terrorismus Im Fadenkreuz der Terroristen

Militante Islamisten dringen nicht nach Westeuropa vor, sie sind längst da. Deutsche Verfassungsschützer sind den Verdächtigen auf der Spur, deutsche Polizisten nehmen sie fest, und deutsche Richter lassen einige von ihnen wieder frei

Am 20. März dieses Jahres – die amerikanischen Truppen haben gerade begonnen, Stellungen im Südirak zu bombardieren – besteigt ein halbes Dutzend junger Islamisten am Hamburger Flughafen verschiedene Maschinen. Zuerst geht es nach Syrien, von dort aus wollen sie in den Irak. Sie sind auf dem Weg in den Heiligen Krieg. Die Muslime wollen sich, davon sind die Verfassungsschützer der Hansestadt überzeugt, dem Kampf gegen die ungläubige westliche Imperialmacht anschließen, die sich anschickt, den Irak zu besetzen, der nach Saudi-Arabien als wichtigstes islamisches Zentrum gilt. Bagdad – einst Sitz des Kalifen, jenes Oberhaupts der Muslime, als dessen Nachfahre sich der Al-Qaida-Chef Osama bin Laden versteht.

Unter dem halben Dutzend Maghrebiner, die an diesem Tag ins Kriegsgebiet aufbrechen, ist auch der 30-jährige Abderrazak M. aus Hamburg. Seit kurzem ist ihm der Verfassungsschutz auf der Spur.

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Im November 2002 erfahren die Hamburger von befreundeten Nachrichtendiensten, dass sich in der Stadt ein gefährlicher Dschihadist herumtreiben soll. Einer, der bereit ist, für seine Überzeugung Blut zu vergießen. Vermutlich, berichten die Quellen, habe er eine Terrorausbildung durchlaufen und habe an der Seite der Mudschaheddin in Tschetschenien gekämpft. Die Verfassungsschützer überprüfen die Szene. Kurz vorm Jahreswechsel identifizieren sie Abderrazak M. als den potenziellen Terroristen.

In der Islamistenszene rund um die Al-Quds-Moschee in Hamburg-St.Georg ist der gebürtige Algerier gut bekannt. Manche nennen ihn den „Scheich“. In der arabischen Gesellschaft ist das ein Ehrentitel. Leute mit Einfluss heißen so. Leute mit Renommee. Seit 1991 lebt Abderrazak M. in Deutschland, als abgelehnter, aber geduldeter Asylbewerber. Zwischen 1994 und 1999 hält er sich im Ausland auf, wo genau, ist nicht mehr zu ermitteln. 1999 heiratet er eine Deutsche, wohnt seither wieder in Hamburg. Die Verfassungsschützer beginnen, wie es im Behördejargon heißt, Abderrazak M. „intensiv operativ abzuklären“. Bald merken sie, dass er es versteht, geschickt mit der Observation umzugehen.

Als mutmaßlicher Terrorist in Hamburg ein freier Mann

„Er erwies sich als gewieft in konspirativer Verhaltensweise“, berichtet der stellvertretende Leiter des Hamburger Verfassungschutzes, Manfred Murck. „Er verhielt sich geschult und wendig.“ Der Mann, glaubt Murck, wäre in der Lage, auch schwierige Terroranschläge zu verüben. Heute sind sich die Fahnder sicher, dass sie mit ihrer Vermutung richtig liegen. Und doch: Abderrazak M. ist noch immer ein freier Mann. Er wohnt in Hamburg-Rahlstedt.

Deutschland, ein halbes Jahr nach Beginn des Krieges im Irak. Noch, sagt die Stimmung im Land, hat uns der Rachefeldzug der arabischen Extremisten nicht erreicht. Aber seit den Autobomben von Istanbul, die mindestens 57 Menschen töteten und Hunderte verstümmelten, haben viele Deutsche das Gefühl, die Einschläge rückten näher. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger, 57 Prozent, befürchten laut einer Forsa-Umfrage nach den Attentaten am Bosporus, dass Selbstmordbomber in ähnlicher Weise auch hier zuschlagen könnten.

„Kaida an Europas Haustür“, titelte die Hamburger Morgenpost, „Der Terror rückt näher“ die Welt am Sonntag, „Al Qaida geht westwärts“ die FAZ- Sonntagsausgabe. Es sind Schlagzeilen, die den Eindruck erwecken, al-Qaida sei eine Wanderbewegung aus dem Nahen Osten, die allmählich, geschoben von einer anschwellenden Hasswelle über die Besetzung des Iraks, nach Kerneuropa vordringe.

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