Bye Bye Billie Jean! Letzte Woche verkündeten der Bayerische Rundfunk, der MDR und mehrere Privatsender ihren Beschluss, vorläufig kein Stück von Michael Jackson mehr zu spielen. Auch Radio Schleswig-Holstein in Kiel und ffn in Hannover verzichten bis zur Klärung der Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs auf dessen Hits. "Wir nehmen ihn aufgrund des dringenden Tatverdachts vom Sender, bis sich die Sache geklärt hat", teilte Matthias Gehler, Hörfunkchef von MDR 1, mit. Der Terminus technicus dafür lautet: "aus dem Format streichen".

Das klingt sauber und korrekt. Ein verwaltungstechnischer Akt. Bei dringendem Tatverdacht, können wir uns vorstellen, steht in deutschen Hörfunkstudios Eduard Zimmermann mit am Plattenteller.

SWR-Musikchef Matthias Holtmann vertrat dagegen in einem Fernsehinterview, rechtsstaatlich korrekt, den Standpunkt, für den Angeklagten Jackson müsse bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gelten und daher auch sein Œuvre weiterhin gespielt werden dürfen. Die ARD bestätigte vorige Woche offiziell die unübersehbare Tatsache, dass es in dieser Frage "keine einheitliche Linie" gibt. Andere Sender, andere Sitten.

Das normale Musikprogramm eines normalen deutschen Radiosenders stellt normalerweise der Computer zusammen. Er wird gefüttert mit Deskriptoren, die Beschreibungen der Musik enthalten und mit der Geheimformel einer jeden Station – dem Format. Formatierung macht das Radio berechenbar. Der Computer weiß zum Beispiel, dass vormittags besonders viele Hausfrauen Radio hören. Also sorgt die programmierte Abfolge dafür, dass sie beim Bügeln nicht mit Heavy Metal aus dem Rhythmus gebracht werden.

Weil man nicht jeden Tag die gleichen 20 Stücke spielen kann, zumindest nicht in immergleicher Reihenfolge, treiben die Sender erheblichen Aufwand, um ihren Sound überraschungsarm zu machen. Regelmäßig tagen Abhörkommissionen zur Einordnung von Musik, die dann mittels Software in eine abzuspielende Reihenfolge gebracht wird.

Diesem Entstehungsprozess entspricht meist auch das Ergebnis. Eine "durchhörbare" Soße, ein Mahlstrom des Mainstreams, so eintönig, dass sogar die Plattenfirmen immer lauter über das Programm klagen.

Von Zeit zu Zeit erinnern sich die Geschmacksverwalter in den Sendern daran, dass Musik etwas mit Gefühlen zu tun hat. Dass sie Gedanken in Gang bringen könnte, dass eine Auswahl nach menschlichem Ermessen vielleicht doch klüger wäre. Auf solche Ideen kommen sie meist angesichts welterschütternder Ereignisse, die sie aus dem Phlegma ihrer selbst produzierten Langeweile aufschrecken. Dann werden aus Pop-Sachbearbeitern Bedenkenträger. Legendär sind die Schwarzen Listen, die während des ersten Golfkriegs oder nach dem 11. September kursierten.

Die amerikanische Kette Clear Channel, im Besitz von knapp 1200 Stationen, verbannte etwa nach dem Attentat in New York Titel wie Highway To Hell von AC/DC, Ticket To Ride von den Beatles oder Bernie & The Jets von Elton John aus dem Programm. Selbst harmlose Songs wie Walk Like An Egyptian von den Bangles schienen plötzlich mit unerwünschten Konnotationen aufgeladen. Auch die normalerweise in musikalischen Dingen aufgeschlossene BBC kannte zur Zeit des Golfkriegs kein Pardon. In The Army Now von Status Quo war ebenso tabu wie Abbas Waterloo. Damit ihr Song 3 AM Eternal unter diesen verschärften Bedingungen noch Gehör fand, schnitt etwa die Gruppe KLF ein Sample mit einem ratternden Maschinengewehr raus. Massive Attack strichen das "Attack" aus ihrem Namen. Doch was ist das im Vergleich zum vorauseilenden Gehorsam deutscher Programmmacher, die während des Golfkriegs sogar 99 Luftballons auf den Index setzten?