Ich habe einen TraumEin transparentes Wesen

Der Modefotograf F.C. Gundlach stellt sich das Glück als ein zwittriges, stark spirituelles Wesen vor. Ihm selbst ist es mehr als einmal zur Seite gestanden von Marc Kayser

F. C. Gundlach gehörte zu den bedeutendsten Modefotografen Deutschlands. Als Zehnjähriger besaß er seine erste Agfa-Fotobox, als Zwölfjähriger die erste Dunkelkammer. Seine Mode-Fotostrecken wurden zu eindrucksvollen Dokumentationen ihrer jeweiligen Zeit. Als Mäzen und Kurator von Fotokunst übergab er seine umfangreiche Sammlung den Hamburger Deichtorhallen als Dauerleihgabe. Die Retrospektive "F.C. Gundlach. Das fotografische Werk" ist dort ab 12. Januar zu sehen. In der ZEIT träumte F.C. Gundlach 2003 von glücklichen Fügungen

Fast mein ganzes Leben lang habe ich es mir geleistet, das zu tun, wonach mir der Sinn stand. Zwar hatten alle meine Tätigkeiten das Fotografieren selbst oder das Herstellen und Sammeln von Fotos zum Inhalt; doch innerhalb dieses wundersamen Mediums Fotografie gibt es so viele Facetten, dass mir nie langweilig wurde.

Für mich bedeutet es einen Luxus, zu tun, was ich am besten kann, und so meinen Beruf zur Berufung werden zu lassen. Ich gestehe, dass die Grenzen zwischen Hobby, Beruf und Freizeit so verwischt sind, dass sich meine Mitarbeiter fragen mögen, ob ich Arbeit und Freizeit überhaupt trennen kann. Nein, das kann ich nicht. Ich versuche in jeder Phase wahrhaftig zu sein: als Fotograf, als Sammler, Mäzen, Kurator, Künstler.

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In Anbetracht meines fortgeschrittenen Alters hätte ich gerne die Zeit, die eigentlich für zwei oder drei Menschenleben reserviert ist. Doch ein wirklicher Traum von mir ist, herauszufinden, woher diese Kraft kommt, für die wir das Wort "Fortüne" gefunden haben, diese Momente des Glücks, die man braucht, um erfolgreich zu sein – und zu überleben.

Ich machte Zeiten durch, in denen Träume und das kleine Quäntchen Glück etwas wahrhaft Existenzielles waren. Als ich 16 Jahre alt war, zog man mich als Flakhelfer ein, später beorderte man mich als Soldat an die Front nach Polen. Es waren bittere Zeiten voller Furcht. Ich war jung und unreif in einem Krieg, der kurz vor seinem Ende stand und dessen Befehlshaber keine Rücksicht auf ihre eigenen Soldaten nahmen. An den Beinen schwer verwundet, überlebte ich, zog mir in der Kriegsgefangenschaft eine Tuberkulose-Infektion zu und war eigentlich nicht mehr zu retten. "War das alles?", dachte ich damals. "Sollten diese 20 Jahre dein gesamtes Leben gewesen sein?"

Ich hatte damals einen Traum. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als wenigstens 40 Jahre alt zu werden. Denke ich heute darüber nach, verwundert es mich, dass ich ausgerechnet 40 werden wollte – noch 20 Jahre zu leben erschien mir eine Unendlichkeit. Die Ärzte und Schwestern hielten es für unwahrscheinlich, dass ich auch nur ein paar Wochen älter werden würde.

Doch ich wollte leben. Ich schrieb meine Wünsche, meine Gedanken und Hoffnungen auf Rollen von Toilettenpapier, weil es nichts anderes gab. Ich kämpfte nicht nur mit dem Virus, ich hatte auch ständig Hunger. Also träumte ich von Gerichten, die ich essen würde, wenn es mir je gelingen sollte, mir die nötigen Zutaten zu beschaffen. So entstanden Fantasierezepte, die ich ebenfalls auf Toilettenpapier niederschrieb.

Daneben hatte ich drei große Wünsche: Wenn ich es schaffte, zu überleben, wollte ich ein bekannter Architekt, ein Geologe oder Fotograf werden. Auf keinen Fall – und das sagte ich mir fortwährend – wollte ich meinem Vater den Gefallen tun, Gastronom zu werden und den elterlichen Gasthof zu übernehmen.

In der Summe waren diese vielen Gedanken und vielleicht auch meine Jugend die Kraftspender, dass ich die heimtückischste aller Lungenkrankheiten besiegte. Ich überwand sie, weil ich an mich glaubte – und das berühmte Quäntchen Glück auf meiner Seite hatte. Fortüne. Das Zauberwort, die glückliche Fügung.

Ich träume davon, diesem Wort zu begegnen, es zur Rede zu stellen und zu fragen: "Warum kommst du zu manchen Menschen so selten und warum zu anderen auffällig oft?" Fortüne zu haben kann ein Luxusgefühl sein, weil man meistens unheimlich viel dafür ackern muss, dass man im Leben halbwegs zurechtkommt. Aber im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu sein, vielleicht auch noch den richtigen Menschen zu treffen – das ist einem wahrhaft nicht oft beschieden.

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