Mit „Al-Quds“ wird auf arabisch Jerusalem bezeichnet. Nach seiner Machtergreifung im Iran 1979 hatte der Revolutionsführer Ajatollah Khomeini die Moslems in aller Welt dazu aufgerufen, jährlich für die „Befreiung Jerusalems“ zu demonstrieren, mit anderen Worten: für die Beseitigung Israels. Seit einigen Jahren folgen islamistische Gruppen auch in Deutschland dem Ruf ihres Idols. Selbst in diesem Jahr, unter dem Eindruck der Terroranschläge in Istanbul, ließen sie es sich nicht nehmen, dieser Tradition zu folgen. Und so marschierten am Samstag etwa 850 Getreue der islamischen Revolution - Männer und Frauen in streng voneinander getrennten Blöcken – in Kudamm-Nähe durch die Berliner Innenstadt.

Diesmal freilich hatten sie sich ein Schweigegebot auferlegt: Weil Parolen wie „Tod den Juden“, die in den vergangenen Jahren bei den Al-Quds-Aufmärschen gebrüllt worden waren, auf heftige Kritik aus Teilen der deutschen Öffentlichkeit gestoßen waren, sollten auf der Demonstration am Samstag gar keine Slogans gerufen werden. Die Teilnehmer, mit Bussen angereist, die von islamischen Zentren unter anderem in Bremen, Hamburg und Münster bereitgestellt worden waren, hielten sich mit eiserner Disziplin an die Order. Während des gut eineinhalbstündigen Marsches wurde die Demo jedoch permanent per Lautsprecher beschallt: Gürhan Özoguz, Mitbetreiber der islamistischen Internet-Homepage muslim-markt.de, gab stimmgewaltig und ausdauernd die Linie vor. Man wolle nichts als Frieden, weise den Antisemitismus-Vorwurf strikt von sich, wende sich „nur“ gegen jene „zionistische Okkupanten“, die in Palästina das schlimmste Unrecht anrichteten, das es auf dieser Welt derzeit gebe. Zum Terror von palästinensischer Seite, zu den Selbstmordattentaten, die sich nicht nur gezielt gegen „Zionisten“, sondern wahllos gegen israelische Zivilisten wenden, kein Wort.

Je weiter der Zug vordrang, ohne von der Polizei behelligt zu werden, desto schärfer wurde die Tonart der Agitation. Trotz des angeblich unpolitischen Charakters der Demonstration wurden Bilder des Ajatollahs Khomeini getragen, einzelne Kinder und junge Mädchen trugen die Stirnbänder der „Märtyrer“ – ein verschlüsseltes Wort für Selbstmordattentäter –, ein deutscher Rechtsextremist steuerte ein antisemitisches Plakat gegen die Herrschaft der „amerikanischen Ostküste (Wiesenthal)“ bei - und die libanesische Fahne signalisierte, welcher Geist hinter der Fassade dieser „rein religiösen“ Manifestation tatsächlich weht: die Gesinnung der islamistischen, vom Iran gesteurten, im Libanon ansässigen Terrororganisation Hisbollah.

In den Reden auf der Abschlusskundgebung am Savignyplatz fielen dann endgültig alle ideologischen Hüllen: Eine „Resolution“ verdammte nicht nur die israelischen „Zionisten“ und „amerikanischen und westlichen Imperialisten“, sondern auch die PLO und ihre „Kollaboration“ mit den Feinden der islamischen Sache. Gepriesen wurde ausdrücklich nur der „islamische Widerstand“ in Palästina, also im Klartext: der Terrorismus von Hamas und Islamischer Dschihad, der sich jeder Friedensregelung im Nahen Osten widersetzt und Israel von der Landkarte tilgen will.

Kein Wort der Distanzierung von den verheerenden Terroranschlägen in der Türkei war von diesen „Friedfertigen“ zu hören. Das ist besonders bemerkenswert, wird die pro-iranische Richtung unter den deutschen Islamisten, die hier Flagge zeigte, doch vor allem von Muslimen türkischer Herkunft getragen. Auf einer im Anschluss an die Demonstration vom „Bündnis gegen Antisemitismus“ und anderen linken antirassistischen Gruppen organisierten Pressekonferenz beschuldigten dann auch Sprecher iranischer Exilgruppen das Regime in Teheran, Hauptdrahtzieher des internationalen Terrorismus zu sein. Das vom Iran beeinflusste und finanzierte Netzwerk innerhalb der deutschen islamischen Gemeinden halten sie und die Vertreter der anderen Gruppen, die auf der Pressekonferenz sprachen, für ein potenzielles Rekrutierungsfeld für terroristische Aktivitäten. Konkrete Angaben über das Ausmaß dieser Bedrohung vermochten die Kritiker der islamistischen Demonstration jedoch nicht zu machen. Sie verwiesen vorwurfsvoll darauf, dass die Beibringung solcher faktischer Belege ja Aufgabe der Sicherheitsbehörden sei. Sie selbst wollten nur die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit auf eine schwärende Gefahr lenken: Aus politischen Gründen, nämlich den erwünschten guten Beziehungen zur iranischen Diktatur, spielten die offiziellen Stellen der Bundesrepublik (wie auch das Gros der deutschen Medien) die Bedrohung der inneren Sicherheit durch die Iran-Connection herunter.

Auf der Demonstration am Samstag war dieses Bedrohungspotenzial jedenfalls nur in begrenztem Maße sichtbar. Die pro-iranischen Islamisten zügelten sich und ihre Anhänger aus taktischen Gründen. Nur der Kindermund spricht bekanntlich die Wahrheit, und so traten am Rande der Demo hier und da kleine Jungs und Mädchen auf, die den zahlreich erschienenen Journalisten zuriefen, was sie zu Hause üblicherweise zu hören bekommen: „Tod Israel“ oder „Wir sind hier gegen die Juden“. Die Berliner Polizei steuerte den Demonstrationszug besonnen und routiniert zum Ziel; so verlief er fast völlig störungsfrei. Nur an einer Stelle wurde es ein wenig heikel: in unmittelbarer Nähe des Islamisten-Zuges hatten die so genannten „Antideutschen“ eine Solidaritätskundgebung für Israel abgehalten. Anschließend versuchten einige von ihnen, mit Israelfahnen an die Demonstranten heranzukommen. Die Polizei drängte sie mit sanfter, aber bestimmter Gewalt in angrenzende Hauseingänge ab und hielt die Tür zu. Bizarre Szenerie in der deutschen Hauptstadt 2003: Hinter einer von Polizisten verrammelten Haustür hört man gedämpft junge deutsche Linksradikale „Solidarität mit Israel“ skandieren. Durch das Glasfenster der Haustür lugt die israelische Fahne.

Die „Antideutschen“ sind eine Strömung innerhalb der linksradikalen „Antifa-Bewegung“, die mit dem klassischen Antiamerikanismus und Antiisraelismus der deutschen Linken gebrochen hat. Nach ihrer Einschätzung ist der Islamismus eine neue Spielart des Nationalsozialismus, und Israel und die USA stellen die aktuellen Vorposten im Kampf gegen diese neue faschistische Gefahr dar. So kam es, dass sich „antideutsche“ Demonstranten hinter der Polizeiabsperrung bei cooler, lauter Popmusik („Liebe zu dritt“ von „Stereo Total“...) aufgepflanzt hatten, martialisch riesige Israel- und Stars-and-Stripes-Fahnen schwenkend. Vorneweg ein Transparent mit der Aufschrift: „Für Israel! Für den Kommunismus!“