kommentar Politik der ausgestreckten Hand
Frankreich bemüht sich um bessere Beziehungen zu Amerika
Die Sehnsucht nach einem Ende der Eiszeit wird immer größer. Erst war es Außenminister Dominique de Villepin, der kürzlich den erlesenen Gästen des französisch-amerikanischen Presseclubs zu Paris zurief: Wir möchten den Amerikanern die ausgestreckte Hand zur Versöhnung reichen. Dann versuchte Staatspräsident Jacques Chirac Anfang dieser Woche persönlich, Tony Blair in London für eine confiance cordiale, ein neues Vertrauensverhältnis von Herzen zu erwärmen. Und am gleichen Tag veröffentlichte der Pariser Figaro einen Appell von vierzig Wissenschaftlern aus Frankreich und den USA, in dem unter anderen Francis Fukuyama und Ken Weinstein forderten, die zerstörten transatlantischen Beziehungen als Grundlage unserer gemeinsamen Zukunft wiederherzustellen.
Selbst in Washington, wo die Frankreich-Verachtung immer noch gewaltig ist, hat sich kürzlich ein Kongressausschuss mit 42 überwiegend republikanischen Abgeordneten konstituiert, der sich um Kontaktpflege mit den verpönten Franzosen bemühen soll. Doch die größte Rehabilitierung erfuhr Frankreich kürzlich durch eine der angesehensten politischen Zeitschriften der USA, dem National Journal ( www.nationaljournal.com ) in Washington, das im November mit der Titelgeschichte The French were right (Die Franzosen hatten recht) herauskam. Darin werden Frankreichs Hauptargumente gegen den Irak-Krieg postum bestätigt: dass der Diktator Saddam keine unmittelbar Gefahr darstelle, dass der Wiederaufbau langwierig und blutig werde und dass eine US-Intervention ohne UN-Mandat den Terrorismus und Antiamerikanismus in der islamischen Welt schüre.
Auf Anfragen, wie er diese unerwartete Ehrenrettung bewerte, reagierte Außenminister de Villepin vor dem Presseclub zurückhaltend: Wir haben zu keinem Zeitpunkt der Krise Lektionen erteilen wollen. Die schwierige Lage im Irak erfordere vielmehr ein hohes Maß an Bescheidenheit und Realismus. Diese Stichworte sind wohl nicht zufällig dieselben, die das National Journal anführt. Darin beschreibt der Journalist Paul Starobin, ein regelmäßiger Autor von Business Week und Atlantic Monthly, den tieferen Grund für das transatlantische Zerwürfnis: Es sei zu einem Rollentausch zwischen dem pragmatischen Amerika und dem sonst so grandios theoretisierenden Frankeich gekommen. Plötzlich hätten die Franzosen auf nüchterne Analyse und eigene Fehlerdiagnose gesetzt - vom schmählichen Rückzug aus Algerien bis zum Kampf gegen einheimische islamische Terrorgruppen lange vor dem 11. September -, während die Amerikaner mit politisch-philosophischen Visionen einer neuen Weltordnung argumentierten.
Denn Frankreich ist das einzige westliche Land, das im Algerien-Krieg blutige Erfahrungen gesammelt hat, als Besatzer aus einem islamischen Land herausgebombt worden zu sein. Erst nach einem achtjährigen Krieg, der zum Untergang der vierten Republik führte, gewährten die Franzosen den Algeriern 1963 die Unabhängigkeit. Für das National Journal ist das der entscheidende Wendepunkt, an dem Frankreich seine Sicht auf die islamische Welt revidierte und seine Orient-Kompetenz entwickelte - während die USA erst nach dem 11. September erkannten, dass die Beziehungen zum Islam erneuert werden mussten.
In Frankreich staunen viele über den Vorstoß aus Washington. Unsere Ideen finden in Amerika wieder Gnade, freut sich der Figaro. Frankreichs Ansichten werden in Washington nicht mehr tabuisiert, schreibt nüchterner Le Monde. Für Guillaume Parmentier, Amerika-Spezialist vom Pariser Auslandsinstitut Ifri, kommt das National Journal dagegen nicht überraschend: Die amerikanische Öffentlichkeit ist aufgeschlossener, als man in Europa vermutet.
In der Tat zeigt auch die jüngste Entscheidung der Bush-Regierung, angesichts der täglichen Terroranschläge bereits im Juni 2004 die Souveränität an die Iraker zu übergeben, dass man sich der Linie der Franzosen annähert. Seit Monaten schon warnen Chirac und de Villepin, dass das politische Machtvakuum den Terrrorismus schürt. Gegen Washingtoner Befürchtungen, dass der Irak noch nicht reif sei für eine politische Stabilisierung, führt Aussenminister de Villepin ins Feld, dass man die Iraker nicht unterschätzen dürfe: Die Menschen sind durchaus fähig, sich selber zu organisieren. Schließlich sei der Irak ein altes Land mit einer bedeutenden Vergangenheit und ausgeprägtem Stolz ist, weshalb wir auf die Iraker hören sollten.
Über deren Wünsche weiß man in Paris genauso gut Bescheid wie in Washington: Laut einer Umfrage vom August 2003 ist die Mehrheit der Iraker froh, dass Saddam gestürzt ist, aber zugleich wollen die meisten auch den Abzug der USA und den selbständigen Aufbau eines neuen Systems. Doch ein übereilter Rückzug der Koalition - so hat Paris immer wieder erklärt - wäre keinesfalls in Frankreichs Interesse. So wünscht Aussenminister de Villepin vielmehr, dass die ausländischen Streitkräfte auf irakischen Wunsch eingesetzt werden. Das ist längst nicht mehr bloß eine Sondermeinung der Achse Non-Nein-Njet zwischen Paris, Berlin und Moskau, sondern geht mit der neuesten amerikanischen Linie konform.
- Datum 17.07.2003 - 14:00 Uhr
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