Zuerst war es nur so ein Gefühl. Nein, sogar eine Gewissheit: Irgendwo in Barcelona würde ich sie finden. Wahrscheinlich in der Altstadt. In einem Laden, der auf so etwas spezialisiert ist. Kann sein, dass ich mir so sicher war, weil ich sie schon einmal gesehen hatte. In einem Schaufenster vielleicht, im Vorübergehen. Früher einmal, bei einer unserer regelmäßigen Shoppingtouren. Als ich noch nicht so genau wusste, dass ich sie wollte. Besser gesagt: dass ich sie brauchte.

Doch Barcelona ist groß, seine Altstadt ein schwer verständliches Gewirr von Gassen und Gässchen, strukturiert nur durch drei große Straßenzüge: die Ramblas, die Avinguda Portal de l’Àngel, die Via Laietana. Und in jedem Haus ein Laden, der sich ganz auf ein bestimmtes Angebot konzentriert. Es gibt den Laden (1), der nur Stockfisch verkauft, und in derselben Gasse ein Geschäft (2) nur für Honig. Es gibt ("seit 1916") die Spezialbuchhandlung (3) für Bergsteiger, und es gibt S’Avarca de Menorca (4), wo man nur Menorca-Sandalen verkauft, jene Ursandalen mit einer Sohle aus gebrauchten Autoreifen, mit einem Lederband über dem Vorfuß und einem schmalen Riemchen über der Ferse. Sonst nichts. Im Sommerurlaub, am Meer, sind sie ein Symbol für das einfache Leben und die Weisheit des Traditionellen. Hineinschlüpfen, losmarschieren – Menorca-Sandalen sind elegant genug für den Aperitif bei Freunden, bieten aber ebenso sicheren Halt beim Kräutersammeln auf den Klippen.

Jetzt aber suche ich anderes Schuhwerk. Etwas für den Rest des Jahres. Etwas, das man auch mit Socken tragen kann und zu langen Hosen. Etwas aus Glattleder, in Dunkelbraun am besten, rundum geschlossen und mit einer Untersohle aus Leder.

Nun ist Barcelona, das Einkaufsparadies, auch voller großer Schuhläden. Besonders an der Fußgängerstraße Portal de l’Àngel reiht sich einer an den anderen und dann noch einmal jenseits der Plaça de Catalunya, am Carrer de Pelai. Die Niederlassungen von Camper (5) führen die bequemsten und Jaime Mascaro (6) die elegantesten Schuhe der Welt – für viel, viel weniger Geld als zu Hause.

Aber diesmal will ich etwas Besonderes. Diesmal muss ich weitersuchen.

Bei unserem Rundgang durch das gotische Viertel stehe ich wie immer lange vor dem altmodischen Messerladen (7) an der Plaça del Pi, und wer mich dabei beobachtet, muss sich ernsthafte Sorgen machen: Warum nur leuchten die Augen eines seriös gekleideten Herrn so, wenn er Vitrinen mit Dutzenden von Messern aller Größen und Arten sieht? Breite, schmale, lange, kurze Messer, mit Griffen aus Metall, Holz und Horn?

Ich gebe zu: Ich muss da immer an Araceli Segarra denken, die katalanische Mount-Everest-Bezwingerin, eine gefährlich schöne Frau mit hypnotisierenden Augen. "Ich liebe Messer", hatte sie einmal gesagt und mich dabei so eigenartig angesehen. Ich bin sicher: Sie ist auch Stammkundin an der Plaça del Pi. Betritt mindestens einmal in der Woche den Laden, zieht eine Nummer und wartet geduldig, bis sie an der Reihe ist, ihren Wunsch äußern darf und bis einer der außergewöhnlich höflichen Herren Verkäufer ein samtenes Tuch auf der Theke vor ihr ausbreitet und ihr die Ware vorlegt. Diesmal vielleicht ein kleines Knochenbeil? Oder ein Ausbeinmesser?

