten eröffnet. Bildung erleichtert es, in Bildung zu investieren.
Ein Studium geschenkt zu bekommen war in der Bundesrepublik immer ein Privileg einer Minderheit. Ein Drittel der männlichen Studenten bekam 1952 das Studium komplett von den Eltern bezahlt – heute sind es nur noch 12 Prozent, die allein von der Unterstützung der Eltern leben, obwohl die Zahl der Einzelkinder stark zugenommen hat. Anders gesagt: Schon damals waren 11,7 Prozent ständig erwerbstätig und immerhin 49 Prozent gelegentlich. Das Bild von dem alleinigen Lebensmittelpunkt, den die Universität während der Studienjahre gebildet habe, stimmte also mit der Wirklichkeit nicht überein.
Vor dem Semester allerdings machte seinerzeit das Jobben halt. Nur etwa 30 Prozent haben auch während der Vorlesungszeit Geld verdient, heute sind es fast zwei Drittel. Immerhin fünf Prozent finanzieren sich ausschließlich über ihre Erwerbstätigkeit. Die meisten aber leben von einer Mischfinanzierung. Diejenigen, die weder bei den Eltern leben noch selbst Kinder haben – das sind etwa zwei Drittel aller Studenten –, werden im Allgemeinen mit durchschnittlich knapp 400 Euro von den Eltern unterstützt. Den Rest treiben sie selbst auf.
Beredt sind auch die Zahlen zu den Einkommensunterschieden. Sie zeigen, dass die soziale Homogenität der Studierenden weitgehend aufgelöst ist, zugunsten einer neuartigen studentischen Klassengesellschaft: Heute gibt es reiche und arme Studenten. Um 1952 lebte die Mehrheit der Studenten von 50 bis 100 Mark (und nur eine kleine Hand voll von 5 Prozent gab die Spitzensumme von mehr als 150 Mark aus). Dieses Spektrum hat sich bis in die Gegenwart weit aufgezogen: Heute braucht ein Fünftel bis zu 500 Euro zum Lebensunterhalt im Monat, ein weiteres Fünftel bis zu 600 Euro, ein gutes Viertel gibt monatlich bis zu 750 Euro aus, und stattliche 30 Prozent wenden mehr als 750 Euro auf.
Nicht dass das unabdingbar wäre. Über zwei Drittel der erwerbstätigen Studenten arbeiten explizit auch, um sich mehr leisten zu können. Das Studium ist nicht mehr generell eine Zeit des Verzichts, bevor einem ein Einkommen erlaubt, sich etwas zu leisten, sondern auch hier ist die Grenze zwischen Studium und Erwerb durchlässig geworden: Das Leben darf heute was kosten, und nicht erst in einer Zukunft, die keiner kennt. EvT
- Datum 20.11.2003 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






