Georgien Mischa, Nino oder Surab
Nach der unblutigen Revolution in Georgien folgt der Machtkampf der drei Sieger
Tiflis
Die Nacht, in der Eduard Schewardnadse zurücktrat, kannte nur ein Wort. „Mischa!“, riefen Zehntausende von Demonstranten in den Stunden, als sich die Nachricht vom Rücktritt des georgischen Präsidenten in der Welt verbreitete. Schewardnadse kannten alle, von Mischa haben außerhalb Georgiens nur wenige gehört. Das wird sich ändern.
Mischa ist der Kosename von Michael Saakaschwili, dem Helden der kleinen Nation im südlichen Kaukasus. Sie hätten auch „Nino“ oder „Surab“ brüllen können. Denn Nino Burdschanadse, die seit vorigem Samstag amtierende Präsidentin Georgiens, und Surab Schwania, ihr Parteikollege, spielten eine ebenso wichtige Rolle beim Sturz des Präsidenten. Saakaschwili, Schwania, Burdschanadse – dieses Trio hat einen ersten wichtigen Sieg errungen im Kampf um Reformen in dem heruntergewirtschafteten und zerrütteten Land.
Doch nur einen feiern die Georgier als Ikone der neuen Zeit: Michael Saakaschwili. Es war seine Nationale Bewegung, die bei den Parlamentswahlen am 2. November die meisten Stimmen von allen Oppositionsparteien eroberte. Mit ergreifender Sprachgewalt prangerte er in den letzten Tagen des alten Regimes den Wahlbetrug an. Seine ungestüme Energie und das Durchhaltevermögen seiner Stimmbänder beeindruckten viele. Die Georgier lieben Schauspieler. Die Fernsehkameras waren stets dabei, als der telegene 35-jährige Jurist mit dem jungenhaften Lachen durchs Land fuhr, um das Volk für Demonstrationen zu mobilisieren. Das brachte ihm den Zorn der Regimeanhänger ein. Mehrfach versuchten gedungene Autofahrer, ihn mit quietschenden Reifen zu überfahren. Saakaschwili stellte sich ihnen fuchtelnd entgegen – und kam davon.
Als mutig und kompromisslos gilt der hoch gewachsene Mann, der mit einer Holländerin verheiratet ist, auch im politischen Geschäft. Saakaschwili hatte an der Columbia-Universität in New York Jura studiert und wurde von Schewardnadse zum Justizminister berufen. Im Jahre 2002 trat er zurück, weil die Regierung ein Antikorruptionsgesetz nicht billigen wollte. In der turbulenten Kabinettssitzung bezichtigte Saakaschwili damals den Apparat der Bestechlichkeit und belegte dies mit Fotos von Luxusvillen einiger Staatsbeamter. Impulsiv und manchmal unüberlegt sei er, meinen seine Kritiker. Doch gerade mit seiner leidenschaftlichen Art hat Saakaschwili am vorigen Wochenende den Impuls gegeben, das Parlament zu stürmen.
Selbst wenn sie neben dem Heißsporn Saakaschwili blass aussehen: Auch Schwania und Burdschanadse sind nicht unwichtig für die Zukunft Georgiens. Der 39-jährige Schwania ist der Kopf der zweiten großen Oppositionspartei. Die Wähler haben dem Biologen unbarmherzig gezeigt, dass er nicht gerade populär ist. Es hat dem gedrungenen Mann mit den funkelnden dunklen Augen vielleicht geschadet, dass er für lange Zeit Schewardnadses enger Vertrauter war. Erst 2001 kündigte er seinen Posten als Parlamentspräsident, aus Protest. Damals wollte der georgische Sicherheitsdienst Informationsmaterial des unabhängigen Fernsehsenders Rustawi2 beschlagnahmen. Als gewiefter Machtmensch soll er das Parlament, so sagen Abgeordnete, noch besser im Griff gehabt haben als seine Nachfolgerin.
Nino Burdschanadse war seither Parlamentspräsidentin unter Eduard Schewardnadse. Der Coup hat sie auf dessen Präsidentensessel gespült – bis zu den Neuwahlen am 4. Januar. Doch auch auf der Höhe ihrer Macht fällt die 39-jährige Burschanadse keine wichtige Entscheidung ohne Beratung mit Schwania. Dessen Vereinigten Demokraten hatte sie sich erst wenige Wochen vor den manipulierten Novemberwahlen angeschlossen. Neben dem politischen Konkurrenten Saakaschwili wirkt sie nun für georgische Verhältnisse ein wenig zu reserviert.
Favorit für den Posten des neuen Präsidenten ist zweifellos Saakaschwili, den die Georgier gerade deshalb lieben, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt. In der Krise verglich er Schewardnadse mit dem rumänischen Diktator Ceauçescu – und wunderte sich, dass der angeschlagene Präsident nicht mehr mit ihm sprechen wollte. Am Ende empfing Schewardnadse ihn dann doch zusammen mit Schwania, um seinen Rücktritt zu unterschreiben. Das war eine Leistung, von allen Seiten. Schewardnadse hatte erkannt, dass seine Zeit vorbei war. Burdschanadse, Schwania und Saakaschwili handelten kompromisslos, aber besonnen. Diese Revolution hätte leicht blutig enden können.
- Datum 27.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.11.2003 Nr.49
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