An der Ecke zum Carrer de la Palla, schon am Weg in Richtung Kathedrale, hat vor zwei, drei Jahren Caelum (8) eröffnet, der "Himmel", ein Feinkostladen, der nur Produkte aus Klöstern führt: Käse, Wurst, Süßigkeiten, Wein, Likör und – Absinth. Grün und gefährlich sieht er aus, und wer je zu viel davon probiert hat, etwa in der Marsella Bar, drüben auf der anderen Seite der Ramblas, der ahnt etwas von den Gewissensbissen der Mönche, die ihn destillieren. Pures, halluzinogenes Rauschgift zu machen!

Wir könnten jetzt dem Carrer del Pi folgen und wären nach ein paar Minuten in jenem unglaublichen Wurst- und Schinkenladen (9), in den Ferran Adrià, der wahnsinnige Dreisternekoch, seine Gäste gern zum Frühstück einlädt und wo die Damen aus der Nachbarschaft den Schinken von den Schwarzfußschweinen, den pata negra, kaufen. Doch die Würste und Schinken und Käse zum Mit-nach-Hause-Nehmen holen wir noch lieber am letzten Tag in der Boqueria (10), weil dort die Auswahl noch größer ist und es so gut riecht und die Verkäuferinnen so hübsch sind und man sich zwischendurch in der Bar Pinotxo stärken kann. Und weil außerdem jeder Stand ein Vakuumiergerät hat und man uns das Gekaufte liebevoll einschweißt. " Para viajar – für die Reise."

Also schlendern wir weiter durch das Gewirr der Galerías Maldà (11). In dieser Passage – "Branchenmix" scheint ein Wort zu sein, das deutsche Betriebswirte erfunden haben – liegen fast nur Läden für junge Eltern: Kinderkleidung, Kinderwagen, Kinderschuhe, Kinderspielzeug. Alles lange vorbei! Unsere Kinder möchten lieber, dass wir für sie in den "Kamelladen" (12) gehen, den sie so nennen, weil in seinem Eingang ein hölzernes Dromedar steht. Auf zwei Etagen gibt es hier alles an Kleidung für 14- bis 25-Jährige, was es in Hamburg, Berlin und München auch gibt. Nur in prächtigerem Ambiente: Stuck an den Decken, alte Fresken an den Wänden; das Haus war einmal das Stadtpalais einer reichen Familie. Und es gibt die coolen Sachen hier mindestens ein Jahr früher als zu Hause, während drüben, in den Plattenläden am Carrer del Tallers, noch viele der alten Scheiben stehen (auch Vinyl!), die bei uns längst vergriffen sind.

Doch meine Schuhe darf ich nicht vergessen, diese speziellen, die in ganz Deutschland nicht zu finden sind und in den 50 Schuhläden auch nicht, in denen wir heute schon gefragt haben…

Wenigstens sind wir im Numismatikladen (13) fündig geworden, in dem mit der wunderbaren Jugendstilfassade. Nein, keine Münzen. Auch keine Briefmarken. Sondern einen Bilderrahmen, wie man ihn nur in Katalonien kaufen kann. Wo die Leute nämlich unglaublich viel Champagner trinken (okay: Eigentlich muss er hier cava heißen, aber jeder spricht vom xampany) und die kleinen Blechdeckelchen vom Flaschenverschluss sammeln. Bisher haben wir unsere immer bei Núria abgeliefert, unserer besten katalanischen Freundin. Doch ab sofort werden wir selbst sammeln. 48 Deckelchen können wir erst einmal unterbringen, jedes auf seinem mit rotem Samt ausgeschlagenen Platz, eingefasst von einem Eichenholzrahmen. Ein Schmuckstück für unsere Küche. Und Pech für Núria.

Langsam wird es voll in den Altstadtgassen. "Barcelona ist wunderschön, wenn das Portemonnaie gut gefüllt ist", sagt ein Sprichwort. Und keiner aus der Stadt und dem Umland will sich das Wunder entgehen lassen. Drängt an den Samstagen und verkaufsoffenen Sonntagen vor Weihnachten durch die Altstadtgassen mit Kindern und Großeltern – und wenn es nur zum Schauen ist.

