Lebenszeichen
Theta und Opfer
Harald Martenstein studiert die Axiome der Scientologen
Seit einiger Zeit besitze ich Was ist Scientology?, einen Querschnitt aus den Werken von L. Ron Hubbard. Ron Hubbards Leute sagen, dass es das Beste enthält, was die Gattung Mensch bisher an Weisheit hervorgebracht hat. Das Deutsch in dem Buch liest sich allerdings wie die Speisekarte von diesem Istanbuler Restaurant an der Galatabrücke, wo sie keine Kreditkarten nehmen. Axiom Nummer 1 heißt zum Beispiel: »Leben ist im Grunde ein Statik.« Die Scientology-Lehre fußt auf 58 Axiomen. Axiom Nummer 2 versucht, den Begriff Statik zu erklären. »Das Statik ist zu Betrachtungen, Postulaten und Meinungen fähig.« Auch mit der Groß- und Kleinschreibung gehen sie sehr frei um. Axiom 24: »Vollkommenes ARK würde das Verschwinden aller mechanischen Daseinszustände zur Folge haben.« Das Gute heißt Theta. »Theta kann Probleme lösen«, Axiom 47. Und zwar so, Axiom 48: »Das Leben ist ein Spiel, in dem Theta als das Statik die Probleme von Theta als MEST löst.«
Ich habe mal für eine Werbeagentur gearbeitet, in der sie genauso waren. Sie haben pausenlos Gagafachausdrücke erfunden, um die Kunden zu beeindrucken. Meine Lieblingsaxiome sind die 37 und die 43. 37 klingt so schön crazy: »Wenn eine primäre Betrachtung abgeändert wird, aber noch besteht, wird Fortbestand für die abändernde Betrachtung erreicht.« Und 43 stimmt irgendwie: »Zeit ist der primäre Ursprung von Unwahrheit«. Die Scientologen geben aber auch konkrete Anweisungen. »Es ist wichtig, dass man nach dem Laufen sofort in die Sauna geht.«
Es ist mir ein Rätsel, wie John Travolta auf dieses Heißluftgebläse abfahren kann. Warum wird er nicht einfach Buddhist wie der andere Schauspieler oder, noch einfacher, Christ? Dann kann er mit seiner Theta in die Sauna, wann immer er will. Meinetwegen sogar als MEST. Von allen heiligen Schriften hat die Bibel immer noch den besten Sound. »Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.« So hat eine Botschaft zu klingen.
Aus irgendeinem Grund habe ich mal irgendwo geschrieben, dass ich die Scientology-Aufregung in den Medien übertrieben finde. In dem Artikel stand sinngemäß, dass ich aus dem ADAC austreten wollte und mir der ADAC daraufhin auch eine Menge Stress gemacht hat, und dass auch in der katholischen Kirche gelegentlich Unschönes vorkommt, ohne dass man gleich sagen würde, die ganze Kirche ist eine Päderastentarnorganisation. In der Frage, ob man was verbieten sollte, bin ich immer extrem liberal. Daraufhin machten mir die Scientology-Opfer wochenlang in einer die Lebensqualität beeinträchtigenden Penetranz die Hölle heiß. Einer rief um ein Uhr nachts an, um zu schimpfen. Ich dachte: »Man sollte den Begriff Opferopfer in die politische Debatte einführen. Ich bin ein Scientologenopferopfer.« Laut aber sagte ich zu dem Opfer: »Sie kommen mir vor wie die Leute, die 30 Jahre Kette rauchen und dann, wenn sie Krebs haben, den Zigarettenkonzern verklagen. Sie sind an ihrer Lage zu 90 Prozent selber schuld.« Da wurde das Opfer noch wütender. Vielleicht war ich ungerecht. Das war mir um ein Uhr nachts aber egal.
* Hören Sie diesen Artikel unter http://hoeren.zeit.de
- Datum
- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
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