Während in anderen Städten nicht nur unseres lieben Vaterlandes die Weihnachtsmärkte oft schon Anfang November und demnächst wohl Mitte August ihre Tore öffnen, müssen sich die Nürnberger traditionell bis zum Advent gedulden. Aber schließlich ist ihr Markt auch nicht irgendein muffiger Budenzauber, wie er von Hamburg bis München wochenlang so viele Innenstädte verbrettert, sondern der berühmteste Weihnachtsmarkt der Welt. Und wenn dann am Freitag vor dem ersten Advent das Nürnberger Christkind von der Empore der schönen Frauenkirche herab den Prolog zur Eröffnung spricht, werden die Bilder der Feierlichkeiten in alle Himmelsrichtungen übertragen; selbst den Abendnachrichten ist der festliche Akt meist einen kurzen pittoresken Beitrag wert.

Kein anderer Weihnachtsmarkt in Europa kann mit der Popularität des Nürnberger mithalten. Jährlich kommen mehr als zwei Millionen Besucher – teilweise mit Sonderflügen – in die Stadt unter der mächtigen Kaiserburg, um sich an der weihnachtlichen Stimmung zu erfreuen. Natürlich gab und gibt es mäkelige Zeitgenossen, die dem Ganzen nichts abgewinnen können. "Die Christkindl, die Rauschgoldengel, die Weihnachtsmänner, selbst ihre Ruten, sie waren im Kinderland der Phantasie geblieben und hatten Vertreter aus Leim und Pappe geschickt, die lustlos in den Buden hingen. Die Puppenstuben waren Puppenstuben aus dem sozialen Wohnungsbau", mokierte sich 1971 der Schriftsteller Wolfgang Koeppen.

Doch solch freudlose Stimmen sind selten – sanft eingelullt von Rostbratwurst-Duft und Glühweinwölkchen, bummeln Tausende durch die heimelig beleuchteten Gassen, bewundern Christbaumschmuck, kaufen Zwetschgenmännla und Nürnberger Lebkuchen. Nur den wenigsten Besuchern ist allerdings bekannt, dass manches an der äußeren Gestalt, vor allem aber das heiß geliebte Eröffnungsspektakel aus einer ganz und gar unheimeligen, heillosen Zeit stammt und ein Erbe des nationalsozialistischen Nürnberg ist.

Die Anfänge des berühmten Marktes allerdings reichen tatsächlich unendlich viel weiter zurück. Als führende protestantische Reichsstadt war Nürnberg geradezu prädestiniert, einen Weihnachtsmarkt abzuhalten. Da im Zuge der Reformation alle Heiligenverehrung abgeschafft worden war, entfiel auch der Brauch, die Kleinen am Nikolaustag zu bescheren oder – falls man es als pädagogisch notwendig erachtete – zu züchtigen. Der Doktor Luther indes wollte am Prinzip der Kinderbeschenkung festhalten; er verlegte diese kurzerhand auf Weihnachten und verpflichtete das "heilige Christkind" als Überbringer der glänzenden Gaben. Mit Erfolg: Vor allem im protestantischen Bürgertum entwickelte sich im Laufe des 16.Jahrhunderts die Kinderbescherung zum Mittelpunkt des Weihnachtsfestes; in den katholischen Gebieten kam hingegen noch sehr lange der Nikolaus.

Die erste Nachricht einer Kinderbescherung in Nürnberg datiert ins Jahr 1559. Der Patrizier Paulus Behaim schenkte seinen Buben zwei Schlitten, während sich die Töchter über Gürtel, Beuteltaschen, Spiegel und Haarbänder freuen durften. Mehrere Berichte aus den nächsten Jahrzehnten lassen darauf schließen, dass der Brauch bald in vielen Patrizier- und Bürgerfamilien geschätzt wurde. Nicht immer waren die Geschenke so großzügig wie im Haus von Paulus Behaim. Magdalene Paumgartner berichtet am 23.Dezember 1591 ihrem in Lucca weilenden Mann, dass ihr Sohn Balthasar ein lebendiges Pferd und eine "rechte Werre" (Waffe) auf seinen Wunschzettel geschrieben habe, sie ihm aber neue Strümpfe kaufen musste, da ihm die aus der "Meß" zu klein geworden seien. Um ihn nicht gänzlich zu enttäuschen, wolle sie den Socken jedoch noch "Narrenwerk" beifügen.

Schon 1616 beschwert sich der Pfarrer über den Kaufrausch

Auch wenn es nicht immer leicht war, die gierigen Wünsche der Kinder zu erfüllen, wuchs die Beliebtheit des Rituals. Am Sonntag vor Weihnachten anno 1616 blieb Wolfgang Lüder, dem Pfarrer an der Sebalduskirche, gar nichts anderes übrig, als die Vesperpredigt ausfallen zu lassen, weil "wegen des Einkaufens zum Kindleinbeschern keine Leut vorhanden gewest".

Bei so viel entfesselter Konsumlust musste fast zwangsläufig ein Markt entstehen – und es ward der Nürnberger Christkindlesmarkt. Wahrscheinlich an der Wende zum 17. Jahrhundert fand er das erste Mal statt. (Nicht, wie fälschlicherweise oft behauptet, bereits im Mittelalter; noch der berühmte Hans Sachs, 1494 bis 1576, erwähnt ihn mit keinem Wort.) Der allererste Nachweis stammt aus dem Jahr 1628. Es ist ein ungewöhnliches Dokument, eine Inschrift in schwarzer Tinte auf dem Boden einer 19 Zentimeter langen, ovalen, mit Blumen bemalten und mit Seidensträngen gefüllten Spanschachtel aus Nadelholz: "Regina Susanna Harßdörfferin von der Jungfrau Susanna Eleonora Erbsin zum Kindles-Marck überschickt 1628".