In den modernen Läden rund um die Plaça de Catalunya ist noch am ehesten Luft. Etwa bei Sfera (14), der Antwort der Kaufhauskette Corte Inglés auf Mango und Zara. Oder bei Sephora (15), dem Parfümtempel im Einkaufszentrum El Triangle. Wirklich ein Tempel, den man über eine schräg nach unten führende Rampe betritt, eintaucht gleichsam in einen sakralen Raum aus Licht und Duft, in dem die Priesterinnen und Priester schmal geschnittene schwarze Anzüge tragen und (immer nur an einer Hand!) einen schwarzen Handschuh, während ihre nackte Hand mit weißen Papierstreifen wedelt. An den Wänden, alphabetisch sortiert, alle großen Düfte der Welt. Irgendwann möchte ich eine Frau kennen lernen, die diesen irren Duft des Modeschöpfers Montana trägt.

Leicht benommen noch, gehen wir die Ramblas wieder hinunter und hinein in den Carrer de la Boquería. Ganz am Ende nämlich, schon am Carrer del Call, wartet Flotats (16). Der Herrenausstatter. Hier ist das Einkaufserlebnis nicht Inszenierung, sondern reine Nostalgie. So sahen die Läden meiner Kindheit aus, mit Glocken an den Türen und Verkäufern in grauen Kitteln. Und die Verkäufer kletterten auf Leitern und holten hoch aus einem Regal Kartons mit der gewünschten Ware. Zum Beispiel Herrenkniestrümpfe aus reiner Baumwolle. In allen Farben und jeder Größe.

Als wir Flotats wieder verlassen und schon zurückgehen wollen zum Hotel, resigniert für heute, weil mich meine Gewissheit doch getrogen hat, da sehe ich sie. Gegenüber dem berühmten Hutladen (17), in dem man nie den Hut kaufen darf, den man will. Sondern immer nur den, den Señor Obach für den passenden hält.

Genau gegenüber, an der Ecke zum Carrer Banys Nous, der Straße mit den vielen Antiquitätenläden, trägt noch ein Laden (18) den Namen Obach. Und dort stehen sie im Schaufenster.

Die Hausschuhe, die ich seit Tagen suche: aus glattem, dunkelbraunen Leder, rundum geschlossen, mit einer Sohle aus braunem Rauleder und einem leichten Absatz. Die einzige Art von Hausschuhen, die den zweiten Teil ihres Namens verdienen, weil sie in nichts an Filz und an Pantoffeln und an schlurfende Schritte und gerippte Unterhemden erinnern.

Sie sind speziell für Obach gefertigt. Es gibt sie nur hier.

Ich wusste es.

Information

1) La Casa del Bacalao, Carrer Comtal 8
2) Fleca Comtal 21, Carrer Comtal 21
3) Quera, Carrer Petritxol 2
4) S’Avarca de Menorca, Carrer Capellans 2
5) Camper Shop, z. B. Carrer de Pelai 13–37 (Einkaufszentrum El Triangle) oder Rambla Catalunya 122
6) Jaime Mascaro, z. B. Carrer de Còrsega 307
7) Ganiveteria Roca, Plaça del Pi 3
8) Caelum, Carrer de la Palla 8
9) La Pineda, Carrer del Pi 16
10) Mercat de la Boquería, Rambla Sant Josep 110
11) Galerías Maldà, zwischen Plaça del Pi, Carrer del Pi und Carrer Portaferrissa
12) El Mercadillo, Carrer Portaferrissa 17
13) Aureliano Monge, Carrer Boters 2
14) Sfera, Ecke Rambla Canaletes und Plaça de Catalunya
15) Sephora, Carrer de Pelai 13–37
16) Ramón Flotats Canal, Carrer del Call 20
17) Sombrerería Obach, Carrer del Call 2
18) Zapaterias Obach, Carrer Banys Nous 2