Kino Schnaps für Raketen
Thomas Heises „Vaterland“ – filmische Erkundungen in einem ostdeutschen Dorf
Man könnte meinen, der Ort sei aus der Welt gefallen. Wie ein unverdaulicher Fremdkörper, der von den Zeitläuften runtergewürgt und wieder ausgespuckt wurde. Straguth, ein trostloses kleines Dorf abseits der großen Straßen, irgendwo in Sachsen-Anhalt, bewohnt von Menschen, die dem Kaukasus näher scheinen als Berlin. Hier ist die Wende eine fahle Erinnerung und die Bundesrepublik ein amorphes Etwas jenseits des platten Horizonts. „Der Russe war nicht verkehrt, einfach nicht verkehrt“, sagt Otto Natho in seiner Kneipe und meint das gar nicht mal politisch. Mit dem Russen konnte man Geschäfte machen, damals, als die Soldaten lastwagenweise zu Nathos Tresen strömten, im Schnaps ertranken und draußen im Wagen versuchten, Panzerabwehrraketen gegen die Zeche zu tauschen.
Thomas Heise filmt Natho beim Zapfen und beim Holz hacken, lässt ihn vom Krieg sprechen, der immer wiederkehrt, weil er seine Jugend war. Weitere Menschen, Wohnzimmer, alle in Straguth. Axel erzählt von 14 Jahren Gefängnis, von Gewalt und Schlägen, Marschieren und Putzen und der Sehnsucht nach zu Hause. Moni faltet Wäsche zusammen und erinnert sich an die dick geschminkten Gattinnen der russischen Offiziere. Langsam fährt die Kamera an gigantischen Plattenbauruinen vorbei, an aufgesprungenen Asphaltstraßen und den Überresten der einstigen Kaserne. Ein neuer Feuerwehrwagen wird eingeweiht, mit Blasmusik und Bewusstlostrinken. Es riecht nach Diesel und nach Schweinemist, nach Kohle und nach Ostalgie.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, Heise versuche sich in seinem Dokumentarfilm an einer Art Provinzfolklore und Reliquienschau der DDR. Doch Vaterland ist eine Spurensuche mit offenem Ausgang. Eine Expedition, die den grauen Asphalt des kleinen Dorfes aufbricht, in die Sedimentschichten und Abwasserkanäle der Geschichte vorstößt. In Straguth, diesem gottverlassenen Ort, gräbt Thomas Heise die deutsche Gegenwart um, vorsichtig wie ein Archäologe, der jedes Fundstück aufhebt, betrachtet sichert, egal, aus welchem Trümmerhaufen es ursprünglich stammen mag.
Unweit von Straguth waren Thomas Heises Vater und Onkel gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Zwangsarbeiterlager interniert. Als junger Mann fand er die Post, die sie aus der Gefangenschaft nach Hause, ins damals wie heute unendlich weit entfernte Berlin schickten – beschwichtigende, beschreibende Briefe, die in Heises Film eine seltsame, mit der Landschaft verschmilzende Gegenwärtigkeit entwickeln. Das Dorf und seine Umgebung werden zu Knotenpunkten unterschiedlichster Zeitlinien. Die Hoffnung der einst Internierten auf eine bessere Zukunft verbindet sich mit Herrn Nathos Geschichten von den russischen Befreiern und die wiederum mit den Bildern des verfallenen Truppenübungsplatzes, der zuletzt von der Nato genutzt wurde. Auf dem Boden liegen zerschossene Aufnahmen von schwangeren Frauen, mit denen die Hemmungen der Schützen herabgesetzt werden sollten.
Einmal sehen wir einen Halbwüchsigen in Bundeswehruniform, der mit seiner Freundin auf dem Wohnzimmersofa sitzt, während im Fernsehen eine Wissenschaftssendung läuft. Es ist von Galaxien die Rede und vom Ende des Universums, von negativer Materie und von schwarzen Löchern. Plötzlich wirkt Straguth nur mehr wie ein Staubkorn im All und die Geschichte wie ein lächerlicher Versuch, Ordnung in einen gänzlich desolaten Molekülhaufen zu bringen. Als wolle sie sich damit nicht abfinden, streicht die Kamera weiter über die Ruinen des Truppenübungsplatzes. Doch findet sie wenig mehr als eine vergilbte russische Zeitung, in der die Perestroijka noch in vollem Gange ist.
- Datum 20.11.2003 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48
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